Dann kauft Euch halt ein Haus

Für große Heiterkeit hat dieser Tage ein Vorschlag gesorgt, den ich unbedingt kommentieren muss.
Weil er total auf meiner Linie liegt.
Die Idee: Wohnraum kaufen.
Super Idee. Total tolle Idee.
Am halbbesten ist, Wohnraum, den man selbst bewohnt, dann spart man die Miete, ich meine: das ist doch klar, oder? Nein?
Weil: Kredit bedeutet ja, Geld zu leihen und das muss man zurückzahlen, also kann man doch gleich überlegen, das Geld überlegt auszugeben. Und es anzulegen.
Bis hierher to-tal meine Rede!
Außerdem hat man dann gleich ein Dach überm Kopf, wenn man alt ist. Perfekt also.
Ein gewisser Politiker einer gewissen Partei (raten Sie, welche) hatte dieselbe Idee! Ich sollte Politikerin werden. (Noch ergiebiger ist nur, Wohnraum zu kaufen um ihn zu vermieten, das ist dann passives Einkommen und passiv ist best – aber das sagte der Herr nicht, sondern ich und das weiß ich, weil ich klug bin.)

Es kommt noch hervorragender: jener Herr wollte gerne, dass speziell die A l l e i n e r z i e h e n d e n nicht länger im Dunkeln gelassen, sondern endlich erleuchtet werden.
Achtung Alleinerziehende, dimmt Eure Öllämpchen. Damit Herr Lambsdorff umso heller strahlen kann. Macht schon.
Sie sollen nämlich kaufen statt mieten, man sähe das schon an den Eigentumsquoten, wenn man die europäisch vergleiche! Lustig, dass immer dann Europa herhalten muss.
Hunderten, wenn nicht gar Zehntausenden von Alleinerziehenden fiel es also Donnerstag wie Schuppen (!) von den Augen: statt dämlich mit 1 bis 3 Kindern Miete zu zahlen, die zu nix führt außer zu Mietzahlungen (und weitestgehend full-Service durch die Besitzer und Sorgenfreiheit für den Fall, dass die Stadt Kanalarbeiten/Straßenarbeiten/Sanierungen durchführen will und Finanzierungssicherheit bezüglich aller politischer wunderlicher Ideen über Abgasgrenzwerte/Heizungshöchstalter/Brennerdurchbrennung/Wasserkesseldurchrostung/Fensterverglasung/Brandschutzfragen (nicht wunderlich!)  et al et al et al) sollen sie endlich in die Notariate stürmen und grunderwerbssteuerfrei Eigenheime erwerben.

Schon für 300, 400 Euro, die man in Miete investiere, könne man schöne Sachen machen.

Warum bin ich da bloß nicht draufgekommen!
Warum zum Henker zahle ich überhaupt mehr als 400 Euro Miete? Bin ich denn bekloppt? (Falls meine Vermieterin mitliest, die die tollste der Welt ist: das ist Ironie!). Für alle FDP-Mitglieder: ich meine das hier todernst. Genauso todernst wie Ihr.
Habt Ihr schonmal Mietspiegel gelesen? Oder wenigstens „Durchschnittsmiete“ gegoogelt? Und wir reden hier nicht von München?
Habt Ihr Euch ein einziges Mal überlegt – oder bei Immobilienscout nachgesehen – was für Wohnungen für 300 oder 400 Euro Miete auf dem Markt sind?
Welche für Erwachsene mit Kindern? Oder wie sonst sind „Alleinerziehende“ definiert in der FDP? Sind größere Goldhamster in etwa der Schwellenwert? Überernährte größere Goldhamster?

Habt Ihr außerdem überlegt, was für Wohnungen man „im Alter“braucht, und was für welche, wenn man 1 bis 3 Kinder allein großzieht? Deckt sich das, außer dass beide Strom und Wasser haben sollten, und am besten Internet? Merkt Ihr selber.

