Event, Event, die Kindheit brennt

Herbstzeit ist Elternabendzeit, in den ersten Wochen des neuen Schuljahres kann man sich nur schwer dem allgegenwärtigen Schulthema entziehen. Man lernt neue Schulen / Lehrer*innen / Konzepte kennen, man erfährt von neuen Schulformen, neuen Bildungsprofilen und neuen Förderkonzepten und die Medien bersten vor lauter Brandbeiträgen zur Bildungssituation in Deutschland.

Wer früher schon im alten Blog mitgelesen hat weiß, wie sehr ich auf Kriegsfuß stehe mit frühkindlicher Förderung, und wie wenig ich davon halte, möglichst früh möglichst viel in die Kinder hineinzustopfen. Überall wird seit Jahren beobachtet, gemessen, in Listen eingetragen, es werden Kurven gezeichnet und Klein-Luise mit Klein-Dominik verglichen, und überall wächst der Leistungsdruck – aber nicht nur für die Kinder, sondern auch für Lehrer*innen und Eltern. Wo man noch argumentieren kann, die Grundrechenarten zu beherrschen berge gewisse Vorteile, Lesen und Schreiben ebenfalls, und wie schöne Erfolge man erzielen könne, wenn die Kinder schon mit 2 Jahren ihren Namen in den Sand malen, so endet mein Verständnis exakt an der Stelle, an der die Eventisierung von Kindergarten und Schule einsetzt.

Gestern schrieb ich bei twitter

Moderne Pädagogik ist, dass Kinder keine einzige Minute mehr durchatmen können in der Schule, weil ständig irgendein Sinn angesprochen wird.

— Pia Ziefle (@FrauZiefle) October 16, 2013

Das ist mein voller Ernst. Ich würde sogar noch weiter gehen und von „Ritualdiktatur“ sprechen. Moderne Grundschulkinder können keinen Schritt mehr machen ohne das zugehörige Lied, die zugehörige Geste, das zugehörige Sprüchlein. Wo früher „trenne nie st, denn es tut ihm weh“ einen gewissen inhaltlichen Bezug hatte, müssen heute Pausenlieder gesungen werden, und selbst der Toilettengang wird musikalisch eingeläutet.
Im Fachunterricht steht nicht mehr nur die Lehrkraft am Pult, sondern mit ihr noch eine Handpuppe, die lesen lernen muss, eine andere, die nicht rechnen kann / besonders gut rechnen kann / aus dem Zahlenland kommt, eine weitere, die leider nur Englisch spricht und möglicherweise noch eine für religiöse Dinge.
Warum nur?
„Um die Kinder mit allen Sinnen anzusprechen.“ – „Kindgerechte Pädagogik.“ – „Um passives Lernen zu ermöglichen.“
Klingt wundervoll, die Realität aber ist, dass Kinder, deren Sinne besonders gut angesprochen werden, den ganzen Schultag über unter Strom stehen. Entweder, weil sie so begeistert sind und nichts verpassen wollen, oder, weil sie schon von der Krippe an gelernt haben, dass in Kindergarten und Schule ein Event den nächsten jagt. Sie können mit den stillen Zeiten dazwischen, in denen alle Kinder in sechs verschiedenen Farben das A nachspuren, überhaupt nichts mehr anfangen.

Diese Kinder kommen nach Hause, und sind vom Schulvormittag auf allen Ebenen ausgelaugt.

Noch nie so erschöpfte Grundschüler erlebt wie im Augenblick. Halte genau überhaupt nichts davon. Dann lieber frontaler Fachunterricht.

— Pia Ziefle (@FrauZiefle) October 16, 2013

Lehrer*innen beklagen ja gern die Reizüberflutung durch die Medien, kein Elternabend ohne flammende Reden, den Kindern nur ja keinen Fernseher oder Computer ins Zimmer zu stellen. Im Zeitalter von Smartphones und tablets ein hoffnungsloser Appell (wiewohl ich den Kerngedanken verstehe und da mit der Headline beim nuf exakt einer Meinung bin).

Lehrer*innen beklagen merkwürdigerweise aber nicht die Über-Eventisierung moderner Kindheiten. Ich hole mal eben aus:

Kindergeburtstage.

Wo man früher Limonade und Kuchen serviert hat und die Kinderbande ansonsten sich selbst überlassen hat, steht man als Eltern heutzutage als Außenseiter da, wenn man weder Indoorspielplatz / Walderlebnisnachmittag / Prinzessinnen-Mottoparty oder Clowns vorgesehen hat. Eltern überschlagen sich schon bei 3-jährigen mit Zirkus im Garten, zu dem sie die ganze Kindergartengruppe eingeladen haben, um niemanden auszugrenzen – und überstehen den Nachmittag dann nur mit einer ordentlichen Portion Tavor (Anna Katharina Hahn beschreibt in „Kürzere Tage“ sehr eindrucksvoll die Kehrseiten einer solchen perfekten Mutter).

Spielnachmittag.

Früher hat man bei den Nachbarskindern geklingelt und gefragt, ob sie zum Spielen rauskommen. Konnte das Kind, ging man raus, konnte es nicht, klingelte man beim nächsten. Heute öffnen gestresste Eltern, die „leider keine Zeit für Besuch“ haben. Warum? Weil moderne Eltern nicht nur den Türsummer bedienen, sondern „am Spielnachmittag“ für die Kinder Limonade und Kuchen servieren, weil sie ihnen Spielangebote machen und mindestens einen Gegenstand gemeinsam basteln wollen. Das geschieht nicht organisch, weil Mutter oder Vater sowieso gerade backen, oder sowieso gerade den Adventskranz binden, sondern extra – als Event. Selbstredend darf sich das Kind auch nicht mehr selber aussuchen, mit wem es spielt, schließlich müssen in diesem Arrangement die Eltern die Besuchskinder aushalten.

Ausflüge.

Ging man früher in den Wald und war zufrieden, wenn man auf Bäume klettern konnte, werden heute schon die 1-jährigen in der Kraxe durch den Zoo geschleppt. Kein Wunder, wenn die Eltern sieben Jahre später, wenn das Kind dann eigentlich so weit wäre, keine Energie mehr haben, zum achten Mal in den Zoo zu gehen. Oder die Kinder nicht mehr zufrieden sind, wenn sie „schon wiiieeder“ so eine blöde Burg besichtigen sollen. In Wahrheit haben sie vielleicht nur ganz gesund keine Lust, hinter ihren Eventkonzept-Eltern her zu tapern.

