Vereinbarkeit? – Ha.Ha.Ha.

Das Internet ist im Augenblick voll mit Texten zu Vereinbarkeit, und damit ist nicht Skat oder Kegeln gemeint, sondern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, also Erwerbstätigkeit. Der Grundtenor: man müsse sich nur genügend anstrengen, und schon sei das eigentlich kein Problem, alles nur eine Frage des Wollens. Beide in Teilzeit, Stundenkonten, alles 50:50 aufteilen, Erwerb und Care – toll.

Kurzfassung: Vereinbarkeit gibt es nicht. Maximal für Väter, die unbehelligt 100% zur Arbeit gehen, unabhängig davon, wie viele Kinder sie haben. 

Vereinbarkeit, Familie, Beruf, KinderIch bin seit rund 13 Jahren mehr oder weniger stille Beobachterin der Szenerie, und mit drei Kindern leidlich kompetent, um eine kleine Gegenäußerung zu tätigen. Was in Großstadtlagen und entsprechendem Umfeld eventuell denkbar sein könnte (viele Konjunktive) ist mit mehr als einem Kind, mit mehr als einer halben Stunde Anfahrt zum Job und mit gewissen Jobs, die nicht von einem Applegerät aus zu erledigen sind, schlicht nicht denkbar.

Die Lage

Meine Kinder sind alle drei vor der Ära des Elterngeldes geboren. Das Jüngste ist dermaßen knapp daran vorbeigeschrammt, dass ich noch immer verwunderte Blicke von Neu-Eltern ernte, wenn ich erzähle, dass wir damals überhaupt keinen Pfennig bekommen haben für unsere Kinder, und sowas wie Vätermonate wie ein lustiger Witz aus Schweden klang. So lang ist das nämlich noch nicht her, dass sich Dinge getan haben, und daher ist es wichtig – wie übrigens IMMER – Elternmodelle und Familienmodelle erstens nicht gegeneinander auszuspielen und zweitens unbedingt über den Tellerrand zu schauen und sich aus seiner eigenen Blase zu begeben.

Elternschaft führt – 13 Jahre Beobachtung, wie gesagt – nur leider allzu oft zur lästigen Nabelschau bzw. zu sonderbaren Dingen wie „ich habe entdeckt, wie man Marmelade kocht – nun müssen es aber alle entdecken!“, wobei vergessen wird, dass die Menschheit seit Erfindung des Gelierzuckers Marmelade kocht, und sogar schon seit davor. Eltern werden ist eine Lebensstation, ja. Aber viele Menschen vorher und nachher erleben sie, und es wäre schön, wenn das einfach wieder etwas völlig Normales werden könnte.

Womit wir mitten im deutschen Problem sind: hier bekommt ja keiner mehr Kinder.

Gründe

Woran das liegen kann? Nun ja, ich habe da eine Antwort. Es liegt an der fehlenden Normalität, dass Kinder eben da sind und genauso zum Leben gehören wie, ähm, wie die Tapeten an der Wand? Wie die Blätter an den Bäumen? So in etwa. Dass sie so normal dazugehören, dass niemand im Büro rumdrucksen muss, weil sie schwanger ist, weil er noch ein Kind erwartet, weil alle früher nach Hause müssen zum Laternenumzug. Dass wirklich niemand überlegen muss, bewerbe ich mich auf diese oder die andere Stelle, dass keine Familie Hunderte von Euro bezahlen muss für Betreuungsplätze – und dass vor allem endlich endlich anerkannt wird, was es heißt, ein Kind in diese Welt hineinzubegleiten.

All das findet nämlich nicht statt. Wenn wir von Vereinbarkeit sprechen, muss zuerst klar sein, dass wir hier als Gesellschaft Kinder bejahen. Was definitiv nicht der Fall ist. Im zweiten Schritt brauchen wir Einigkeit darüber, dass Kinder bekommen zwar eine private Entscheidung ist, aber sie ist im Ergebnis ein Beitrag für uns alle, für unser Zusammenleben, für die Zukunft – und ab da dürfen wir nicht den beiden, die sich für ein Kind entschieden haben, die Kosten für eine Infrastrukur (die wir ihnen ja aufzwingen!) ans Bein binden. Nochmal: Hunderte für einen Kitaplatz? Irrsinn.

Der nächste Punkt: wer verdient denn das Geld für diesen Kitaplatz? Das sind, fackeln wir nicht lange, die Mütter. Die geraten auf diese Weise nicht selten in die Lage, mehr oder weniger für die Kostendeckung der Betreuung zu arbeiten, und für viel mehr reicht es nicht. Oder sie arbeiten sehr viel mehr als sie wollen, „damit es sich lohnt“, getrieben von „denk an dein Alter!“, „denk an die Karriere!“, „denk daran, dass du mehr bist als nur Mutter!“ etc. Also stehen Frauen mit der Einjährigen auf dem Arm morgens um sieben auf der Kitamatte, reißen den Tag über ihren Job runter, sehen abends nochmal eine Stunde das Kind und das war es gewesen. Nicht wenige – man muss allerdings ein wenig bohren – wollen das überhaupt nicht. Nicht wenige spüren nämlich, wie ihnen an drei bis vier Fronten die Kräfte ausgehen, weil ein voller Job und ein ganzes Kind, eine ganze Beziehung und ein halber Haushalt eher für zwei bis drei Personen angelegt ist – und nicht für eine allein.

Vereinbarkeit – da gibt es doch auch Väter?

Womit wir bei den Vätern ankommen. Denn wo sind die eigentlich? Ah – die sitzen auf ihrer Vollzeitstelle, die sie schon vorher hatten, die sie nicht reduzieren mussten wegen Schwangerschaftsdingen, oder für 14 Wochen verlassen für den Mutterschutz, sie haben nicht geboren, nicht gestillt. Das sind alles körperliche Vorgänge, die weder politisch noch medizinisch veränderbar sind, die nicht wegdiskutiert werden können: wir Frauen setzen uns mit vollem Körpereinsatz ein für den Nachwuchs, der, wie gesagt, die Zukunft für uns alle ist. Körpereinsatz, der nicht immer spurlos vorübergeht, und damit meine ich nicht die Kilos, sondern alle Veränderungen, auch die hormonellen und die psychischen.
Ja, es gibt Paare, die andere Lösungen haben, die will ich nicht kleinreden.
Aber sprechen wir doch mal kurz von Berufen, die beispielsweise Schichtarbeit verlangen. Im Krankenhaus. Da helfen 50:50 Modelle nämlich wenig, weil die Arbeitszeiten schlicht nicht über einen längeren Zeitraum planbar sind. Der Vater meiner Kinder hatte zwar monatliche Dienstpläne, aber mit täglich wechselnden Schichten, so dass ich eigentlich nie wissen konnte, an welchem Wochenende er im kommenden Monat überhaupt zuhause sein könnte – und zu welchen Zeiten.
[update: ich wusste natürlich auch nicht, an welchen Wochentagen er da war, und wenn ja, ob morgens, mittags, abends oder nachts. Drei bis fünf Nachtschichten bringen außerdem zwei bis drei Tag körperliche Zurückumstellung mit sich… Überflüssig zu sagen, dass es auch keine Großeltern gab.]

