Mehr Liebe

Wir fragen uns viel zu oft, ob wir gut genug sind.
Frauen fragen sich das in jedem Kontext.
Ob Männer das ebenfalls so ausdauernd tun, weiß ich nicht, ich kann es nur vermuten.

Mütter fragen sich das besonders quälend, weil sie als Mütter eben nicht nur ein Quartalsergebnis in einem Konzern versemmeln und deswegen gefeuert werden, aber mit schönen Abfindungen, sondern für Menschen verantwortlich sind, bei denen versemmelte Quartale vielleicht ganz ungeahnte Auswirkungen haben werden.
Denken wir uns so.
Weil wir viele Bücher gelesen haben über lange Kausalketten zwischen Lebensängsten und frühkindlichen Traumata. Das ist sicher auch so. Aber ich möchte ganz leise auf die Dosis hinweisen. Kein Kind wird traumatisiert, weil wir nicht im Rund-um-die-Uhr-Bullerbü leben.
Niemand trägt bleibende Schäden davon, wenn wir mal eben 5 Minuten lang gepflegt ausrasten und so unmoralische Dinge tun, wie Handys an die Wand pfeffern (so wie ich, und das nicht nur einmal). Das ist völlig inadäquat, unerwachsen, unreflektiert, unausgeglichen und verwerflich – aber niemand außer dem Telefon ist dabei zu Schaden gekommen.

Wir Mütter dürfen ruhig weg von „Mutti ist an allem schuld“.
Sind wir doch? So what! <- In diesem Fall akzeptieren wir eben die Verantwortung für alles, was toll läuft! So.

Warum aber geraten wir so oft in diese Spirale?
Warum versuchen wir so oft, nicht nur ausreichend, sondern gut, prima, toll und unvergesslich zu sein? Warum müssen die Frühstückstische an jedem Scheißwerktag so aussehen, dass wir sie bei instagram posten können?
Warum falten wir abends die Kinder zusammen, weil sie nicht Zähneputzen wollen?
Warum sitzen wir alle gemeinsam am Tisch und besprechen to-do-Listen, statt einander zu erzählen, was toll war an diesem Tag?

Ich glaube, es liegt an der Liebe.
Die Physiker kennen die Dunkle Materie, die alles zusammenhält (oder so), die man nicht greifen, messen, sehen, anfassen kann. Die aber da ist, da sein muss, weil sonst irgendwas mit der Geschwindigkeitsmessung bei den Sternen nicht mehr stimmt. Die sind irgendwie zu schnell, und könnten eigentlich gar nicht da sein, wo sie sind, wenn es nicht etwas gäbe, das sie hält.

Und so ist es mit uns Menschen auch. Wenn wir geliebt werden, uns geliebt fühlen, dann bleiben wir ausgeglichen in unserer Umlaufbahn und alles ist gut. Dann schert uns zuhaus der blöde ungeschnittene Garten nicht, dann scheren uns müde Kinder nicht, dann macht es uns rein gar nichts aus, das Essen vom Vortag aufzuwärmen und in ALLEM völlig unperfekt zu sein.
Wenn aber der Halt wegbricht, das Gefüge sich verändert – und das merkt man nicht immer gleich, weil es 1000 Gründe gibt für leichte Gravitationserschütterungen – dann fangen manche von uns an, sich schneller zu drehen.
Backen mehr Kuchen, machen die Wäsche noch schöner, räumen mehr auf.
Erziehen sichtbarer = lauter, schriller, gereizter.
usw. usw.
Um nicht übersehen zu werden. Um zu zeigen, wie anstrengend das ist. Um zu zeigen, was wir jeden Tag leisten.

Weil wir nicht (mehr) spüren, dass jemand schon sieht, was ist.
Weil niemand (mehr) kommt und den Arm um unsere Schulter legt, wenn es gerade ein bisschen viel ist.
Weil es keine kleinen Worte (mehr) gibt, die den Ärger verfliegen lassen.
Weil kein anderer (mehr) da ist, der sagt und zeigt: wir tragen das gemeinsam.

Ich wünsche mir daher für alle „Mehr Liebe!“, denn das ist das einfachste der Welt. Ganz ohne roten Teppich, Rosenblütenblätter und ohne die ganze Sache den ganzen Quark mit dem Prinzen und dem weißen Pferd. Es geht alles sehr gut eine ganze Nummer kleiner.

Erschöpfung lässt sich hervorragend wegumarmen. Zu viel Sorgenmachen und das vielleicht ein bisschen unglückliche Lebensmuster* „ich muss ganz viel leisten, damit man mich überhaupt lieben kann“ auch.

Das mit der Dunklen Materie ist ein bisschen komplexer.

 

13 Gedanken zu “Mehr Liebe

  1. Melanie

    <3 Wirklich schöner Text. Dass wir lauter und schriller erziehen, wenn anderes wegbricht: Das stelle ich immer mehr fest. Und frag mich, welche Auswirkungen das auf meine anderen Lebensbereiche hat, wie sich Lohnarbeit und Vereinbarkeit bei mir ändern müssen.
    Ich war übrigens noch nie so B*** mein Handy zu schmeißen, aber ich trage öfter Pantoffel seit ich Kinder hab (um Missverständnissen vorzubeugen: NIcht um damit zu Hauen!)

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      schlimmerweise war es das Handy des Kindes… es hat jetzt ein viel schöneres….

  2. Heike Baller

    Liebe Pia,
    das mit dem Umarmen habe ich jetzt gerade ein paar Tage lang erfahren dürfen. Es ist großartig 🙂
    Und Dein Satz “ In diesem Fall akzeptieren wir eben die Verantwortung für alles, was toll läuft! So.“ ist ein echter Augenöffner. Danke.
    Heike

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      das klappt mit den Umarmungen – jetzt muss sich das nur noch rumsprechen. Und: Danke!

  3. Sara

    Liebe Pia,

    für mich ist Dein ganzer, wunderbarer Text ein „Augenöffner“, wie Heike es oben so schön schrieb.
    Um ehrlich zu sein, liefen mir gerade Tränen über die Wangen, weil ich mich so sehr wiedererkannte. Manchmal ist auch das schon fast so viel wert wie eine Umarmung, weil man sich zumindest für einen Moment weniger
    allein und zugleich verstanden fühlt.

    Ich danke Dir dafür.
    Liebe Grüße, Sara

  4. Katja Buch

    Es tat sooo unendlich gut, deinen Text zu lesen!
    So isset und nicht anders! Nur das Bewusstsein dafür muß auch da sein.
    You made my day 😊 Dankeschön

  5. Pingback: Nieder mit dem Perfektionismus – was ich dazu lernte « Die verlorenen Schuhe

  6. Toc6

    Danke für den schönen Text. Ich finde ihn leise subversiv in einer Leistungsgesellschaft in Deutschland, in der alles gut ist, wenn es das Wort „Arbeit“ drin hat. Beziehungsarbeit, Trauerarbeit, blahblah. Eine Leistungsgesellschaft funktioniert nur durch ungenügend sein. Deswegen ist Liebe subversiv.

  7. Pingback: Das Leben eben, Pt. II | Kaiserinnenreich

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