Aber Klein-Luise hat doch so gelacht, als sie die Elefanten gesehen hat! Klein-Dominik interessiert sich aber so sehr für Fische! Na ja, ich halte dagegen, dass Klein-Luise auch auf einer Blumenwiese fröhlich gewesen wäre, und Klein-Dominik begeistert beim Tierangebot in der Zoohandlung. In Großstädten lässt sich sehr gut einfach mit der S-Bahn rumfahren, ich bestehe nicht auf der Blumenwiese.

Halloween

Waren früher die Jahreszeiten mehr oder weniger eindeutig, weil man sie draußen gesehen und gefühlt hat, weil die Lebkuchen nur an Weihnachten im Laden standen und Erdbeeren nur im Sommer, erkennen moderne Kinder die Jahreszeit am jahreszeitlich geschmückten Haus, mindestens am Türkranz. Damit das Warten zwischen Sommer und Adventszeit nicht so lang wird, schieben moderne Familien inzwischen Halloween dazwischen. Das ist dieser Abend, an dem man genötigt wird, zur Schlafenszeit der eigenen Kinder Süßwaren an die Kinder der anderen auszuhändigen. Selbstverständlich in rauen Mengen. Kostet ja nichts. Egal, ob man dahinter steht oder nicht. Hauptsache Event.

Warum nur sperre ich mich so sehr gegen all diese Dinge, die bestimmt für viele Familien sehr schön sind?

Weil ich seit Jahren das Gefühl habe, alles was mit Kindern zu tun hat, ist durchkonzipiert, und die handelnden Akteuere verschwinden immer mehr hinter ihren Rollen mit dem Ergebnis, dass alle an allen Stellen völlig überfordert sind. Mütter backen sich nachmittags die Finger wund, Lehrer*innen haben Handpuppenalpträume, Väter lesen im Väterhandbuch nach, welche Aktivität sie mit ihren Kindern ausüben müssen für eine stabile Vater-Sohn-Bindung, und die Kinder müssen 24 Stunden am Tag begeistert sein, sonst fragen sich all diese Erwachsenen sofort, was sie falsch gemacht haben und wo es Optimierungsbedarf gibt.

Alle sind auf einem dermaßen hohen Anspannungslevel unterwegs, das ist nicht zum Aushalten. Dabei meinen es alle gut, alle wollen das Richtige tun. Aber alle übersehen die Verschiebung von Maßnahmen und Aktivitäten aus dem einen Bereich in den anderen. Gehen wir zurück zum Spielnachmittag / Kindergeburtstag. Der Kuchen vom Geburtstag ist in den normalen Nachmittag gewandert, der einmalige Weihnachtsschmuck mit seiner einmalig festlichen Stimmung hat seine Wiedergänger an Ostern (inklusive Osterkalender mit Schokolade!), im Sommer, an Halloween etc…

Die Handpuppen, die früher einmal im Jahr im Kindertheater auflebten, und dort für starke Erlebnisse und Eindrücke gesorgt haben, poppen nun beim ersten Klingeln am Morgen spaßbereit aus ihren Kartons auf dem Pult.

Und all die Methoden, die für Kinder in defizitären therapeutischen Kontexten ausgedacht worden sind, finden nun Einzug in den ganz normalen Schultag.

Das ist, als würden wir alle morgens eine Apsirin nehmen, falls wir Kopfschmerzen bekommen, oder am besten gleich das Beruhigungsmittel, falls wir uns aufregen könnten, oder noch besser, wir haben immer den Notarzt in der Wohnung, damit uns nichts, aber auch wirklich gar nichts passieren kann.

Absurd, oder?

Dann lassen wir das doch einfach alles sein. Vertrauen wir doch auf die Kinder, vertrauen wir darin, dass nicht wir Eltern den Kindern alles alles alles gezeigt haben müssen, und  geben wir den Kindern für die Schule klare Ziele mit:

 

[edit1] Zur Ergänzung packe ich den Screenshot der twitter-Unterhaltung mit hinein:

schule

[edit2] zum einen: tausend Dank für all Eure Kommentare! Es freut mich ungemein, dass Ihr Euch so viel Mühe gemacht habt.

Inzwischen hat Juna einen Beitrag über spezielle Begabungsförderung und eventuell fragwürdige Kriterien geschrieben, und Rainer einen Beitrag über den Kopierwahn in der Schule. Es kommt auch eine Bemerkung zu Lückentexten vor, die ich teile. Aber sowas von.

Herr Larbig wiederum ist selbst Lehrer, und schrieb sehr sehr lesenswert über den Unterschied zwischen „Wiederholen“ und „Üben“.

69 Gedanken zu “Event, Event, die Kindheit brennt

  1. dasnuf

    Am Internet ist ja u.a. so schön, dass man plötzlich nicht mehr allein dasteht.
    All das was Du da beschreibst, finde ich so RICHTIG! (Außer Halloween, hehe)
    Jedenfalls, ich fühle mich oft so falsch, weil meine Kinder nicht all das „geboten“ bekommen wie die Kindergarten und SchulfreundInnen. „Wie? Ihr spielt noch kein Instrument?“ „Oh, das Kind kann noch nicht lesen? Fördert ihr das denn nicht?“
    Unser ältestes Kind kam auch immer ganz erschöpft aus dem Hort. Nicht mal da dürfen die einfach spielen. Es hat sich dann immer sehr auf seine Freizeit gefreut und ich musste erst lernen, dass das was ich als freie Zeit (Hort nach der Schule) ansehe, fürs Kind genauso anstrengend wie Unterricht ist.

    Auf der anderen Seite bin ich die Rabenmutter weil ich das Kind bei 200 Meter Schulweg nicht bringe und abhole. Das arme Kind! Und es darf alleine auf den Spielplatz! Hast Du da keine angst?

  2. Hans-Jürgen

    Ja, wir konstatieren, dass es bei all Ihren angerissenen »Baustellen« nienimmernicht um die Kinder geht …
    Es geht um die Elterncharts. Und das Kind ist das Vehikel. Das Vehikel für die »Sinnhaftigkeit« des Elternseins.

    Eine Folge der konsequenten »Durchindividualisierung« der Gesellschaft?

  3. Anne

    Bei mir war es früher genauso, wie du es beschreibst. Kindergeburtstag war Kuchen und Pommes, Topfschlagen und – wenn man Glück hatte – eine Schnitzeljagd. Zum Spielen waren wir irgendwo draußen oder drinnen und haben uns mit uns selbst beschäftigt.