Oder Feiertage. Die ersten Weihnachtsfeste habe ich mit den Kindern allein gefeiert, weil man entweder Weihnachten ODER Silvester freibekommen konnte, und ich dachte, wenn die Kinder klein sind ist es ja egal, ob der Papa da ist oder nicht, erinnert sich eh keiner dran, und wenn wir Silvester haben und Freunde sehen können, haben wir als Erwachsene und als Paar mehr davon.

Außerdem ist Krankenpflege eher beschissen bezahlt, reden wir nicht drumrum, und die Zulagen für Wochenenden und Feiertage waren immer dringend gebrauchte Beigaben. So hat sich für uns mehr oder weniger organisch die 100:0 Lösung ergeben, ER geht zur Erwerbsarbeit, und ich bin für die Kinder da. Bei 3 Kindern unter 3 lässt sich das vielleicht auch nicht anders regeln, jedenfalls war für mich klar, dass ich das so und nicht anders möchte. Ich hätte mir zu keinem Zeitpunkt in den ersten drei Jahren vorstellen können, morgens um 8 Uhr an meinem Schreibtisch zu sitzen und Drehbücher oder ansprechende Werbetexte zu schreiben. Zu keinem.

Arbeitest du nix?

Wir hatten damals ein Haus auf dem Land, das wir mit Holz beheizt haben, und das wenige Geld (wir sind mit 1400 Euro netto gestartet, nennen wir es beim Namen) musste extrem gut aufgeteilt werden, damit wir Essen hatten, Heizung und Klamotten für die Kinder.

Womit wir wieder beim Anfang wären: das sind Kompetenzen. Für drei (Klein-)Kinder da sein. Haushalten können. Gutes Essen zubereiten. Genug Geld für den Tank haben. Die ganze Logistik zu bewältigen weitab vom Schuss. Den Garten betreiben, damit mal Salat und Gemüse da ist. Aber – und ich habe darunter gelitten – da kommt keiner und klopft dir auf die Schulter und sagt: „Wie machst du das, nach 2 Stunden Schlaf in der Nacht?“
Da sagt niemand: „Mensch, was du dir alles draufgeschafft hast an Fachwissen zu Kinderkrankheiten, Entwicklungsfragen, und so weiter“ (das war noch vor dem Internet!, bzw lang vor social media mit all den anderen Müttern Eltern drin!).

Nein. Was sagen die Leute stattdessen? „Arbeitest du nix?“

Was habe ich diesen Satz gehasst. Nein, ich sitze den ganzen Tag in der Sonne, mit dem Baby an der Brust, und schaue den Stoffwindeln beim Trocknen zu. (Habe ich wirklich gemacht).

Diese Frage drängt Mütter in eine ganz fatale Sache: sie wollen plötzlich ihre Mutterarbeit sichtbar machen. Und wie macht man sie sichtbar? Indem man lauter sichtbare und damit messbare Dinge findet, und so entstehen auf der einen Seite die abendlichen Wehklagen gegenüber dem Partner, der „natürlich NIE sieht“, wie viel zu Hause getan wird, und auf der anderen Seite die ganzen perfekten Blogs, über die dasnuf letzthin so treffend schrieb. Oder Frühförderung, mein Lieblingsthema. Oder diese ganzen „das braucht ein Kind – BIETE ES IHM!“-Vorstellungen. Die Kehrseite: schon wieder Überforderung, Stress, Fassade und Bühnenzwang, der nicht daher kommt, dass es instagram gibt, sondern aus der gefühlten Notwendigkeit, die Arbeit im Haus, am Herd und mit den Kindern in eine Gleichwertigkeit zur Erwerbsarbeit zu setzen. Zur Erwerbsarbeit des Partners, aber auch zur Erwerbsarbeit all der anderen Frauen.

Ich würde so gern eine Agentur gründen für Elternlob.

Um Entlastung zu schaffen und Anerkennung und Wertschätzung zu verteilen. Denn die eigentliche Sache ist doch die Begleitung der Kinder in den ersten paar Jahren, damit sie ein Fundament haben und später als gefestigte und runde Persönlichkeiten ihren eigenen Weg gehen können. Ohne dass wir Erwachsene uns daneben zerbröseln müssen.

Die mögliche Lösung

Es ist doch alles nur eine Phase! Die Kinder werden doch so rasch groß. Warum können wir also nicht Eltern Eltern sein lassen, geben ihnen für ein paar Jahre genug Geld und lassen sie danach völlig selbstverständlich wieder zurück in ihren Job? Warum klammern wir uns so sehr an lückenlose Erwerbsbiografien und respektieren nicht die Fürsorgearbeit für Kinder? Das gilt für Mütter und Väter! Warum können wir nicht drei, vier Jahre im Leben der Kinder für Ruhe sorgen?
Meine Kinder sind jetzt zwischen 9 und 12 Jahren alt, sie sind, soweit man das sagen kann, irgendwie gut geraten. Sie haben das gut weggesteckt, dass ich die ersten 5 Jahre komplett für sie gesorgt habe ohne nennenswerte Erwerbsarbeit, und sie verkraften auch meine freiberufliche Anwesenheit zuhause. Denn es war so: quasi in der ersten Minute ihres Größergewordenseins habe ich meine Arbeit wieder aufgenommen. Das jüngste Kind war 3 Jahre alt, als ich SUNA geschrieben habe und angefangen habe, damit zu Messen, Verlagsterminen und Lesungen zu fahren.

Gut, das war ein unkalkulierbarer Erfolg, nicht jedes Buch geht diesen Weg, aber es hätte ja auch jede andere Arbeit sein können. Und ich bin fest davon überzeugt, dass wir alle besser fahren würden – und auch die Elternbeziehung erheblich entlasten würden! – wenn wir allgemein zum Phasenmodell übergehen würden und es für keine Mutter und keinen Vater ein Problem darstellen würde, für zwei oder drei Jahre mehr oder weniger aus der Erwerbsarbeit auszusteigen und für die Familie da zu sein.

Dann gäbe es keine tagsüber abwesenden Elternteile, die zwar 50% Eltern sind, und gern 100% Eltern wären, aber nur 10% abliefern können, weil sie eben nicht da sind. Physisch nicht, und mental ja auch nicht.

