Lesefahrt nach Kirchheim

Lesefahrten im Herbst. Es ist schon während der Hinreise dunkel, oft nebelig. Nicht selten reist man mit oder gegen den abendlichen Berufsverkehr, Zeitplanung hoffnungslos, Orientierung auch, ein Navi besitze ich nämlich keins, und oft gibt es von den Zielorten kein aussagefähiges Kartenmaterial. Gestern, auf meiner Fahrt nach Kirchheim unter Teck hatte ich außerdem die Ausdrucke eines Internetanbieters zuhause liegengelassen. Glücklicherweise habe ich ein ganz passables Gedächtnis für Karten, und Kirchheim ist überschaubar genug, um einigermaßen zurecht zu kommen.

Lesefahrten im herbstlichen Dunkel sind aber auch: reisen, ohne zu wissen, wo man im Augenblick ist, Flüsse neben der Straße sind nur zu ahnen, Hügel, Steigen, Wald werden nur vermutbar durch den Verlauf der Gegenverkehrslichterspur, verdoppelt durch den nassglänzenden Asphalt.

Neuerdings überall, auch auf Hauptverkehrsstraßen: Zone 30, nur ohne Zone, nirgendwo ist mehr 50 erlaubt, was ich nicht einkalkuliert hatte (wie auch), und dankbar war für die halbe Stunde Puffer, die mir am Ende noch geblieben war, für Parkplatzsuche und Orientierung in einer unbekannten Stadt. Im 50-Meter-Abstand 30er-Schilder, unzählbar viele.

In der Buchhandlung dann wunderbare Umsorgung, „Haben Sie überhaupt schon etwas gegessen? Sollen wir was holen? Was mögen Sie denn gern?“, und der rasche Beschluss, eine Pizza zu holen, „egal mit was“, sage ich, im Versuch höflich zu sein und keine Mühe zu machen. „Vegetarisch?“, fragt die nette Dame, und ich nicke, jemand sagt „gegenüber beim Türken“ und ich sage noch schnell „bitte keinen Schafskäse“ (Schafskäse überfordert meine Höflichkeit, Schafskäse geht überhaupt nicht), und schon ist sie weg und der Leseraum ist wunderschön hergerichtet im oberen Stockwerk, der angrenzende Lesegarten eine Veranda mit Büffet und wunderbaren Getränken für mich und für alle Gäste, die langsam eintrudeln.

Eine erste Gabel Pizza ist drin, dann höre ich eine Stimme, die mir bekannt vorkommt, (kann das sein? In Kirchheim?) und vor mir steht mein ehemaliger Lateinlehrer mit seiner Frau, was für eine unerwartete Überraschung, und später, als ich die Stelle lese, in der Ira ihrem Vater (einem ehemaligen Lateinlehrer) aus den Metamorphosen vorliest, fällt mir wieder ein, dass ich ebendiese Metamorphosen übersetzt habe unter der Anleitung genau jenes Lateinlehrers, der in der Mitte des Publikums sitzt und zuhört, und ich denke, wie es wohl aussehen würde, gäbe es ein Muster der Lebenswege aller Menschen, die einem begegnen im Laufe eines Lebens.

Wunderbare Zuhörer*innen sind das gewesen in Kirchheim, und eine ganz wundervolle Gastgeberin, Margot Schieferle, die alles, aber wirklich alles wusste über das Buch und über mich, eine tolle Einführung in den Abend gegeben hat und bis auf ein einzelnes Exemplar von Suna restlos ausverkauft war am Ende des Abends (und der Stapel war hoch!).  36 Jahre hat sie ihre Buchhandlung schon, ich frage fast überall danach, 36 Jahre im Buchhandel hatte ich bisher noch nicht, so ist Margot Schieferle mit Abstand auf dem ersten Platz meiner Liste. (Nach diesem Abend mit ihr kann ich mir sehr gut vorstellen, wie sie diese vielen Jahre geschafft hat, ganz herzlichen Dank dafür!).

Zurück zum Auto, das in einem Parkhaus stand (aber weitab jeder Säule!), auch hier assistiert von einer sehr netten Kollegin, die mir geholfen hat, meine Taschen (Beamer) und Koffer (Laptop, Kabel, Buch) zu schleppen, und dann auf die Landstraße, hinaus ins Dunkel, durch Orte wie Reudern, und Neckartenzlingen, Neckartailfingen, Neckarhausen (glaube ich jedenfalls) – aber ich war nicht mehr allein. Auf dem Beifahrersitz, aufgeklappt, die wahrscheinlich leckerste vegetarische Pizza meines Lebens – und sie war noch ein winziges bisschen warm.

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