    Ich würde mein Kind auch so erziehen, zumindest gefühlt, ich hab ja keins, und frage mich, wo diese ganzen Eltern herkommen, die jetzt diese Eventisierung vorantreiben. Waren die früher nicht glücklich? Was haben die denn gemacht, so als Kind, oder erinnern die sich nicht mehr daran und machen das jetzt so, wie andere es ihnen sagen? Irgendwo muss das doch herkommen.

    (Was ich vielleicht machen würde: Mein Kind relativ früh ein Instrument lernen lassen. Weil ich da selber so glücklich mit war. Soll heißen, da würde ich nicht unbedingt damit warten, bis das Kind selber kommt und fragt, sondern das aktiv ein bisschen pushen. Wenn das Kind dann aber aus nachvollziehbaren Gründen nicht will, ist auch gut. Sagt sich so einfach, ich weiß.)

    1. Salka

      Wo diese Eltern herkommen, frage ich mich allerdings auch oft!
      Meine ganz private Theorie dazu ist, dass Eltern allgemein immer älter werden. Heute muss das Leben durchgeplant werden: Karriere, Mann, Haus, Kinder, in der Reihenfolge und die Kinder sind dann der absolute Höhepunkt und das „Projekt Kind“ muss deshalb auch genau in die Vorstellung vom perfekten Leben passen. Deswegen wird „nur das beste“ fürs Kind getan, an allen Ecken und Enden Stimulation und Wissen reingestopft damit es am Ende fit ist für das ach so harte Leben in dieser Welt. Mich graust es ehrlich gesagt vor dem Zeitpunkt, an dem all diese armen Kinder erwachsen sind und gegen ihre Eltern rebellieren…
      Ich bin mit 22 Mutter geworden, mitten im Studium, mein Mann Geringverdiener, wir haben kein Geld für Events oder frühkindliche Förderung. Klar waren wir mit dem Kleinen schon im Zoo und klar fand er die Tiere toll. Aber mein Mann und ich waren nicht weniger begeistert, ich freue mich sehr darüber, durch meinen Sohn selber nochmal kindlich und unbeschwert sein zu dürfen 🙂
      Wenn ich so manche Frau sehe, die mit 35+ Mutter wird, die ihr Kind mit IPhone am Ohr gestresst durch die Innenstadt bugsiert, frage ich manchmal, ob sie das auch noch sein kann…

  4. Susanne

    Danke. Bin völlig deiner Meinung.
    Meine Kinder sind in einem Alter, in dem sie mich langsam mal zur Großmutter machen könnten. Da ich in ihrer Grundschulzeit noch im Referendariat war, fiel da etliches weg, was die anderen Vollzeitmütter so brachten. Meine Kinder nahmen mir das teilweise übel, teilweise wehrten sie sich aber, wenn neue Termine am Nachmittag dazukommen sollten. Ganz recht machen kann man es Kindern nie, denke ich – meine Mutter war, damals eher weniger üblich, eher superpädagogisch veranlagt und ich hätte öfter gerne meine Ruhe zum Lesen gehabt statt zu hören: du kannst doch nicht ständig lesen. – Warum nicht?

    Was inzwischen betrieben wird, geht weit über mein Verständnis hinaus. Arme Kinder.

    Vielleicht haben es meine völlig unpädagogisch aufgezogenen Beuteenkel doch besser, auch wenn ich mit TV- und Medienkonsum hadere. Vielleicht schaffe ich es ja, irgendwann auch Bücher einzuführen. 😉

  5. Sven

    Liebe Pia

    du sprichts mir aus der Seele. Ich verstehe nicht, warum man sich im Kindergarten auf Kindergeburtstag mit „Mitgebetütchen“ übertreffen muss. Hat man früher einen Kuchen gebacken und mitgebracht, muss es heute eine prallgefüllte „Überraschungstüte“ für alle Kinder der Gruppe sein – bitte aber nicht nur Gummibärchen, ja?!
    Wir erlebten kürzlich, dass auf einem Kindergeburtstag, auf dem unsere Jungs eingeladen waren, in einer „Mitgebetüte“ weitaus mehr zurückgegeben wurde (wenn man die Preise sich anschaute). Das kann es nicht sein.

  6. Mama arbeitet

    Ja! Dreifachja!

    Immerhin habe ich als Alleinerziehende mit drei Kindern den Vorteil, dass die Leute bei meinem Nachwuchs gar nicht erwarten, dass die Kinder ein Instrument spielen und extra gefördert werden. Da hilft das Klischee endlich mal!

    Es ist auch sehr von Vorteil, in einer von öffentlichen Geldern geförderten Wohnanlage zu leben (mit Wohnberechtigungsschein) – denn je „einfacher“ die Leute sind, desto eher lassen sie das ganze überkandidelte Zeugs. Hier wird tatsächlich einfach geklingelt, wenn die Kinder miteinander spielen wollen. Und ich lasse sie eigentlich immer rein, auch mehrere – ganz ohne ihnen Limo oder Bespassung anzubieten. Schicke Geburtstagsparties sind hier auch die Ausnahme. Und Instrumente spielt auch keiner, soweit ich weiss. Das war in der Gegend mit den Einfamilienhäusern noch ganz anders…

    Viele Grüsse, Christine

  7. Pingback: Was ist heute los? Verlust der eigenen Kindheit?! » zwillingswelten - doppelgemoppelt

  8. Sagste_minke

    Wundervoll! … und meine Kinder haben sich wie Bolle über den stinknormalen Schokoweihnachtskalender im letzten Jahr gefreut. … und darüber, nachmittags einfach „nur“ spielen zu können freuen sie sich auch. Komisch?!
    Ich habe den Absprung von diesem Wahnsinn vor zwei Jahren geschafft und es geht uns besser denn je, denn wir verbringen Zeit miteinander. Kindern Zeit lassen Kind zu sein, ist mein Antrieb trotz des Aufwandes, einen Kinderladen zu gründen – mittendrin in der Hochburg der Frühpadagogik..

  9. Maria

    Danke! DU. SPRICHTS. MIR AUS. DER. SEELE!!
    Meine Kinder sind schon groß, aber das Thema kenne ich trotzdem gut. Als ich meine Tochter im Grundschulalter mal alleine (ich böse Rabenmutter!) in den Supermarkt geschickt habe, ist sie dort einer Nachbarin begegnet, die sich ganz besorgt erkundigt hat, ob meine Tochter denn alleine einkaufen müsse (nicht könne, dürfe…) Neil Postman hat vor 30 Jahren ein Buch mit dem Titel „Wir amüsieren uns zu Tode“ geschrieben. Gemeint war damals der TV-Konsum. Heute könnte man den Titel auf sämtliche Lebensumstände anwenden.