Ich möchte nicht wissen, wie viele Partnerschaften an diesen kleinen alltäglichen Dingen zerbrechen, den immer wiederkehrenden Gesprächen und den im Untergrund lauernden Fragen nach Vaterbildern, Mutterbildern, Kinderentwicklungswegen … und der dabei nicht einmal ausgesprochenen, aber gefühlten Unzulänglichkeit. Und das, würde ich sagen, ist dann doch ein ziemlich hoher Preis.

 

 

UPDATE:

Hier schreibt der Ersatzpapi: „Wenn eine Spezies es geschafft hat, dass die Versorgung des Nachwuchses unwichtiger wird, als der berufliche Erfolg, läuft irgendetwas schief.“

66 Gedanken zu “Vereinbarkeit? – Ha.Ha.Ha.

  1. Janine

    Der für mich absolut beste Text zum Thema;spricht mir aus der Seele und analysiert treffend die Stellung unserer Elterngeneration in der Gesellschaft. Erst mit einem Diskurs darüber können sich Werte ändern. Also, lasst uns darüber reden!

  2. Stephanie

    Danke für diesen Artikel. Früher habe ich mich lustig gemacht, über meine Mutter die mit drei Kindern zu Hause war und nicht arbeiten ging. Heute bin ich neidisch darauf, dass sie das konnte und keinen Druck von außen bekam. Wir sollten viel mehr Mut zum Muttersein haben ohne zusätzlichen Erwerb und dafür kämpfen, dass diese Aufgabe wertgeschätzt wird. Sie ist anstrengender als jedes Projekt, dass ich jemals betreut habe.

  3. Nachbarin

    Verheiratet. Habe ein vierjähriges Kind. Mann 100%. Er hat beinahe einen burn-out. Ich arbeite zur Zeit freiberuflich „wenn es geht“. Vermisse Kollegen und eine strukturierte Organisation aber: Das gigantische Rattenrennen, Kind wegbringen, morgens gestresst und unfreundlich sein, morgens im Stau stehen, abends im Stau stehen (da geht meine Lebenszeit), viel zu wenig Bewegung – das hab ich gestoppt. Alles litt darunter: Kind, ich, Familie, Haushalt und der Job. Jetzt also freiberuflich, gottseidank geht das in meinem Beruf. Immer wieder passiert es, dass ich Aufträge nicht annehmen kann, weil: Kochen, Kind abholen, andere Kinder sind zum Spielen da. Manchmal klappt es ganz gut – wenn ich für alles kämpfe wie verrückt. Nein, nicht jammern. Frühere Generationen Frauen hatten es noch schwerer. Hey, wir haben Waschmaschine, Geschirrspüler, Staubsauger! Ich hab keine sechs oder mehr Kinder bekommen müssen. Nur mal so Gedanken.

  4. Kaddi

    Hab ich gern gelesen. Dieses Gerechtfertige macht mich im Moment ganz krank. Ich mach es nicht laut oder vor den Fragenden, ob man sich denn schon wieder bewerbe, aber ich mach es mit mir aus und da bin ich noch nicht ganz im Reinen mit mir. Lg Kaddi

  5. Eva

    Genau so isses. Ebenfalls 3 Kinder ohne Elterngeld/Vätermonate groß gezogen. Heute 9,11,13.
    Danke für diesen Artikel! !!!
    LG Eva

  6. Extramittel

    Natürlich stimmt das, ein Aber kann ich mir aber doch nicht verkneifen: Nach meinen Beobachtungen zerbrechen mindestens so viele Beziehungen am „Hausfrauenmodell“, d.h. der unterschiedlichen Erfahrungswelt. Klassische Situation: Mann (ist es ja meistens) kommt nach Hause und will seine Ruhe haben, Frau (wenn es denn der Mann ist, geht es ihm auch nicht anders) hat nach einem Tag voll Haus- und Kinderarbeit ganz andere Bedürfnisse. Es ist toll, wenn ein Paar das für ein paar Jahre hinbekommt, selbstverständlich ist das nicht. Ich glaube, dass ein stressiges 50:50-Modell eher verbindet. Von den finanziellen Folgen einer Trennung für den Elternteil, der zuhause geblieben ist, gar nicht zu reden.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Nein, das Zerbrechen mache ich nicht am Modell fest. Sondern am Druck, irgendwelchen Bildern gerecht werden zu müssen, oder das zu meinen. Was verschärft wird, wenn von allen Seiten Druck kommt und ganz gegensätzliche Dinge proklamiert werden als „das Richtige“.
      Womit Frauen viel stärker konfrontiert sind, weil sie ja vermeintlich die Wahl haben. Haben sie aber (meistens) schlicht nicht. Übrigens in beide Richtungen. Nicht jede Vollzeit arbeitende Frau kann so einfach „zuhause bleiben“ (<- wie bekloppt das klingt, auch ein Teil des Problems der Anerkennung der Arbeit dort), wenn es in ihrem Umfeld nicht akzeptiert wird als Bild.

  7. Monika

    Dieses „glauben sich rechtfertigen zu müssen“ scheint ein ewiger Begleiter von uns Frauen zu sein.
    Meine Mutter musste sich rechtfertigen, dass sie es wagte sich mit 3 Kindern scheiden zu lassen, weil dann muss sie doch arbeiten gehen…
    Aber es war die erste Generation, die Kids nicht als „unfertige Erwachsene“ betrachtete.

    Als ich geboren wurde, hätte mein Vater meine Mutter noch ohne ihr Einverständnis beim Chef abmelden können (!) . Frauen durften ohne männlichen Vormund keine Firma leiten (!).

    Ich musste mich rechtfertigen, weil ich es wagte mit 2 Kindern durchgängig berufstätig zu sein.

    Heute müssen sich offenbar Frauen rechtfertigen, wenn sie den Beruf der Hausfrau wählen.
    Weiterer Unterschied zur Generation meiner Mutter und meiner: Kids bestimmen rund um die Uhr das Leben der Erwachsenen. Kids stehen auf dem Thron wie kleine Götter, hat man doch viel in Kauf genommen, damit sie da sind. Alles wird ihnen untergeordnet. Und die Kids müssen leisten, viel leisten, viele Erwartungen erfüllen.

    Und alle drei Generationen von Frauen treffen aufeinander.

    Gemeinsam ist jeder Generation, die wirtschaftliche Abhängigkeit. Bleibst du heute daheim und hast nicht wirklich viel Geld im Familienverband hast im Alter kein Geld. Völlig egal wie man vorsorgen mag.

    Gemeinsam ist auch: viele Mütter aller Generationen (und sag ich bewusst Mütter) holen sich ihren Wert über die Kinder. „Wir haben die Matura/Abitur“ geschafft. Das hört ich nicht einmal. 😉

    Die Generation meiner Großmutter musste sich nicht rechtfertigen, über sie wurde bestimmt: War Krieg, war es logisch, dass die Frauen ran mussten. War Frieden war klar, dass die Frau dem Mann die berufliche Karriere ermöglicht indem sie daheim bleibt.
    Aber es war die erste Generation bei der nur mehr 1 Mann und 1 Frau für die Kids zuständig waren. Vorher war es immer eine Mehrzahl an Erwachsenen. (rund 1920 herum ).

