Das Internet ist zum Glück nicht kaputt, Sascha.

Sascha Lobo hat Recht – das Internet ist kaputt. In seinem Beitrag „Abschied von der Utopie – Die digitale Kränkung des Menschen“ in der FAS, online auf faz.net beschreibt er sehr richtig und konsequent hergeleitet die Auswirkungen der Snowden-Enthüllungen für uns alle, die wir naiv an die guten Seiten der Vernetzung geglaubt haben. Naiv, in vollem Bewusstsein naiv, was mich persönlich angeht. Weil das Netz mir überhaupt erst einen Raum gegeben hat für Austausch, weil es mir Möglichkeiten gegeben hat, anderen überhaupt nur zu begegnen. Und natürlich war mir in jeder Sekunde klar, dass alles, was ich je in ein Eingabekästchen getippt habe, irgendwann wieder auftauchen und gegen mich verwendet werden könnte. Das liegt nicht daran, dass ich latent paranoid wäre, sondern daran, dass ich um die wunderlichsten Ausprägungen der menschlichen Psyche weiß.  Wenn wir also dachten, das Internet wäre einfach so da gewesen (obwohl ja alles, was da drin funktioniert PROTOKOLL heißt), und obwohl wir seine Entstehungsgeschichte kennen, dann ist es jetzt in der Tat kaputt.

Sascha Lobo hat aber auch Unrecht (zum Glück!) – das Internet ist nicht kaputt. Kaputt ist höchstens unsere Illusion von dem Ding, weil wir es bisher für ein hübsches Geschenk gehalten haben, das uns vor den Toren der Stadt dargebracht wurde – in Wirklichkeit hocken darin aber die Überwachungsspione z.B. der NSA. Was ein hölzern Ding in den Augen der einen, ein Geschenk in den Augen der zweiten war, ist in der Realität schon immer ein perfides Werkzeug gewesen, benutzt von Menschen, über deren Seelenheil man sich ernsthafte Gedanken machen muss.

Denn wer sind diese Menschen, die da in der NSA hocken, in den Gremien, in den Geheimgerichten? Das sind zum allergrößten Teil Menschen, die irgendwann in ihrem Leben in realer körperlicher Bedrohung gelebt haben, die irgendwann in ihrem Leben an einer der vielen amerikanischen Kriegsfronten gekämpft haben und die – das ist der nicht zu unterschätzende Punkt – nicht selten aus Familien mit langer Militärtradition stammen. Da muss man sich wirklich Sorgen machen um das Beziehungskonzept, das auf diesem Boden wachsen kann.
Da liegt der Gedanke nicht weit weg, dass solche Menschen eine völlig andere Einschätzung von Gefahren- und Bedrohungslagen haben als andere. Im Kleineren erleben wir das im Alltag im Umgang mit Borderlinern, die ein einerseits hochgradig unzuverlässiges, andererseits aber hochintensives Radarsystem für Bedrohung haben, was ihre Umgebung in Angst und Schrecken versetzen kann, aber nicht selten in keinerlei Relation zur Realität steht. Geheimdienste sind nichts anderes als eine hochkonzentrierte Ansammlung von Borderlinedenken, genährt von einem Körnchen Wahrheit, aufgebauscht zu einer Weltuntergangskulisse.

Da wo der Borderliner übertreibt, um seine innere Not sichtbar zu machen (so werden leicht aus ein paar Kratzern bei einem Sturz in der Nacherzählung später zwei oder drei gebrochene Rippen), so wie sich solche Menschen ständig beobachtet und bedroht fühlen, und exakt so, wie Borderliner jede allerkleinste Bestätigung ihres Systems sofort vergrößern und ihr gesundes Gegenüber in die Verzweiflung treiben können mit der vermeintlichen Bestätigung ihres Wahrnehmungssystems, so vermuten Geheimdienstsysteme nach einem Anschlag karierter Terroristen hinter jedem karierten Sakko einen potentiellen Täter, wandern in karierte Länder ein und „befreien“ sie, und sind später davon überzeugt, man müsse jetzt aber wirklich alles über jeden wissen, bevor der überhaupt auf den Gedanken kommen kann, sich Karos auch nur aus der Entfernung mal anzuschauen.