  10. Julia

    Wie schön! Vielen Dank für den Artikel, der mir auch der Seele spricht. Ich finde, Kinder haben ein Recht auf Langeweile, ein Recht auf Zurücksteckenmüssen, ein Recht auf Frustration usw. Und ich finde auch, zu einer erfüllten Kindheit gehören aufgeschlagene Knie, Streit mit der besten Freundin usw. Die Dauerbespaßung erinnert mich bei vielen Eltern immer an „Mach es zu Deinem Projekt!“, kombiniert mit einem Perfektionismus, bei dem ich mich frage, was es soll. Und woher es kommt. Meine Vermutung: Zu viel Zeit und zu viel Unsicherheit.
    Viele Grüße, julia

  11. Oxonium

    …interessant ist doch in diesem Zusammenhang auch die AD(H)S-Diskussion. Immerhin geht es dabei (unter Anderem) um eine Variante des Nichtaushaltens von Reizüberflutung. Meistens sind es die Lehrerinnen oder Erzieherinnen, die auf eine medizinische Diagnostik und Therapie drängen. Jedoch werden der nötige Rückzug, die Entspannung, das Austoben von Kindern selbst in den Pausen erschwert. Im Unterricht drehen vor allem die Jungs dann gerne steil. Bereits im Kindergarten sollten 4 von 14 (!) Jungs zum Arzt geschickt werden. Unser Sohn war jahrelang von diesem Thema betroffen – ausgelöst durch Horterzieherinnen und Lehrerinnen.
    Als er sich aber im Hort nach dem Unterricht alleine mit einem Buch in eine Ecke zurückziehen wollte, kam von der Horterzieherin der Satz:“Ihr Sohn sollte weniger Bücher lesen. Das schadet seiner Fantasie und er beantwortet meine Fragen nicht richtig, während er liest.“
    Ich war – offen gestanden – manchmal verzweifelt.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Das Austoben in den Pausen wird hier super gemacht: die Erstklässler essen alle zusammen, und zwar drinnen VOR der Pause. So haben sie die gesamte Pause die Hände frei und können rumrennen, so viel sie wollen.
      Moderne Pädagogik ist nicht immer schlecht.

  12. ute

    DANKE! DANKE! DANKE!
    Vielleicht kann ich jetzt endlich mal mein schlechtes Gewissen bekämpfen, dass ich diese ganzen Events nicht leisten kann.
    Und sich meine Kinder auch gern mal auf den Boden setzen und ein Puzzle machen. Oder malen. Oder so.
    Und dass bei und Geburtsagsfeiern immer noch „wie früher“ laufen. Ohne gemietetes Pferd, Indoor-Spielplatz oder so.
    Ich arbeite an mir. Bezüglich Gewissen. 😉

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Gemietetes Pferd!
      Das gibt es?

      Notiere ich mir gleich für den nächsten Geburtstag :))
      Quatsch, mache ich natürlich nicht.

  13. kaltmamsell

    Großartig, jetzt habe ich einen fundiertem Grund, meine Nifften persönlich zu meiden: Sie sollen zusätzlich zu all dem Sport, Instrumentalunterricht, Sport, gezielt Erfahrungen sammeln nicht auch noch Tantenprogramm haben. Ich stifte diese Zeit fürs komplett sinn- und ziellose Nichtstun und Blödschaun.

  14. David

    Liebe Pia,
    wenn ich Deinen Text von hinten her lese, plädierst Du für mehr Gelassenheit in der Kindererziehung. Ich schätze mal, da können Dir Legionen von Eltern zustimmen. Einige Male vermisse ieh diese Gelassenheit bei Deiner Analyse allerdings. Zoobesuche, Liedersingen und Handpuppen als Eventisierung des Kinderalltags zu brandmarken, scheint mir doch etwas zu weit zu gehen. Also ich hab auch mit einer Handpuppe das Lesen gelernt („Lesen lernen mit Habakuk“, die Puppe hieß wie zu erwarten Habakuk), das war 1979 (und Lieder haben wir da auch schon gesungen). Von den Lehrern zu fordern, sie müssten jetzt wieder zurück zum Frontalunterricht, weil die Kinder immer so aufgedreht von der Schule kommen, klingt offen gestanden nach dem selben Gezerre besorgter Eltern nur von der anderen Seite. Fakt ist doch gerade, dass es die für alle Kinder immer richtige Erziehungsmethode (zum Glück) nicht gibt.
    Ich versteh auch nicht ganz, was Du mit „defizitären Situationen“ meinst. Handpuppen nur bei Heulkrämpfen?
    Insgesamt gebe ich Dir, wenn auch (noch) ohne eigene Erfahrung aber absolut recht und freu mich auf die Überprüfung in der Praxis.
    Halloween mag ich auch nicht (von mir kriegt auch keiner was, weder süß noch sauer!)
    Lieben Gruß
    David

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Lieber David,

      die Dosis macht das Gift.

      Grundschule hat sich in den letzten fünf, sechs Jahren extrem verändert, hör dich mal um unter Grundschulkindereltern.
      Ich mache explizit nicht mich zum Maßstab, das ist über 30 Jahre her, sondern das, was ich die letzten zehn Jahre sehe. Im Umfeld,
      in den Schulen, in Studien, den Medien. Unter Lehrer*innen.

      Diese hohe Anspannung ist es, die mir Sorgen macht. Ja.
      Gefüttert vom Leistungsdruck, den Eltern ausüben, weil das Kind aufs Gymnasium muss.
      Den Lehrer ausüben, weil sie Evaluationsprozesse bestehen müssen.
      Den externe Bildungsgutachten ausüben, weil danach – und IMMER die falschen Eltern – auf der Matte stehen und mehr Bildung / mehr Leistung / mehr Messen / mehr Bewerten fordern.
      Als würde das Abendland untergehen, wenn die Kinder Tischler*innen werden.
      Als würde es keine beruflichen Gymnasien geben.
      Als würde es keinen Durchlass nach oben geben für Hauptschüler*innen/Realschüler*innen.
      Das ist absurd.

      Das Schwierigste ist aber das, was ein anderer Kommentator geschrieben hat: es geht bei den „Eventeltern“ nicht um die Kinder, sondern um die Eltern und eine zumeist imaginäre To-Do-Liste. Umgekehrt wird kein Schuh draus – nicht alle burgbesuchenden Eltern sind Eventeltern, das habe ich aber auch nie behauptet.

      Ich möchte so gern erreichen, dass weniger Erschöpfung ist auf allen Seiten. Diese Eltern meinen es ja gut und sie glauben, das Richtige zu tun.