    Ich selbst schätze die vielen Möglichkeiten die es gibt. Bin immer noch der Meinung: Kids und arbeiten gehen läßt sich vereinbaren, wenn man es mag. Kids werden dennoch was und leiden auch nicht darunter.
    Mag eine Frau daheim bleiben: super, ihre Entscheidung, kann ich voll verstehen => solang sie es nicht als: „das muss so sein, sonst wird aus den Kids nichts “ darstellt, weil dann zwingt sie jede Frau, die es anders sieht sich zu rechtfertigen.

    Hie und da träum ich davon, dass Frauen anderen Frauen deren Lebensentwurf nicht in frage stellen, weil dann der gesellschaftliche Rechtfertigungsdruck sicher weniger werden tät. Und hie und da träum ich von mehr Gelassenheit der heutigen Mütter.

    Das „sich zerbröseln“ müssen ist hausgemacht. Wenn das Kind in drei verschiedene Nachmittagsbeschäftigungen muss, weil Musik, Sprache, Turnen auf dem Programm steht, weil man ja nichts vorenthalten mag, dann wäre vielleicht auch hier “ abspecken“ möglich, damit sich mehr vereinbaren läßt.
    zb mal ein Frauennachmittag, um wieder mit anderen Erwachsenen kommunizieren zu können: mit Fokus: Kids sind kein Thema in dieser einen Stunde 🙂

    1. Kitty Koma

      Ja, wenn es nicht perfekt sein muss, geht es. Und wenn frau als Anreiz einen sehr guten Verdienst hat. Ich habe mich mit einem schulpflichtigen Kind und einem halbtags arbeitenden Mann selbständig gemacht. Das ging sehr gut. Knappes Geld und enge Welt , das hätte mich zu sehr frustriert. Und ich hatte mein Büro im Haus.
      Ich war für viele Dinge nicht zuständig – Putzen, Einkaufen, Zahnarzt, Impfungen, Mathe üben. Das hat mein Partner gemacht oder es wurde nach draußen delegiert. Nachmittagskurse gab es erst, als das Kind groß genug war, das allein zu machen. Sie hat eben “ nur“ mit Freunden gespielt. Unorganisiert, wir wohnten am östlichen Stadtrand, da war das so üblich.
      Wobei ich in Kleinkindzeiten noch studierte und meine Tochter von 3-5 Jahren bei meiner Mutter war. Und ich habe zu viel gearbeitet, weniger Geld hätte auch gereicht. Ich habe mir gesundheitlich geschadet.
      (BTW Ich hatte dein Selbstversorgerleben übrigens immer als heimliches Ideal.)

    2. Pia Ziefle Artikel Autor

      das war mal. Das Selbstversorgerdings. Und es war nur in Ansätzen. Ich habe mich jahrelang mit meinen Erdbeeren abgekämpft, nur um nach zehn Jahren (!) zu erfahren, dass die Schwiegermutter Erdbeerdünger nimmt! Heute kriege ich nicht mal mehr Basilikum eine Woche lang durch.

  8. Claudia

    Ich habe soeben durch Zufall Deinen Artikel gefunden und ich muss sagen: Du triffst es auf den Punkt! Klasse! Dieses „Du bist ja nur zu Hause“ schlug mir auch eine ganze Weile auf den Magen, nachdem ich wegen gesundheitlicher Probleme unseres Grossen ganz ungeplant und unvorhergesehen nach der Elternzeit zu Hause geblieben bin. Nach dem 2.Kind habe ich meine Vollzeitstelle von damals ganz sausen lassen, denn ich hätte dieses Kräftebalancieren zwischen Job, Kindern und Haushalt nicht hinbekommen!! Ich finde es schade, dass sich Mütter oftmals so sehr anstrengen und sich über ihren Job definieren. Ich gebe zu, ich ertappe mich auch manchmal dabei, denn ganz im Inneren habe ich auch quasi ein schlechtes Gewissen, fast „nur“ Mutter zu sein (ich arbeite freiberuflich)….

  9. Nora

    Das klingt alles richtig krass – und ich kann es gar nicht nachvollziehen. Hier in der CH: 14 Wochen Mutterschaftsurlaub, Vater 1 Tag für Geburt, kein Elterngeld, dafür anständiger Lohn (der in den ersten 7 Jahren für Kindertagesheim wegging, aber dafür jetzt – Kinder im Teenageralter – immer noch anständig ist); Ich habe zwar echt viel gearbeit, im Job und zu Hause, aber sooo schlimm wie bei Euch kam es mir nie vor. Im Gegenteil, ich habe beides (+ schönen Lohn) sehr gerne gemacht.

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  11. Zefix

    Ich finde mich auch in dem Text wieder – vor allem in der Aussage, dass es doch zum Leben dazu gehört, Kinder zu bekommen. Als müsste man sich dafür rechtfertigen, dass man diese teure Hobby angefangen hat. Kinder zu bekommen gehört doch dazu wie Essen und Schlafen. Und auch Arbeiten gehört dazu. Wozu die Schule, die Uni, all die Praktika, wenn ich dann nicht das mache, womit ich meinen Lebensunterhalt selbst verdienen kann? Warum muss das alles so ideologisch überfrachtet werden mit irgendwelchen Mutterbildern.
    Ich bin alleinerziehend mit zwei Kindern (7 und 9) und arbeite 40 Stunden die Woche. Ich brauche eine Stunde hin und eine Stunde zurück. Manchmal fühle ich meinen Körper nicht mehr. Reduzieren kann ich nicht. Die Kinder waren die letzten drei Monate fünfmal krank (naja, einmal hatten wir Läuse). Statt dass mein Chef mal sagt, „Wie schaffen sie das nur? Jeden morgen pünktlich hier sein und dann auch noch gut gelaunt?“ Nein, er sagt: „Frau XXX, so kann das aber nicht weiter gehen.“ Er hat auch Kinder. Aber manchmal fraage ich mich: Haben seine Kinder auch einen Vater?

  12. Elena

    Das stimmt genau so bloß früher waren auch Kindergärten entweder kostenlos oder günstiger als auch die Lebensunterhaltungskosten und man konnte einigermaßen über die Runden kommen. Und heutzutage muss man jeden ct 3 mal umdrehen und schuftet eigentlich nur um entweder nicht auf Sozialhilfe angewiesen sein oder um die kitagebühren zu decken. Ich würde gerne zumindest nach 1 Jahr halbtags arbeiten gehen aber wo findet man so eine Stelle? 🤔 die einigermaßen gut bezahlt wird.