Das eigentliche Problem, und das ist meine direkte Antwort auf Sascha Lobo, ist nicht das Internet und die Vernetzung. Das eigentliche Problem sind die Interpretationsmuster der Menschen, die versuchen, darin zu lesen. Es sind nicht die Menschen, die ihr gesamtes Privatleben in die Netzwerke kippen, denn die haben ein Recht darauf, nicht interpretiert und vor allem – nicht fehlinterpretiert und damit kompromittiert – zu werden.

Wenn irgendetwas kaputt ist, dann ist es das Weltbild und das Menschenbild einer handvoll Leute, und die sollten wir uns vorknöpfen, jeden Einzelnen von ihnen. Wir sollten uns alle ein wenig einlesen in die Mechaniken von posttraumatischen Belastungsstörungen und in die Kompetenz, die solche Menschen haben, um ihr unsicheres und verängstigtes Innenleben in der Außenwelt zu re-inszenieren, und die Realitäten auf diese Weise so lange zu manipulieren, bis Außen und Innen schön zur Deckung gebracht sind. Nebenbei ist auch hilfreich zu wissen, wie Narzissmus funktioniert.

Der letzte Aspekt, den ich nicht sehr vertiefen will, aber der wesentlich zur Erhaltung solcher Weltbilder beiträgt: man kann herrlich Geld mit der „Herstellung von Sicherheit“ verdienen, das darf man bei aller Meta-Debatte nicht aus den Augen verlieren.

Wir sollten also das Internet weiterhin benutzen, für genau das, was wir bisher gemacht haben: um einander kennenzulernen, miteinander zu sprechen und unsere Meinung zu sagen. In der Hand eines Paranoikers ist eine Schaufel eine Waffe, in der Hand eines Gärtners ein Werkzeug zur Bearbeitung eines Feldes, dessen Früchte wir irgendwann essen können. Wir sollten uns nicht die Schaufeln wegnehmen lassen. Schon gar nicht sollten wir sie von uns aus wegwerfen. Wir sollten weiterhin geduldig* sein und zu unserer Haltung stehen. So öffentlich wie nur möglich. Das Internet ist dafür nur ein weiterer Kanal.

*schauen wir uns außerdem die Jahrgänge der politischen Entscheider*innen an: da steht ein Generationenwechsel an, und es werden die nächsten Jahre in ganz Europa Menschen in den Regierungen sitzen, die keinen Krieg mehr kennen. Auch das übrigens ein Faktor für die gravierenden Kommunikationsprobleme mit den USA.

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6 Gedanken zu “Das Internet ist zum Glück nicht kaputt, Sascha.

  1. slowtiger

    Danke. Und für den Satz „die haben ein Recht darauf, nicht interpretiert und vor allem – nicht fehlinterpretiert und damit kompromittiert – zu werden“, denn daraus folgt:
    Die Geheimdienste haben die Menschen nur interpretiert, es kommt ihnen aber darauf an, sie zu verändern.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Gern :)) und ich glaube, das werden sie nicht schaffen, indem sie einfach vorhanden sind. Dazu müsste sich das System wirklich viel deutlicher in eine Diktatur verwandeln. Wahrscheinlich ist das auch der Punkt, warum so viele mit den Achseln zucken: weil wir überhaupt keine Diktatur haben.
      Das spannende Paradoxon, das sich daraus ergibt: wir sind alle sehr nette Menschen geworden, obwohl wir überhaupt nicht wussten, dass wir überwacht werden. Damit führt sich die Überwachung selbst ad absurdum nämlich.

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