Wer, wenn nicht wir
[edit: der hier ist ein Text von vor mehr als einem Jahr, updates folgen! Weil wir die updates ja inzwischen gelebt haben.]
Womöglich bin ich in ein Laufalter gekommen, denn anders ist nicht erklärbar, warum ich neuerdings an immer mehr freien Tagen in die Wanderschuhe steige – das mache ich öfter, denn ich mag gerne in Wanderschuhen sein – aber dann auch die passende Jacke überstreife und losziehe. Neulich wollte ich wissen, wie lange es von meiner Haustür zur neuen Haustür des Mannes an meiner Seite ist, es sind 55 Minuten kontinuierlich bergauf, während es im Augenblick 45 Minuten (fast) kontinuierlich bergab sind. Es ändert sich also beinahe nichts.
Heute wollte er Tapeten schauen gehen im Tapetenfachhandel, also im Tapetenfachhandel für echte Tapetenfachleute, nicht im Baumarkt. Zwanzig Kilometer weit weg, Ich war noch unschlüssig. Dann habe ich auf maps gesehen, dass es wirklich nur 20 km sind (was gelogen war). Also bin ich los und war in 150 Minuten sehr in der Nähe. Aber nur deswegen so langsam, weil ich unterwegs zu dm musste wegen der einzigen mir bekannten Kundentoilette an der Strecke, und da gab es eine lange Schlange an der Kasse für den Schlüssel. Die hat meinen Schnitt wirklich gecrasht. (Während ich nicht gut bin im Vordrängeln, musste ich dann feststellen).
Ich bin sehr zahlenversessen, und wenn ich gegen das Navi fahren kann, mache ich das. 10 Minuten vor dem Navi am Ziel und ich bin glücklich. An die Zeiten für das Herumwandern muss ich mich noch gewöhnen, allerdings hatte ich beim heutigen Wandern zwei Dinge aus den Augen verloren: die Öffnungszeiten und den Mann. Ich wäre knapp fünf Minuten vor Schluss dort gewesen, und der Mann hatte unterdessen seine Pläne geändert.
Also stand ich in dem Dorf, in dem ich meine Ausbildung gemachte habe, „Lehre“ hieß das damals noch, und man war am Ende nicht Geselle, sondern Gehilfe und das klingt in meinen Ohren immer noch reichlich falsch. Meines Zieles beraubt, bin ich auf meinen alten Wegen von damals, 1994, am damaligen Wohnhaus vorbei wieder Richtung jetziger Heimat gelaufen und dachte, wie unwahrscheinlich ich das damals gefunden hätte, dass mein über 50jähriges Ich eines Tages (zu Fuß!) hier vorbeikommen könnte…. und wie irre, dass DAMALS ein ganz enger Freund des jetzigen Mannes genau zwischen meiner Arbeitsstelle und meiner Wohnung gewohnt hat und wir uns womöglich auf meinen Heimwegen schon damals begegnet sein könnten.
Übrigens wandere ich immer völlig ohne Ablenkung, nie mit Musik, schon gar nicht mit Podcasts. Ich will es pur und mit den Augen nur am Weg und der Umgebung, mit den Ohren auch.
„Du hast doch was“, sagt der Mann, wenn ich zurückkomme, „du läufst nur rum, wenn was ist.“ Und ja, ich habe was, aber das ist mir erst heute klar geworden, mich beschäftigt die neuerliche Veränderung im Laden, unser Umzug wegen der Baustelle vor der Türe, die uns für mehr als ein Jahr abgeschnitten hätte von Kunden und Lieferanten, weswegen ich eine Idee hatte und dann noch eine und jetzt in der Planung sitze für das Umzugswochenende im Mai.
Aber es beschäftigt mich nicht dieser Umzug an sich. Sondern dass jeder davon auszugehen scheint, dass wir das schon schaffen werden. Wer, wenn nicht wir.