Aber das Schönste am Ganzen: Endlich weiß ich, wer diese Leute in Anzug und Krawatte sind, die den ganzen Tag hinter mir herlaufen. Mit dicken Aktenkoffern und einem so sehnsuchtsvollen Blick. Schöne samtige, ein bisschen hilflose Augen. Aber immerhin Markenschuhe und regelmäßig Maniküre. Es sind Banker. Die durch meine Rabatten kriechen und in der Garage auf mich lauern, die mir zur Arbeit folgen und auf dem Heimweg Kaffeebecher hinhalten wie den Radlern auf der Tour de France. Keine Zielgruppe scheint mir so umworben zu sein wie die der Alleinerziehenden. Denn diese Herren verfolgen mich. Sie wollen mich. Sie wollen mich dringend. Mit aller Härte derer sie fähig sind. Aber nicht wegen meines blendenden Aussehens (schade eigentlich), oder wegen meines umwerfenden Sex-Appeals. Sondern weil ich alleinerziehend bin.
Mir wollen sie ihre Kredite geben, mir wollen sie dienstfertig ihre Verträge vorlegen und nur für mich werfen sie Basel I und II und III und IV einfach so – schwupps – über Bord und es zählt weder Bonität noch Kredithistorie noch die schlichte Tatsache, dass da kein Mann in der Immobilie hausen und seine Stinkesocken verteilen wird. Einzig und allein mir, der alleinerziehenden Autorin wollen sie ihre Produkte andienen, damit ich endlich ein eigenes Dach über dem Kopf haben darf, genau wie der Große Lambsdorff sagt.

Schade nur, dass all dies dem Realitätscheck nicht standgehalten hat.
Keine einzige Bank würde nämlich einen Immobilienkreditantrag (mit einer Rate von 300 oder 400 Euro im Monat) einer Person durchwinken, die für ganze 3 Kinder zu sorgen hat, Unterhalt bezieht (immerhin!) und ansonsten in einem Buchladen arbeitet.
Seltsam aber auch. Ganz und gar seltsam.

8 Gedanken zu “Dann kauft Euch halt ein Haus

  1. Eva-Catrin Reinhardt

    Guter Artikel :).

    Meine Erfahrungen mit Banken: Sie streichen Kreditlinien, wenn man sich trennt, weil sie ja nicht wissen, ohhhhoho…. wie es weitergeht , und ob man dann immer noch etwas verdient. Aber viellecht bekehrt der Herr von der FDP die ja alle, und alles wird gut …. Ich habe errechnet, dass der Staat eigtl. jedem Alleinerziehenden mit einem Kind 60.000 Euro Eigenkapital schenken müsste. Das ist das umgerechnete Hartz 4 Äquivalent oder Wohnhilfe, diskontiert mit dem Faktor 0,6 und ausgelegt auf 18 Jahre… Belohnung für die Aufzucht eines Rentenzahlers. Wollen wir eine Petition starten ? Ich glaube wir müssen mehr fordern und nicht mehr so bescheiden sein, und es doch immer alles irgendwie hinbekommen.

    HG Eva-Catrin

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Jeder Familie zur Geburt pro Kind das gesamte Kindergeld auf einen Schlag zu bezahlen, fände ich eine interessante Sache. Diejenigen, die es sofort verfressen haben dann halt ein Problem, was aber bei fehlenden 190 Euro eigentlich kein existenzielle sein kann – und die anderen, die das Geld direkt in ein Haus stecken, in einen Fonds oder was auch immer, die haben exorbitant mehr von einer Einmalzahlung, aus der sie selbst etwas machen können als von monatlichen Kleinbeträgen, die dann halt doch noch in die Alltagskalkulation einfließen und nicht mehr angelegt werden, weil es sich auf diese Weise auch kaum lohnt in den ersten Jahren.
      Würde man etwa 42.000 Euro für das erste Kind bekommen und für 10 Jahre mit 1% etwa anlegen, hätte man rund 45.000 nach zehn Jahren schon, je nach Kosten für die Anlage natürlich.
      Kommt ein zweites Kind dazu, dasselbe nochmal.
      Damit lassen sich dann schöne Sachen machen. Sicherheiten für Kredite, beispielsweise. Oder nach zehn Jahren Investment in Bildung fürs Kind oder in neue Anlagen, bis es 18 ist und sich Ausbildung oder Studium finanzieren kann. Spart auch gleich eine Menge Bafög.
      Ach ja…

  2. Wolfram D.

    Kein Wunder, dass Die PARTEI die FDP immer als „Spaßpartei“ bezeichnet. Aber die liberal und vermögend passt eben gut zusammen und dazu auch das fehlende Vorstellungsvermögen – davon wie es ist, mit wenig auskommen zu müssen. Naja, vielleicht würde eine Hütte auf der hintersten Schwäbischen Alb sogar noch drin sein, aber da gibt es keine Buchläden. Und auch sonst nichts. Aber ich denke, die Leute werden da wieder hinziehen, weil es irgendwann günstig genug sein wird. Künstler*innen allen voran.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Statistical data collected by Statpress SEOlution (blogcraft).