      Zum anderen ist die Erschöpfung zum Teil in den Bildungseinrichtungen von der Kita bis zu den Grundschulen hausgemacht, und kann nicht auf Medienkonsum oder merkwürdige Eltern geschoben werden.

      Mal in aller Kürze.

  15. Hawwedampknopp

    Sehr wahrer Artikel.
    Ich bin nun fast seit einem Jahr Vater. Und wir versuchen unseren kleinen Sohnemann möglichst so zu erziehen, wie wir auch unsere Kindheit erlebt haben.
    Ob es uns gelingt, werden wir in 17 Jahren sehen 🙂

    1. Abu el Mot

      100% Zustimmung. Meine Kindheit war schön und ich hatte in der Schule wenig Probleme. Ich habe lange studiert und trotzdem einen guten Job gefunden (meine Frau übrigens auch). Vielleicht hatten wir nur Glück aber wir machen uns irgendwie keine Sorgen um unser Kind. Wir lassen ihm Freiheiten wo nichts dagegenspricht und setzen Grenzen, wo es notwendig ist. Unaufgeregt.
      Wir sind angemessen intelligent und wohlhabend, warum sollte ich annehmen, daß mein Kind größere Probleme bekommen wird, wenn ich es nicht ganz toll speziell fördere?

  16. Kiki

    Die interessanteste Frage für mich ist wirklich: Woher kommen diese Eltern? Das müssten doch Leute so in unserem Alter (35-45) sein. Haben die ihre eigene Kindheit, die, wenn sie meiner „westdeutsche Kleinstadt in den frühen 70ern“-Kindheit ähnelte, unaufgeregt, schön und bei aller Hysterie zwischen RAF und Tchernobyl doch relativ sorgenfrei war, als so schlimm empfunden, dass sie jetzt komplett durchknallen beim eigenen Nachwuchs? Oder ist das wirklich der berühmte „mein Haus, mein Auto, mein Boot“-Vergleich zwischen den Eltern und es geht tatsächlich gar nicht, bzw. nur im Nebengedanken um die Kinder?

  17. Haike Medenblik

    Das Kind als Statussymbol und Gegenstand der eigenen Selbstverwirklichung und -darstellung. Sehr gut geschriebener Artikel, der voll auf den Punkt trifft. ZB zum Punkt Kindergeburtstag: Meine Jüngste feierte kürzlich im örtlichen Hallenbad. Kein Spass-Tempel, sondern klassisch Schulschwimmbad. Keine Rutsche, nur ein paar Pool-Nudeln. Kein Programm, einfach zwei Std rumtoben in der Gruppe im Wasser. Die Kinder hatten viel Spass. Danach gab es mitgebrachten Kuchen und Saft im Foyer des Bades. Die abholenden Eltern waren teilweise erstaunt, dass man einen Kindergeburtstag auch so simpel machen kann und die Kids es dennoch ‚total super‘ fanden…

  18. Pingback: Dentaku » Event, Event, die Kindheit brennt

  19. Stefan Mesch

    Oh ja – Play-Dates… für Kinder, besuchende Kinder UND Eltern. Ich habe 2011 ein Interview mit Ayelet Waldman geführt, Autorin von „Bad Mother“. Und das war einer ihrer größten Mutter-Terminplanungs-Sorgen:

    Ayelet Waldman: I don’t know if you have this phenomenom in Germany, the play-date…

    Stefan Mesch: Yeah. We have.

    Ayelet Waldman: So I can’t tell you how many time these mothers have come to my house and then I’ve suddenly realized ‘Wait a minute, this is… they’re STAYING! This is a play-date for all of us. I have to spend time with these… lovely women.’

    I don’t want a play-date! I want to sit and read the New York Times. I don’t want to play with you! The children will be fine. They’re better off if we’re not playing with them.

    http://stefanmesch.wordpress.com/2011/11/16/interview-ayelet-waldman-author-of-bad-mother-and-hbos-new-hobgoblin/

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      War nicht sie es, die für Kindergeburtstage Kuchen GEKAUFT hat, um sich dann einmal draufzusetzen, damit er selbstgemacht aussieht? Ich meine….

  20. Marie

    Schön, das alles mal zu lesen, ich höre auf mein Bauchgefühl und das fühlt sich manchmal echt komisch an, bei dem ganzen Spektakel, was so alles veranstaltet wird. Ich komme da gar nicht hinterher und versuche für mich und mein Kind einen Gang runterzuschalten und uns beide mal rauszunehmen und einen ruhigen Nachmittag zu haben, der Alltag ist stressig genug. Mein Kind hat sich jetzt für ein Haustier entschieden, statt Musikunterricht, sie ist 4. Das doofe ist, das man sich manchmal wie ein Außenseiter fühlt, wenn man da nicht mitmacht und stark sein muss, um gegen diese ganze Partymacherei anzukommen, weil man eben bei jedem Kindergeburtstag ne riesen Abschiedstüte bekommt. Ich habe entschieden da nicht mitzumachen und es tut echt gut, zu lesen, dass man mit diesem gefühl nicht allein ist.

  21. Pia Ziefle Artikel Autor

    Mitgebetüten – wann sind die denn überhaupt aufgekommen?
    Das Phänomen wurde mir erst bewusst, als ich „Mitgebsel“ im Kindersachenkatalog entdeckt habe. Viel später kam das erste Kind mit einer Tüte mit Geschenken heim.
    Hat sich das aus den Kuchenrestetüten entwickelt?
    Oder woher kommt das?

    1. Marie

      hmm, wahrscheinlich hat sich das die naschindustrie ausgedacht, damit sie sich die weltherrschaft noch ein stückchen mehr an sich reißen kann…über haupt steht man damit einfach nur unter sinnlosem druck, mein kind ist nachm kindergarten einfach kapputt und genießt die zeit spielend im garten oder einfach in ihrem zimmer, ist das etwa schlimm? nöö, echt nich, sie hat irgendwie einfach zeit die welt zu entdecken…ganz für sich alleine und ohne party und tamtam. und ich finde den kindern darf auch mal langweilig sein.

    2. Kiki

      Ich kenne die „Mitgabetüte“ mehr so als „Mitnehmtüte“ aus meiner Kindheit (wie gesagt, frühes Paläo…äh, frühe 70er). Da waren die Maoams, Lakritzschnecken und anderen kleinen Belohnungen drin, die man sich beim Topfschlagen, Sackhüpfen oder Eierlaufen als siegreiches Kind bzw. Teammitglied ehrlich verdient hatte. Sofern man die noch nicht aufgegessen hatte, nahm man den Rest natürlich mit nach Hause.

