Wir hier in Mössingen

Manches sieht von außen ganz anders aus, als es sich von innen so anfühlt. Das wird einer der Gründe sein, warum Herr Buddenbohm seine Umzugsbestrebungen bestmöglich abzusichern versucht, indem er zahlreiche Menschen aufgefordert hat, über Hamburg zu schreiben.

Hamburg liegt bekanntlich an der Elbe, und südlich der Elbe ist von Hamburg aus bereits Italien, aber wir hier sehen das ein bisschen anders. Wir hier sind nicht einmal Schweiz, obwohl die Elbe auch auf großen Monitoren nicht mehr im Bild ist, wenn man auf GoogleMaps unseren Ortsnamen in lesbarer Größe vor sich hat. Unser Ortsname ist „Mössingen“.

Mössingen liegt am Fuße der Schwäbischen Alb. Einer Landschaft, die schon immer von Verzicht und Entsagung geprägt war. Also die Alb. Nicht so Mössingen. Wir hier sind Streuobstparadies, nicht weit von uns ist der Schönbuch – welcher Schriftsteller will hier also nicht wohnen? Biosphärengebiete haben wir in dreißigminütiger Entfernung mit dem Auto, Zuganbindung an Tübingen, vierspurige Bundesstraßen nach Stuttgart – und bald auch einen McDonalds, was will man mehr?

Wir haben ein Kino, das unser inzwischen fast 90jähriger Nachbar aus dem Dorf mit seinen eigenen Händen erbaut hat, wir haben einen Edeka-Center, einen dm, einen Müller, ein Reformhaus, einen OBI, Lidl und Aldi, kik, netto und Rewe, sogar AWG, Volksbank, Sparkasse, ich glaube drei Tankstellen, eine Autowaschanlage für Selbstwascher, einen Opelhändler und einen Mercedeshändler und einen VW-Händler und reichlich Gebrauchtwagenunternehmer.

Wir haben mehr als zehn Kindergärten für 20.000 Einwohner. Zehn. Einen davon sogar ganztags. Wir haben zwei Gymnasien, und auch sonst alle Schulformen, wir haben die KBF und eine Wachkomawohngruppe.

Wir haben umfassende Bürgerbeteiligung, Agendagruppen und ich glaube auch ein Radwegekomitee. Eine richtige Lokalredaktion, eine Stadtbibliothek und sogar einen völlig unabhängigen Buchhändler.

Wir haben einen echten Schuhladen, der noch echte Schuhe verkauft und seine Kunden mit Namen kennt, und eine Postfiliale, die in fast jeder Hinsicht das Zentrum der Stadt ist.

Wir haben ein Wohngebiet, das Blumenküche heißt, und eines, das Dachtel heißt. Wir haben ungefähr sieben verschiedene Kreisverkehre und Sportplätze in gleicher Anzahl. Gefühlt. Wir haben sehr viele Nordic-Walkinggruppen, immer mehr von ihnen benutzen schalldämpfende Gumminoppen für ihre Stöcke. Wir haben ein Schützenhaus im verwunschenen Wald, einen anderthalb Tage die Woche geöffneten Häckselplatz und zwei Kinderschwimmkurse im Jahr.

Wir sind das rote Mössingen. Weil hier, und nur hier, schon am ersten Tag, dem Tag der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler, also am 30. Januar 1933, die Arbeiter auf die Straße gegangen sind, um die Machtergreifung zu vereiteln. Deutschlandweit waren die paar Mössinger die Einzigen, die dem Aufruf der KPD zum Generalstreik gefolgt sind.

Wir haben eine Tofufabrik, eine der ersten die es überhaupt gab, wir haben eine Kaffeerösterei, einen Bioladen und ein Fitnesstudio, dessen Besitzer ich sogar kenne obwohl ich noch nie dort war, wir haben einen Bäcker, der noch selber bäckt und erstaunlich viele Friseure. Und ebensoviele Zahnärzte.

Von außen sehen die Dinge ein klein wenig anders aus, als sie sich von innen anfühlen, und das gilt in besonderem Maße für Mössingen, das ich in den drei Jahren Leben hier sehr liebgewonnen habe, auch wegen seiner perfekten Infrastruktur für die Kinder. Und wegen der sehr netten Menschen, die hier um mich herum wohnen. Vor allem wegen denen.

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