  13. Pingback: Ich wünsche mir ... Vereinbarkeit - Ich lebe! Jetzt!

  14. Petra

    Komme aus dem Nicken gar nicht mehr raus. Danke für diesen Text. Der Müll, den ich mir in Elternzeit anhören müsste, passt in keine Tonne: „Na, dann haste aber umsonst studiert.“ – „Nur zuhause? Da verblödet man doch!“ (Ich war mit 3 Kids 3 J. 100% Hausfrau und weitere 3 J. zu 80%, der Rest: Homeoffice). M.E. bin ich nicht verblödet, im Gegenteil und das Medizinwissen, dass ich dazugewann, zahlt sich jetzt auch beruflich aus. Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Eltern auch 5 oder 10 Jahre nur in Familie machen dürfen (wenn das finanziell geht) und hinterher nicht der Lebenslauf auf Papier zählt, sondern der Mensch, der da steht.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      JA! Exakt so. Als wäre der Mensch nur die Summe seiner Ausbildungen und seines finanziellen Gegengewichtes. Diese neoliberale Sicht (ich hätte gern was anderes geschrieben…) lässt mir immer wieder neu die Haare zu Berge stehen.

  15. Pingback: Kein Gegeneinander. – mehrfamilienblog

  16. Pingback: Über die Vereinbarkeit von Beruf und Familie – Markus Väth | NEW WORK IDEAS

  17. Pingback: Lieblinks der Woche – Marmeladenschuh

  18. Mara

    Danke für diesen tollen Artikel, auf den ich durch Marmeladenschuh gestoßen bin und für Sätze wie diese „Es ist doch alles nur eine Phase! Die Kinder werden doch so rasch groß. Warum können wir also nicht Eltern Eltern sein lassen, geben ihnen für ein paar Jahre genug Geld und lassen sie danach völlig selbstverständlich wieder zurück in ihren Job?“ Das sehe ich zu 200% genauso :-).

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      danke! Ich bin immer noch sehr überwältigt von so viel positiver Resonanz, stellt man sich doch mit so einer Haltung oft massiv in den Gegenwind.

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  21. Kerstin

    Liebe Pia! Herzlichen Dank für diesen Text!
    Das denke ich auch, dass die Kinder so schnell gross werden! Dazu, was ist, wenn das Kind mit 3 nur sehr sehr ungern in den Kindergarten geht? Und Mama 25h arbeiten soll? Das Kind also 30h in einer Einrichtung ist, wo es nicht hin mag? Und dann kommt mir die Gesellschaft noch mit der Idee der Ganztagsschule? Wo es überall an Geld fehlt für vernünftige Architektur und noch wichtiger: herzliche Betreuung?
    Und sind wir ehrlich: 25 Tage Urlaub sind uns Erwachsenen doch auch oft zu wenig. Zerrissen wie wir sind…
    Herzliche Grüße!

  22. Bettina

    Mein ältester Sohn ist auch 12 und ich bekam damals Geld – Erziehungsgeld hieß das damals. Wieso habt ihr das nicht bekommen?

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      welches Bundesland? Es gab soviel ich weiß, verschiedene Regelungen.

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  24. Bettina

    Das war ne bundesdeutsche Sache.

    Aus wiki: Erziehungsgeld war für Geburten zwischen 1. Januar 1986 und 31. Dezember 2006 eine Ausgleichsleistung des deutschen Staates für einen Elternteil, der das Kind vorwiegend erzog. Es wurde für Kinder, die seit dem 1. Januar 2007 geboren sind, durch das Elterngeld ersetzt.

    Der Elternteil, der Erziehungsgeld haben wollte, durfte nur einer Teilzeitarbeit von maximal 30 Stunden pro Woche nachgehen. Schüler und Studenten als Eltern durften jedoch ihrer Berufsausbildung in vollem Umfang nachgehen. Es durften bestimmte Einkommensgrenzen nicht überschritten werden.


    Am Ende ist es aber auch egal – ist ja jetzt eh vorbei.

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  27. Nadine

    Danke für diesen tollen Text! Ich finde diesen Punkt sooo wichtig:
    „Warum können wir also nicht Eltern Eltern sein lassen, geben ihnen für ein paar Jahre genug Geld und lassen sie danach völlig selbstverständlich wieder zurück in ihren Job? Warum klammern wir uns so sehr an lückenlose Erwerbsbiografien und respektieren nicht die Fürsorgearbeit für Kinder? Das gilt für Mütter und Väter!“
    Denn er würde vor allen den Eltern zu Gute kommen, denen diese ganze Vereinbarkeitsjammerei gerade mal gehörig am Allerwertesten vorbeigeht: Die, die gar keine Wahl haben – Alleinerziehende, Geringverdiener, Eltern, die es sich beim besten Willen nicht leisten können, dass einer länger zu Hause bleibt…

    Und für alle wie mich, die sich den Luxus leisten können, dass einer Teilzeit arbeitet, finde ich den Aspekt ganz wichtig, dass nicht alles auf einmal stattfinden muss: Kinder, Karriere, Haushalt, vielleicht noch Hausbau und whatever. Ich fahre z.B. solange meine Kids noch klein sind, jobtechnisch eher auf ruhigeren Gleisen, damit genügend Energie für den Rest da ist :o)

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    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Teils teils. Die beiden Ältesten waren für kurze Zeit in einem Kindergarten – warum das nicht gut ging wäre Stoff für einen anderen Text, den ich lieber nicht schreibe – nach einem Umzug gingen die dann 4 und 5 Jahre alten Jüngeren in einen anderen Kindergarten.

  29. Franziska

    Du sprichst mir so aus der Seele! Genau so ergeht es mir gerade. Ich würde so gern noch mit meiner kleinsten Tochter Zeit verbringen, aber leider muss ich Geld verdienen und nach ihrem 1. Geburtstag wieder arbeiten gehen. Es zerreißt mir das Herz. Und auch die beiden größeren müssen dann wieder zurück stecken. Das macht mich sehr traurig. Schade, dass man sich in unserem Land dafür entschuldigen muss, wenn man Kinder bekommt.