    3. Pia Ziefle Artikel Autor

      Kiki! Ungleich gefüllte Tüten, je nach dem, wie erfolgreich das Kind war? Bist du verrückt? Heutzutage bekommt jedes Kind exakt dasselbe, damit es sich nicht zurückgesetzt fühlt. Gewinnt eines ein Rennen, bekommen die anderen quasi dasselbe als Trostpreis. (leider nur ganz ganz wenig zugespitzt. Es gab da vor Kurzem einen Artikel über einen Sporttrainer und die leidige Sache mit den Medaillen, die er schließlich allen geben musste. Ich glaube, da kamen auch Eltern drin vor, die nicht wollten, dass ihrem Kind Schmerz zugefügt wird, wenn es mit ansehen muss, dass andere etwas bekommen und es selbst nicht. Womit wir fast wieder bei der Schuldebatte wären. Aber nur fast.)

  22. Kirsten

    Ihr seid Euch hier aber alle ganz schön einig, was? Da möchte man ja beinah schon aus Prinzip dagegenstänkern, auch wenn es vielleicht schwerfällt. Aber ich frag mich auch, wo denn die ganzen übermotivierten Eltern herkommen – hier sind sie ja offensichtlich alle nicht, wie „mutter arbeitet“ schreibt und ich selbst bestätigen kann, gibt es Stadtteile, an denen das komplett vorbeigeht, die dafür aber ganz andere Probleme haben und wo hin und wieder ein Instrument gar nicht schlecht wäre. Also, ist das wirklich ein von den Zahlen her großes Problem? Hat es was mit Abstiegsangst oder Aufstiegswillen zu tun („nur das Beste für mein Kind“, „die Chinesen kommen“)? Haben wir das dem überhöhten Anspruch von Akademiker-Hausfrauenmüttern mit Projekt Kind zu verdanken? Oder stemmen die das nur ein wenig lässiger, während berufstätige Eltern nicht mehr wissen, wo ihnen der Kopf steht, aber prinzipiell gern dieselben Dinge erreichen würden? Ich würd zumindest gern öfter backen und Besuch zum großen, schönen Essen einladen am Wochenende, ich fühl mich nur leider oft viel zu kaputt dafür. Auch ehrenamtliches Engagement („Lesemütter“, Elternverein etc.) halte ich prinzipiell für unterstützenswert und wünschenswert, aber ICH schaff es halt nicht. Wer setzt die Standards?

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Hier soll nichts „Für“ oder „gegen“ gemeint sein. Ich frage mich all diese Dinge. Seit Jahren. Überall diese teils unsichtbaren Regelwerke. Die to-do-Listen. Das Hineinrasseln in sowas wie Kindergeburtstag, den man so macht wie man denkt und dann stehen die Abholeltern da und fragen nach den Mitgebsel-Tüten und dem Sekt.
      Damit ist nicht gemeint, dass es an sich verkehrt ist, Sekt zu trinken, wenn die Kinder abgeholt werden.
      Wenn sich das aber häuft, und man mehr und mehr das Gefühl hat, mit den eigenen Vorstellungen und Ideen immer am Rand zu stehen, dann fängt man an, sich zu fragen, was für eine Entwicklung das ist, die man da offenbar verpasst hat. Und schaut genauer hin.
      Was ich oben aufgeschrieben habe, bezieht sich daher nicht auf eine bestimmte Schule oder Lehrkraft, die Frage kam auf (verständlicherweise), sondern auf ein Phänomen, das ich überall sehe, sobald es um Kinder geht.

      Vielleicht ist es so, dass die Eventisierung überall in unsere Beziehungen hineinragt, sie nach und nach bestimmt. Vielleicht hat das allgemein mit der Vermessung von Beziehungen zu tun, letzthin gab es so einen Text über Selbstvermessung in der SZ oder in der ZEit. Nur so ein Nebengedanke.

      Ich glaube, uns ist irgendwo das Vertrauen in ein „wird schon werden“ verloren gegangen – woher das kommt, weiß ich nicht. Ich weiß es nicht. Interessant finde ich, dass viele Kommentator*innen hier mehrere Kinder haben. Drei und mehr. Möglicherweise gibt es da einen Zusammenhang? Zum einen kommt man, während die Kinder klein sind, zu nichts anderem, und zum anderen MUSS man relativieren. Sonst wird man verrückt. Und siehe da, mindestens eines der Kinder entwickelt sich ohne jedes Zutun hervorragend. Eines kann plötzlich Schuhe binden, obwohl man das nie gezeigt hat, eins kann zählen, eins Fahrradfahren. Ohne uns Eltern je danach gefragt zu haben. Das führt zu einer Menge Zuversicht. Jedenfalls bei mir.

      Ich zitiere aus dem Gedächtnis eine Politikerin mit sehr vielen Kindern, die hat einmal gesagt, ab 5 kindern sei es gut, denn 5 Kinder seien „eine sich selbst verwaltende Einheit“. Das habe ich nie vergessen, und da ist sehr viel Wahres dran.

  23. giardino

    (Zu den Kindergeburtstagen gehört natürlich unbedingt noch der Zwang, reihum die GÄSTE des Geburtstagskinds zu beschenken, passend zur Mottoparty.)

    Ich vermute oft Befürchtungen dahinter, seiner Elternrolle nicht gerecht zu werden, wenn man nicht ständig jede Regung beobachtet, darauf reagiert und alles mögliche anbietet. Kinder dürfen ja kaum noch Interesse an irgendetwas zeigen, ohne umgehend mit allen dazu passenden Büchern, Ausrüstungsgegenständen und Kursen zugeschüttet zu werden (natürlich auch, weil sich die Verwandtschaft ständig mit materiellen Geschenken in Erinnerung rufen muss). Und zeigen sie kein Interesse oder haben gar mal Langeweile, erscheint das nahezu wie ein Vorwurf, mindestens aber undankbar, irgendwie. Guck mal, Klein-Dominik, ich hab Knete gekauft, wir könnten doch lustige Tiere kneten, hm?

    Aber letztlich sind wir selbst doch diejenigen, die kaum mehr fünf Minuten inaktiv sein können – außer vor Erschöpfung, wodurch wir uns mies und um produktive Zeit betrogen fühlen. Wir kleistern unsere Sinne zu, wo es nur geht, stopfen die Freizeit voll mit allem, was wir womöglich sonst verpassen könnten, am besten verbunden mit Leistungsmessung und -Vergleich („ich hab da jetzt ne App, die twittert die Werte automatisch“), belohnen jede Frustration umgehend mit Konsum und schauen neidisch auf andere, die offenbar immer irgendwie die noch cooleren Sachen machen. Solange wir selbst eventsüchtig sind, keine Stille und Langeweile ertragen, wie wollen wir die der Kinder aushalten?

