Organe nein – Daten ja?

tl;dr: Meine Leiche ist in Deutschland besser geschützt als mein lebendiges Leben.

Kurzer Zwischenruf zum Überwachungskrieg.

Ich fasse es nicht. Ich fasse es nicht, dass immer noch keine flächendeckenden Proteste stattfinden gegen die Überwachung, ich fasse es nicht, dass alle lieber auf ihre Smartphones starren statt einmal für eine Minute ihr Hirn einzuschalten. Ich bin wütend, aber das bin ich immer bei diesem Thema. Ich werde das mal veranschaulichen. An einem einfachen Beispiel. Organspende.

Warum zum Teufel ist nämlich meine Leber – wenn ich TOT bin – besser geschützt als mein Leben?

Warum darf man, während ich LEBE, mein gesamtes Leben ausspionieren, meine Handydaten und meine Kontakte sammeln?

Warum darf man so tief in mein LEBEN eingreifen, OHNE dass ich dem irgendwo zugestimmt hätte, aber für eine Hornhautentnahme nach dem TOD tagen weltweit Ethikkommissionen?

Warum darf ein Geheimdienst sich in mein LEBEN eingraben, aber Ärzte, die Leben retten wollen, dürfen mir nach meinem TOD keine Lunge entnehmen, damit ein anderer leben kann?

Die Geheimdienste haben einen flächendeckenden Datenspendezwang verhängt, einfach so.

Und mit diesen Daten können sie machen was sie wollen. Sie können Leben manipulieren, sie können Leben auslöschen, weil man leider der Cousin des falschen Mannes war, sie können jeden meiner Schritte zur Hölle machen – Beispiele gibt es zuhauf.

Würden wir einen flächendeckenden Organspendezwang ohne Opt-Out auch einfach so hinnehmen? Ja?
Oder sowas wie „Vorratslungenlagerung“? Auch nicht?

Und warum nicht?

Wo ist der Unterschied?

Ach so – wir haben ja nichts zu verbergen, weil wir alle so rechtschaffen sind und schön sonntags in die Kirche gehen, DIY-Blogs führen und eine Biokiste abonniert haben? Ich nenne das narzisstisch und verlogen.

Wer sagt denn, dass nicht eines Tages unsere Kinder keine Jobs bekommen, weil wir damals so viel im Netz herumgebloggt haben und sich die Zeiten geändert haben? Eines Tages bekommen sie ihren Studienplatz nicht, weil Vati sich gegen Atomkraft eingesetzt hat und Mutti lieber zuhause bei den Kindern war als das „Neue Frauenbild“ zu leben (da haben wir dann die Quittung für die InstagramBilder unserer selbergebackenen Muffins zu jedem Bazar.) Das ist absurd? Dann lesen wir noch einmal in Ruhe alle die Familiengeschichten, in denen Opa bei der NSDAP war oder Oma bei der Stasi. Oder denken darüber nach, warum man vor nicht allzu langer Zeit noch im Lebenslauf angeben musste, welchen Beruf die Eltern haben. Dann sprechen wir wieder.

Wenn wir nur an uns denken, dann können wir weiterhin Candy Crush spielen und uns dabei beobachten lassen, wie wir im Netz ein bisschen SM-Pornos kucken, solange keine Geheimpolizei vor der Tür steht ist doch alles paletti. Der Clou ist, man braucht überhaupt keine Geheimpolizei mehr, wenn uns einfach bestimmte Optionen überhaupt nicht mehr angezeigt werden. Wer will denn heute noch erkennen, ob außerhalb der eigenen individualisierten Google-Ergebnisse noch eine andere Welt existiert?

Wie wollen wir denn überhaupt an unserer Demokratie teilnehmen, wenn wir überhaupt nicht mehr mitbekommen, was nebenan passiert, weil Überwachung nämlich Allwissen bedeutet und dadurch überall unsichtbare Vorhänge heruntergelassen werden können? So dass wir nur noch MEINEN, wir würden informiert entscheiden können? Die NSA freut sich über die Filterbubbles noch viel mehr als Herr Pariser.

Jetzt mit etwas weniger Wut weiter: Alles hängt am Menschenbild und an unserer Vorstellung von Kausalität. Wenn wir glauben, der Sohn eines Kinderschänders wird qua seiner Gene ebenfalls Kinderschänder, dann werden wir anders handeln, als wenn wir davon überzeugt sind, dass es eine Reihe anderer Faktoren braucht, um zum Täter in seinem so abscheulichen Verbrechen zu werden. Sind wir uns sicher, dass die Menschen, die Lust haben, bei Geheimdiensten zu arbeiten, ebenfalls so denken? Und warum lassen sie dann Leute töten, nur weil sie verwandt sind mit jemanden, der vielleicht eine Bedrohung sein könnte?

Wir dachten, dank der Aufklärung sei alles besser geworden, wir haben den denkenden Menschen, wir haben die Dämonen in ihrem Mittelalter zurückgelassen? Haben wir nicht. Wir haben sie ersetzt durch andere Sortiermuster, und wir nutzen diese Sortiermuster nicht zur Integration, sondern zum Ausschluss. Die Idee, „das Fremde“ bedrohe uns, haben wir auf keiner Ebene abgelegt, in der deutschen Dorfprovinz genausowenig wie in den Hinterzimmern der Weltmächte.

Wir müssen uns fragen, woher solche Denkmuster kommen, und wir müssen uns dringend die Biografien der Leute anschauen, die auf solchen Posten sitzen. Was werden wir finden? Militärlaufbahn und Kriegseinsätze. Aber wir haben ja nichts zu verbergen und es macht uns daher überhaupt nichts aus, dass solche höchst traumatisierten Menschen wirklich alles über uns wissen. Alles.

Weiterlesen:

Richard Gutjahr erklärt den Zusammenhang zwischen Robbenbabys und Datenspeicherung
ZEITonline zu den nur 5 Milliarden Handydaten jeden Tag
iRights mit Alles prima bei PRISM

edit: denselben Gedanken gab es gestern hier, wenn auch zu deutlich friedlicheren – und freiwilligen – Zwecken: http://prodialog.org/engagement-der-zukunft-datenspenden

4 Gedanken zu “Organe nein – Daten ja?

  1. Pingback: Kurzer Zwischenruf zum Überwachungskrieg | König von Haunstetten

  2. Rainer König

    Toller Beitrag. Aber in Bezug auf Organspende, war es nicht so, dass man irgendwann vorhatte eine „Opt-out-Regelung“ einzuführen, sprich man wollte jeden zum Organspender per default erklären, außer er widerspricht zu Lebzeiten der Organspende?

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      doch, es gibt Länder, in denen das so geregelt ist.
      Das darf ja gern so sein, dann will ich für meine Datenspenden auch gern ein opt-out haben.

  3. Pingback: Schriftsteller*innen weltweit gemeinsam gegen Überwachung | Pia Ziefle | Autorin

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