  30. Margot

    Ich habe mit den Kindern mein erstes Studium hingeschmissen. Fünf Jahre Elternzeit für nur zwei Kinder, ein Luxus. Wir haben ihn uns geleistet. Seitdem haben wir so ziemlich jedes Modell durch, das es gibt. Als die Große in die Schule kam, entschied sich mein Mann gegen Hort und für die Kinderlogistik. So arbeite ich heute kurz vor ihrem 18. Geburtstag Vollzeit mit 75km Arbeitsweg und er – selbständig mit Werkstatt zu Hause- immer noch Teilzeit, weil Ferienbetreuung mit 30 Urlaubstagen auch im Gymnasium unmöglich ist. Und auch Zehntklässler nicht ins leere Haus zurück kommen wollen, sondern ein Papa- Essen und Papa-Ohr zu schätzen wissen. Auch das ist ein Luxus, den sich nicht jeder gönnen will oder kann! Zur Kinderlogistik gehören auch bei den Großen noch Arztbesuche oder Behördendinge, die ich nur an Urlaubstagen erledigen könnte, da mein Arbeitstag um 6.00h mit einer Autofahrt beginnt und um 18.00h mit der zuklappenden Autotür endet. Vielleicht werfen uns unsere Kinder mal vor, dass bei uns immer mehr Zeit als Geld vorhanden war? Vielleicht fällt es auf sie böse zurück, wenn wir von unserer Rente mal keinen Altersheimplatz bezahlen können? Wir haben unserer Gesellschaft zwei wunderbare Menschen geschenkt, wir haben unser Leben um sie herum aufgebaut. Ich würde aus heutiger Sicht natürlich einiges anders machen, trotzdem: ich bereue nicht eine Sekunde, die ich mit den Kindern verbracht habe!

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Liebe Margot, das freut mich sehr, von deinem Weg zu zu hören, und besonders freut mich das hier „Und auch Zehntklässler nicht ins leere Haus zurück kommen wollen, sondern ein Papa- Essen und Papa-Ohr zu schätzen wissen“, noch habe ich keinen 10.-Klässler, aber lang hin ist es nicht mehr, und ich ahne, dass ich das dann genauso sehen werden wie im Augenblick.
      Auf lange Sicht haben wir mit der Zeit, die wir für die Kinder haben und hatten, sicher mehr „erreicht“ als mit Geld möglich wäre, auch wenn Geld das ein oder andere erleichtert. Trotzdem, ich zitiere mich hier selber, ich glaube, dass gebildete Eltern mit keinem Geld sehr sehr gut sind für ihre Kinder… weil sie nicht alles kaufen können, und parallel dazu genug Wissen haben, das sie ihren Kindern weitergeben können.
      Dank dir vielmals für deinen Kommentar hier!

  31. Pingback: Wo sind eigentlich die Väter? - Pia Ziefle | Autorin

  32. Silvia

    Sehr geehrte Frau Ziefle,

    heute wurde Ihr Text zur „Vereinbarkeit“ in der Sächsischen Zeitung abgedruckt. Ich habe angefangen, ihn zu lesen, und ehrlich gesagt, sind mir sofort die Tränen in die Augen geschossen. Danke für Ihren Mut, diese Dinge deutlich beim Namen zu nennen. Ich habe selbst zwei Kinder im Kleinkindalter. Ich arbeite als Referentin 30 Stunden pro Woche. Haus und Haushalt. Mehr muss ich dazu nicht sagen…
    Ich bin mit ganzem Herzen Mutter – aber es schmerzt mich jeden Tag aufs Neue, wenn ich meine Kinder in die Kita bringe, wenn ich sie kurz vor knapp abhole, wenn ich zu Hause nie, und damit meine ich nie, Zeit habe, um mich an ihrem Spiel zu beteiligen, wenn ich lautstark die Nerven verliere, wenn die Kinder „aus der Reihe tanzen“, wenn die Kinder traurig sind, weil mein Mann ständig auf Dienstreisen muss etc. etc. etc. Vieles lässt sich einigermaßen ertragen. Nicht jedoch die angesprochene „Nicht-Anerkennung“. Dieses „Ich müsste jetzt wirklich gehen, meine Tochter hat noch einen Termin, können wir das bitte morgen fertig machen. Bitte.“ Das schlechte Gewissen, wenn man wegen Kind-krank-Tagen schon wieder nicht ins Büro kann (aber trotzdem zwischen Fiebersaft und Grießbrei-kochen von zu Hause aus weiterarbeitet). Dieses „Angina, muss man da wirklich zu Hause bleiben?“ etc. etc. etc. Im Übrigen geht es meinem Mann genauso.
    Vielleicht helfen Texte wie Ihrer, mehr Verständnis in unserer Unternehmens-/Arbeitskultur zu schaffen. Aber ehrlich gesagt, glaube ich nicht daran. Der Fisch stinkt immer vom Kopfe her … als 60jähriger Spitzenpolitiker/-manager hat man im Regelfall keinen Bezug mehr zu solchen Themen. Warum also die Mühe machen umzudenken und das auch zu kommunizieren? Schade, für die Familien und vor allem die Kinder… (PS: Und schade für unsere Arbeitswelt, denn die verschleudert mit dieser falschen Einstellung Ressourcen.)