  24. Malte

    Vielleicht geht es dir als Autorin da ähnlich wie mir: Ich brauche (manchmal) Leere, um schöpferisch sein zu können. Und vertraut wurde ich mit dieser Leere als Kind. Wer noch nie ein Regentropfenwettrennen mit verschiedenen Stimmen kommentiert hat, weil das wirklich das einzige war, was los weit und breit los war, dem wünsche ich viel Spaß mit einem weißen Blatt (oder gar einer leeren Festplatte).

  25. jule

    1000x danke danke danke!! ich habe selber zwei kinder in der grundschule ubd arbeite beruflich sehr viel mit kindern und eltern – ich könnte jedesmal schreien. ab jetzt aber verteile ich einfach nur noch kommentarlos ihren beitrag!!

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  30. HilliKnixibix

    Toller Artikel! Als Lehrerin in einer Kinder-und Jugendpsychiatrie kann ich Deine Beobachtungen und Einschätzungen bestätigen. Meine Unterricht gestaltet sich aus diesen Gründen sehr reduziert und reizarm. Damit können die Schülerinnen und Schüler zur Ruhe kommen und an Brüchen und Vokabeln das Verzweifeln lernen. Und lernen nebenbei, dass es eben nur ein sachliches Thema ist und nicht die Welt, die zusammenbricht, wenn man etwas nicht versteht.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Liebe Hilliknixibix,
      das freut mich ganz ganz ganz besonders, dass du das sagst. Ganz besonders. Ich danke dir sehr.

  31. Eule

    Im vergangenen Jahr habe ich aufgrund einschlägiger Erfahrung in den Vorjahren testweise ein Schild außen an die Haustür gehängt mit der Aufschrift „Halloween gibt’s hier nichts, kommt zu St. Martin wieder!“. Das hat tatsächlich geklappt.

  32. Susanne

    An diesem Artikel ist vieles richtig und vieles falsch. Richtig ist, dass eine gewisse Gruppe von Eltern genau diesen Wahnsinn betreibt und dass er heute offenbar zum guten Ton in Grundschulen und Kindergärten gehört. Das setzt sich dann in der weiterführenden Schule unter anderen Vorzeichen fort: Die bunt eingeschlagenen Hefte bleiben – braucht der Lehrer, um sich zu organisieren -, aber sonst wird die Handpuppe und das Gesinge durch extremen Leistungsdruck und die Jagd nach der Note 1 ersetzt, das ganze zumindest im Gymnasium garniert mit teuren Pflichteinkäufen wie Künstlerpinseln, Übersetzungscomputer und Klassenreisen. So weit, so schlecht also in der sogenannten Mittelschicht mit den Helikoptereltern.
    Und dann gibt es da noch eine ganz ander Kindheit, geprägt von Hartz IV und vom täglichen wirtschaftlichen Überlebenskampf genervten Eltern oder gar solchen, denen ihre Kinder herzlich egal sind. Eine Welt, die uns vielleicht fern liegt, die aber zahlenmäßig doch ziemlich groß ist. Man frage nur mal eine Grundschullehrerin in einer Großstadt nach dieser Gruppe. Die können Musik, Handpuppen und so etwas sehr gut gebrauchen, weil sie sie sonst nie kennenlernen würden. Sport und Kultur müssen die Schule vermitteln, weil es sonst niemand tut. Und eine therapeutisch eingesetzt Handpuppe hat einem Kind ohne Therapiebedarf noch nie geschadet.
    Bleiben die Event-Kindergeburtstag. Ja, die haben mich auch immer extrem genervt und ich habe mich dem Wettlauf um Prinzessinnengeburtstage, Spaßbadbesuche und ähnliches immer entzogen. Was das Kind nun gar nicht verstehen konnte. Allen von Kindergeburtstagen genervten Eltern sei gesagt: ab 12 hört das auf, dann wollen die Kinder am Geburtstag nur ihre Ruhe, Musik, sabbeln, tanzen und zwischendurch eine riesige Schüssel voll Nudeln samt Tomatensoße.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Ich verstehe den Einwand sehr gut – das war mir beim Schreiben auch sehr bewusst.

      Ich glaube allerdings auch, dass die Schere zwischen den Familien nur noch größer wird, wenn die Schule sich da nicht selbstbewusst hinstellt und sagt, da machen wir nicht mit und hier auch nicht.
      Wenn die Schule aber selber die Eventisierung nicht hinterfragt, sie gar selbst betreibt – dann werden Kinder aus diesen Familien nur noch mehr abgehängt. Ich würde mir sehr wünschen, die Schule, die ja immer länger dauert pro Tag, würde da eine gute und verträgliche Rolle finden.

      Ja, Kinder sollen alle singen, sie sollen alle in den Zoo dürfen und auf die Burg. Aber nicht jede*r Lehrer*in muss in jeder Stunde ein Erlebnisfeuerwerk abfackeln. Das meine ich.

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  34. anja maupe

    „helikopter-eltern“ kennt man aus den medien (ein schelm, wer böses denkt ;-)) ja nun schon zur genüge- „helikopter-lehrer“ sind mir bisher eher unbekannt- natürlich macht sich der ein oder andere mehr oder weniger gedanken um seinen Unterricht, aber im alltäglichen geschäft bleibt selten zeit für durchorganisierte eventstuden- und das ist auch gut so!
    insgesamt ist mir der artikel zu sehr schwarz-weiß, aber er soll ja nun vermutlich polarisieren?!
    fragt euch doch einfach, was ist gut für unsere kinder -und uns?- bei einigermaßen vernunftbegabten eltern (und lehrern) sollte da schon das richtige rauskommen!

  35. Frau Eff

    Mein Liebster und ich beglückwünschen uns mindestens jede Woche einmal, dass wir keine Kinder haben und so all diesem Terror nicht direkt ausgeliefert sind (indirekt schon, ich weiß).

    Was mich immer besonders ärgert, ist, dass Kinder von Sozialhilfeempfängern bei dem ganzen Klimbim sowieso draußen stehen. Ein Kindergeburtstag in dem oben beschriebenen Umfang kostet mehr, als dem Kind in der kompletten Woche für Lebensmittel und Bekleidung zur Verfügung stehen. Mein Lieblingsthema sind die Abifeiern: Sie können oft an der sozialen Klasse ablesen, wer sich kurz vor dem Ball krank meldet.

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  38. Sandra Malik

    Sehr schöner Artikel.
    Da ich eine absolute Deko- und Eventniete bin, gab/gibt es bei uns immer „nur“ diese Kindergeburtstage, die man eben so aus der eigenen Kindheit kennt. Mit Topfschlagen, Reise nach Jerusalem, Schokoladenwettessen und Kotztüten für den Heimweg. Bei den ersten zwei Feiern verausgabte ich mich wenigstens noch an einem besonderen Kuchen – weil die Kinder was tolles wollten. Nach Stunden in der Küche stürzte sich eine Horde 4 – 5jähriger auf mein Bauwerk, zerschredderte es, popelte die Smarties runter, aß ein paar Brocken und übrig blieb eine zertrümmerte Ritterburg, deren Reste man nicht mal mehr dem Hund geben wollte. Seit dem gibt es aufgetaute Windbeutel und Krapfen, die die Kinder im Vorbeigehen essen können. Und auch die Mitgebsel reduzierten sich recht bald auf eine handvoll Süßkram für alle, weil ich beim Firlefanz-Einkauf für diese Tüten – und mehr als Firlefanz, der dann in irgendeiner Ecke landet und missachtet wird, ist da ja meist nicht drin – mehr Geld zahlte, als das Geburtstagsgeschenk des Kindes kostete. Was für ein Wahnsinn. Und – unsere Geburtstagsfeiern sind trotzdem – oder deshalb – sehr beliebt. Mittlerweile organisiere ich fast gar nichts mehr. Habe ein paar Spiele vorbereitet, nötige aber niemanden mehr dazu. Meist freuen sich die Kinder, einfach gemeinsam Zeit zu verbringen, die neuen Spielsachen zu testen und nicht bespaßt zu werden. Es gab auch Geburtstage, da wurde nichts geplantes gespielt und die Kinder waren glücklich. Danach gab es Anrufe von Eltern die sich bedankten, dass ihr Kind nicht völlig überdreht und ausgelaugt von einem Geburtstag kommt und es ihm trotzdem sehr gut gefallen hat. Na sowas.

  39. Sandra Malik

    Und zum Thema Schule …
    Als mein Mittlerer eingeschult wurde, kam er in eine sehr lebhafte Klasse. Die Lehrerin musste relativ schnell zu „härteren“ Maßnahmen greifen. Im Einzelgespräch erzählte sie mir, dass die Kinder ja alle sehr lieb und nett und gut erzogen sind, also keinesfalls Problemkinder. Aber: Sie haben nie gelernt, mal abzuwarten, nicht unterhalten zu werden, sich etwas zurückzunehmen. Sie waren es gewohnt, immer der Mittelpunkt zu sein, mussten keine 5 Minuten ohne Anleitung/Bespaßung überbrücken, weil die Eltern zu Hause sofort zur Hilfe oder Ansprache eilten, wenn das Kind nur piepte. Und so waren die Kinder recht frustriert, als sie feststellten, dass sie nicht der Nabel der Welt waren – bzw. die Welt plötzlich mindestens 32 Nabel hatte. Und sie mussten lernen, mit Kritik zu leben. Bei der Lehrerin war nämlich nicht jeder gekrakelte Strich ein wertvolles Gemälde, welches gerahmt und aufgehangen wurde.
    Was ich mich aber immer wieder frage ist: Wann ist das passiert, das Kinder plötzlich einen extrem hohen Stellenwert für Eltern einnehmen, zum Statusobjekt geworden sind? Zwischen Kind1 und Kind2 liegen 13 Jahre. Und bei Kind1 gab es diesen Irrsinn noch nicht. Und ich bin froh um Kind1. So weiss ich, dass man Kinder auch mit weniger groß bekommt. Wäre ich ohne den Erfahrungen mit Kind1 auch dem Wahnsinn verfallen? Oder liegt das an der erweiterten Art der Kommunikation? Ein Schneeballsystem? Man liest in Foren/FB usw. was andere machen und hat den Zwang es mindestens ebenso gut oder gar besser zu machen? Man hat heute eine viel viel größere Möglichkeit, sich mit anderen zu Vergleichen, aus dem Leben anderer zu erfahren. Ein Fluch! Früher beschränkte sich der Erfahrungsaustausch auf die Nachbarschaft. Heute gibt es einen riesigen Angebotsmarkt für Kinderevents. Wollte den jemand oder meint man, ihn nutzen zu müssen, weil er ja da ist? Die Frage nach dem Ei und der Henne. Und wenn so viele Eltern davon gestresst sind, warum zieht kaum einer die Notbremse?

  40. DerBerberich

    Hallo,
    wieder einmal ein Artikel, den einen als kinderlosen Mann, allerdings mit Ambitionen zu eigenen Nachwuchs, sehr Grübeln lässt.

    Schmeißt bitte die ganzen Pädagogik-Bücher weg. Erzieht Eure Kinder, wie Ihr es für richtig haltet. Und wenn Ihr Fehler macht? Was solls? Eure Eltern (meine zumindest sehr) haben auch Fehler gemacht und es wurde dennoch etwas aus Euch, oder nicht? Wenn interessieren die anderen? Kommt zurück in die wahre Welt und lasst einfach die Kirche im Dorf.

    Ich habe leicht reden, sicherlich, aber so ein paar Dinge kann man sich ja vorher vornehmen, oder?

    Jedenfalls für mich auch ein interessanter Artikel. Als Außenstehender fällt mir nur auf, dass ich bei Eltern einen Termin fürs Kaffeetrinken ca. 4 Monate im Vorraus anfragen muss.

    Grüße
    DerBerberich

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  44. Eva

    Einerseits – ja. Andererseits.
    Handpuppen, Zoo, organisierte Spiele auf dem Kindergeburtstag. Sogar ein Instrument zu spielen, höchster Genuss und Lebenserfahrung, Freude und Selbstvertrauen wird durch den Kakao gezogen. Nein, sorry. Das hier ist ein gefälliger Blogbeitrag zum Jahrtausende alten Thema „früher war alles besser“, mehr leider nicht. Und wieder mal eine probate Möglichkeit, den Eltern ein schlechtes Gewissen zu machen.
    Vielleicht sollten wir uns über unsere Möglichkeiten freuen und darüber, dass die Lehrer keine Schläge mehr verteilen und nicht mit Schlüsseln nach den Schülern werfen (ja, das hab es auch noch vor 20-30 Jahren).
    Leben und Leben lassen, tolerant sein, bitte, und Eltern Eltern sein lassen. Das gilt für alle Seiten. Und für die eigenen Kinder das Beste rauspicken. Auch das haben Generationen gemacht.
    Mit freundlichem Gruß

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