  33. Karin

    Liebe Pia!
    Auch ich habe Deinen Artikel in der Sächs. Zeitung gelesen. Alles richtig! Aber was tun?
    Ich bin 61 und in der DDR groß geworden. Mein Vater war selbstständig, meine Mutter hat mit meinem Schulanfang wieder angefangen zu arbeiten. Es war auch immer eine Geldfrage. Ich konnte zur Oma gehen und war auch später ein Schlüsselkind, sehr gern und auch gern allein zu Hause.
    In der DDR war es kaum möglich, nicht arbeiten zu gehen. Als ich meine Tochter bekam, war es aber selbstverständlich, ein Jahr zu Hause zu bleiben, dann war mir schon langweilig. Schlimm waren da die Arbeitszeiten, Anfang 6.20 Uhr!!! Jeden Tag Anschiss vom Chef, weil es pünktlich einfach nicht ging. Obwohl seine Frau Kindergärtnerin war!!!! Also auch da war es blöd. Immerhin hatten wir da noch einen Haushaltstag im Monat! Mussten aber über 8 h arbeiten. Dann war es nicht so einfach, alles für den täglichen Gebrauch zu bekommen. Da ging auch viel Zeit drauf. Das zweite Kind war dann so oft krank, dass ich es krippenuntauglich schreiben musste, was gar nicht so einfach war. Ich wäre gern halbtags arbeiten gegangen. Die Zeit hatte ich allerdings auch für eine Fortbildung genutzt. Mit der Wende war alles anders, Freiheit auch im Arbeitsbereich. Alle brachten, wenn es möglich war, ihre Kinder später in den Kindergarten. Aber meine Kinder waren auch bald selbstständig und konnten, da in der Stadt, Sport und Musik allein besuchen. Mein Mann hat sich sehr auch um die Schule gekümmert.
    Wäre ich zu Hause geblieben, wäre die Angst, dass der Partner die Arbeit verliert, sehr groß gewesen. Das Damoklesschwert stand damals über uns alle Familien. Wir haben es geschafft, dass alle Kinder studiert haben und inzwischen selbst Kinder groß ziehen. Sie haben wieder die gleichen Probleme abgewandelt auf ihre Zeit. Aber keiner würde auf die Arbeit verzichten wollen, denn auch jetzt will sich jeder was leisten und muss an die Rente denken (was man natürlich in dem Alter nicht macht).
    Aber wir müssen auch ehrlich sein in unserem Land: Nie haben wir so einen hohen Lebensstandard gehabt. Nie hätten wir uns das Häuschen bauen können, hätte ich nicht auch gearbeitet. Auch wollen wir alle schöne Reisen machen, das kostet Geld. Denkt Ihr mal an Eure Eltern, konnten die das alle so? Natürlich gab es noch den Ost- West- Unterschied in den Verdiensten und den Möglichkeiten, aber in den letzten 25 Jahren hat sich doch vieles angepasst. Auch gehen viele Paare jetzt viel schneller auseinander als zu unseren Zeiten ( in der DDR war das keine Frage des Geldes, eher in der alten BR, wo die Frau abhängiger war). Wenn jetzt eine Frau beruflich raus ist, ist sie ganz schnell bei Harz4. Es gibt doch genügend Statistiken darüber. Wir müssen real denken, wir bekommen nicht alles geschenkt, wir müssen uns es erkämpfen. das wird immer so bleiben. Irgendeiner muss ja auch die Sozialkosten erarbeiten. Das sind immer die Gleichen, die die arbeiten gehen. Nur die können auch Steuern zahlen.
    Wichtig wäre, dass jedes Modell anerkannt wird, wenn es hinterher nicht schief läuft, wegen Trennung.
    Sicherheiten gibt es im Leben nicht. Übrigens ist es schön, wenn man wieder Enkelkinder hat!!!!!!!!
    Vor ein paar Jahren musste ich mir mal von einem Bayrischen Kollegen einen giftigen Kommentar anhören, der mir die Sprache verschlagen hatte: Nur weil bei uns in der DDR alle arbeiten musste, wird das jetzt auch von ihnen verlangt. So ein Schwachsinn!
    Also allen derzeitigen Müttern einen guten Rat: Ihr müsst nicht überall perfekt sein und Ihr müsst auch nicht alles mitmachen. Denkt auch an Euch und lasst Euch von anderen Müttern nicht zu Dingen drängen, die einfach zu viel sind. Die Kindergeburtstage gehen auch einfacher und müssen keine Events sein.
    Lasst Euch nicht unter kriegen! Kinder sind schön! Auch wenn sie manchmal nerven oder später auch mal ungerecht zu uns sind. Die haben das Leben mit Höhen und Tiefen noch vor sich.
    Herzlichst Karin aus Sachsen

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Liebe Karin,
      du sprichst einen ganz wichtigen Punkt an: den Lebensstandard. Ich denke, da lässt sich schon hinterfragen, was alles „sein muss“, und ich denke auch, das kann in meinem Fazit „es ist alles nur eine Phase“ ja berücksichtigt werden. Denn für die paar Jahre, die für die Kinder wichtig sind, kann man vielleicht nicht ganz alles haben, was es zu erreichen gibt. Also vielleicht eine Reise weniger oder kein Auto oder was auch immer. Und für die Rente können wir doch auch davor und danach wieder arbeiten. Ich habe das an anderer Stelle mal gerechnet: letztlich, wenn ich von 10 Jahren Kinderphase ausgehe, dann habe ich doch immer noch genug Zeit, um mir eine Rente anzusparen und meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Finde ich. Für mich gesprochen.
      Und: vielen vielen Dank für deinen Beitrag aus einer ganz anderen Perspektive, einer, die ich nicht kenne, weil ich ja im Westen groß geworden bin, und zudem noch ein ganzes Stück jünger bin. Ich freue mich darüber ganz besonders! Noch eine Frage ganz zum Schluss: war das einfacher, damals, wenn alle Familien mehr oder weniger dasselbe Modell leben mussten, als heute? Wo wir die freie Wahl haben, oder das Gefühl haben (sollen), und es fühlt sich aber gar nicht so sehr nach Freiheit an?

  34. Karin

    Wir waren auch nicht freier und es ist wie in jeder Situation. Man misst sich immer mit seiner Umwelt und nicht mit dem Unerreichbaren. Bei uns gab es DAMALS einen Witz: Was ist der Unterschied zwischen einer Ost- und einer Westfrau: Die Westfrau hat an jedem Finger einen Ring und die Ostfrau an jeder Hand ein Kind….. Ich hatte ja damals immer Deutschlandfunk gehört und sehr interessiert als junge Frau die Diskussionen über Emanzipation und Selbstverwirklichung angehört, wenn es um internationale Frauentreffen ging. Da sprachen dann mal die Frauen aus Südamerika und sagten einfach, dass es für Sie schon ein Glück ist, wenn ihre Männer Arbeit haben. Die Lage der Frauen ist so unterschiedlich. Uns geht es doch immer noch sehr gut. Das Problem ist schließlich immer, dass Geld auch ein wenig frei und unabhängig macht. Ich hatte damals eine Kollegin, die mit 54 vier Kinder groß gezogen hat (was nicht geplant war). Sie ist als Ingenieurin immer arbeiten gegangen, also jeweils nach einem Jahr und sie hat trotz Problemen mit dem letzten Kind aus allen was werden lassen und alle arbeiten heute. Sie selbst hat es geschafft, in dem Alter nach der Wende immer Arbeit zu haben und hat nie aufgegeben, sie hat auch nie gejammert sondern war immer fröhlich und optimistisch. Das war ein Vorbild für mich. In unserem Freundeskreis haben alle 2 Kinder groß gezogen und die Frauen sind immer arbeiten gegangen. Wir waren verheiratet und sind es heute noch alle glücklich. Meine Kinder sind nicht verheiratet und meine Tochter ist mit ihrem Partner auseinander. Jetzt sind die Kinder eine Woche bei ihr und eine Woche beim Papa. Es sind gute Eltern und die Kinder kommen zurecht. Ich weiß nicht, wie sie es später mal sehen…… und es ihren Eltern vorwerfen. Aber was wir „Alten“ bemerken, dass sich keiner mehr binden will, denn Ehe bedeutet heute Verpflichtungen dem Partner gegenüber auf größere Dauer. Ich streite mich mit Freunden über das Thema Ehegattensplitting. Aber das ist eine Vergünstigung, von der Sie sicher auch in der Zeit, als nur Ihr Mann arbeiten konnte, profitiert haben, der Vorteil einer Ehe, aber wenn es dann auseinander geht, muss der Partner dann auch dafür gerade stehen. Alle alten Modelle sollte man nicht einfach ungesehen weg werfen.
    Für uns waren Kinder damals einfach normal und wer nur ein Kind hatte, wurde schief angeschaut und wer mehr als 2 hatte, genauso. So komisch kann eine Gesellschaft sein – eine freiwillige Gleichschaltung. Wir haben auch damals schon gesagt, dass sich diese Ausfallzeiten der Arbeit bei Kind krank ein Unternehmen eigentlich nicht leisten kann. Aber daran ist der Sozialismus sicher nicht gescheitert. Das hatte andere Gründe.
    Meine Nachbarin hat gerade ihr 4. Kind bekommen. Sie haben ein Haus vor 13 Jahren gebaut, was sie wohl kaum schaffen, abzubezahlen, denn Sie arbeitet nur von zu Hause sicher nicht mit großem Gewinn. Sie sind immer am Limit. Ich denke auch, dass es mehr Unterstützung geben müsste. Selbst um eine Haushaltshilfe von der Krankenkasse muss sie über eine Anwältin kämpfen, obwohl sie Anspruch hätte. Irgendwo ist hier auch das Steuergeld falsch verteilt.
    Es besteht wohl hier vor allem die große Angst, wenn zu viel Geld in die Kinder gesteckt wird, dann bekommen nur die Kinder, die nur davon leben. Aber man bringt es ja nicht einmal fertig, die Kindereinrichtungen kostenlos zur Verfügung zu stellen. Das würde auch diesen Kindern sehr helfen in der Sozialisation. Wenn wir schon einmal dabei sind. Das Bildungssystem finde ich sehr unsozial. Wer Kinder schon nach der 4. Klasse in gut und schlecht trennt, braucht sich über die derzeitigen Auswirkungen nicht mehr zu wundern.
    Jetzt habe ich aber sehr viel geschrieben. Lag mir aber mal am Herzen. Das Thema wird in jeder Generation aktuell sein!
    Viele Grüße!
    Karin

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Liebe Karin,
      einige deiner Punkte habe ich die Tage über bedacht, und einer davon ist der mit der Bindungsunwilligkeit der Leute heute. Ich glaube tatsächlich – wie ja auch mein Fazit am Ende des Artikels – das hat einen unmittelbaren Zusammenhang mit den Erwartungen an „Familie“, die von außen kommen, von innen, von der Seite. Über die das Paar sich irgendwie einig werden muss, und ich habe den Eindruck, dass diese Einigkeit heute nicht mehr so leicht herzustellen ist, weil es so viele Möglichkeiten zu geben scheint. Oder gibt. Das Gefühl, als Mutter oder Vater „zu kurz zu kommen“ oder Wesentliches zu „verpassen“, das kommt auch daher, dass Kinder und Familie nicht mehr so selbstverständlich sind, aber ich weiß es nicht, das ist nur so ein Gefühl. Parallel dazu sollen Eltern heute alles leisten. Sie sollen die Kinder auf allen Ebenen versorgen und gleichzeitig all den Erwartungen entsprechen, da wird jede winzige Entscheidung gleich ganz groß und bedeutungsschwer. Vielleicht überlegt sich der eine oder die andere vor dem Hintergrund der ganzen „so muss es sein“-Debatten dann schon, ob er oder sie wirklich Eltern werden möchte.

  35. Iris

    Hallo Pia,
    was für ein schöner und treffender Text! Ich habe vier Töchter im Alter von 8, 5, 3 & 3 Jahren und laufe seit Jahren mit einem schlechten Gewissen herum, dass ich als Juristin doch endlich mal wieder arbeiten sollte, damit ich beruflich nicht weg vom Fenster bin. Allein wegen der Anzahl der Kinder bin ich das wahrscheinlich eh schon und habe entschieden, dass mir das komplett egal ist. Wenn alle Kinder eine passable Stufe des Größergewordenseins erreicht haben, findet sich ja vielleicht wieder das Passende. Wie wunderbar, dass sich jemand traut, auszusprechen, dass Familie und Beruf zumindest in manchen Phasen unvereinbar sein kann.
    Herzliche Grüße
    Iris

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Liebe Iris, herzlich willkommen im Club der Talentverschwenderinnen :)) Das ist übrigens ein Wort, das ich ein paar Mal gehört habe die letzten Tage und Wochen… lass uns mal abwarten, unsere Chance kommt in genau dem gap, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen und unsere Kinder noch nicht alt genug sind: dann suchen sie Leute wie uns, mit Lebenserfahrung und all den Kompetenzen, die man während so einer Familienphase erwirbt. Das sind nämlich nicht wenige.

  36. Wolfgang

    Liebe Pia,
    zusammengefassend vieler mir selbst gemachter Gedanken und geführten Diskussionen zu diesem Thema denke ich, das Hauptproblem besteht darin, dass man die Wahl hat und gleichzeitig sich daran gewöhnt hat, dass es eine Gesellschaft (Staat) gibt, die sich um einen zu kümmern hat. Es gibt sehr viele Länder auf dieser Welt mit einem sehr viel geringeren Volkswohlstand, einem viel schlechter funktionierenden Sozialstaat und mit viel mehr Kindern. Ich weiß nicht, ob die Frauen dort unsere Probleme verstehen würden.
    Ausserdem denke ich, dass einige Frauen mit ihrer freien Wahlmöglichkeit innerlich nicht so frei umgehen können, so dass sie keinen Rechtfertigungsdruck empfinden und gleichzeitig die Einschränkungen bzw. Folgen ihrer Entscheidungen einfach bewältigen ohne die Verantwortung dafür delegieren zu wollen.
    Ich bin Vater von 2 erwachsenen gut geratenen Kindern. Wir sind beide auch nach dem 1. Lebensjahr voll arbeiten gegangen und haben Kinder und Haushalt gemeinsam bewältigt, natürlich mit vielfältigen Einschränken. Ich kenne keine Haushaltsarbeit, die ich nicht auch geleistet habe. Das habe ich schon so von meinen Eltern gelernt.
    Herzliche Grüße
    Wolfgang

  37. Pingback: Das andere Wort mit V ist es! - Pia Ziefle | Autorin

  38. Miri

    Liebe Pia,
    DANKE für diesen Text, ich freue mich sehr, endlich mal diese Seite zu lesen… ich bin uneingeschränkt Deiner Meinung! Mein Mann und ich haben vier Kinder zwischen 4 und 11 Jahren und ich bin aus voller Überzeugung zu Hause (wüsste auch gar nicht, wie es anders gehen sollte…)! Mein BWL-Studium bereue ich trotzdem nicht ;-)), aber jetzt gehen einfach die Kinder vor. Die Zeit verfliegt und ich würde es von Herzen bereuen, diesen wertvollen Abschnitt des Größerwerdens nur im Stress zu verbringen und immer in Hetze zu sein. Und eine echte Wahlfreiheit haben wir in Deutschland doch gar nicht – denn dann würden vom Staat beide Modelle gleichermaßen unterstützt werden. Das ist aber nicht der Fall, sondern man bekommt eigentlich nur vermittelt, dass die Arbeit der Hausfrau nichts wert ist (Stichwort: Herdprämie). Bitte mehr davon :-).
    Herzliche Grüße von Miri

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