Das Gift der Selbstkontrolle

Es geht nicht mehr nur darum, dass Menschen überwacht werden, weil sie sich selbst mit „diesem Netz“ / „diesem facebook“ / „diesem Google“ eingelassen haben. Es geht darum, dass in den kommenden Jahren nahezu alle Geräte in unserem alltäglichen Leben „smart“ werden und Daten sammeln.

Daten, die uns auf den ersten Blick nützlich erscheinen. Wie z.B. die Laufapp, die uns sagt, wie viele Kalorien wir soeben verbraucht haben. Wie viele Schritte wir gegangen sind. Oder unsere Autos. Die aufzeichnen, wie vorsichtig und angepasst wir gefahren sind, und wir damit unserer Versicherung gegenüber beweisen können, dass wir den günstigen Tarif wirklich wirklich verdient haben. Totale Überwachung, und zum Dank ein Fleißkärtchen?

Erkennt denn niemand, dass diese Rechnung eine Hase-und-Igel-Rechnung ist? Keine Versicherung wird sagen: „so, jetzt fahren alle brav 30 in der Zone 30, dann braucht man uns nicht mehr und wir ziehen uns zurück, weil die Gesellschaft gelernt hat, verantwortlich miteinander umzugehen im Straßenverkehr“ – wie wahrscheinlich ist das? Na, seht Ihr.

Vielmehr wird sie neue Rechenmodelle basteln, weil „vorsichter fahren als Verkehrsteilnehmer B“ natürlich keinen starren Wert mit sich bringt, sondern einen Vergleichswert. So wird man eines Tages den günstigeren Tarif nur noch dann bekommen, wenn man in der Zone 30 immer 29 fährt, später 28, und noch später überhaupt nicht mehr. Dann wird man wahrscheinlich eine Pauschalsumme für theoretische Verkehrsteilnahme entrichten müssen, der wesentlich höher ausfällt, weil die Versicherung keine Vergleichsdaten meines Fahrverhaltens hat. (Nach einer solchen Logik wird man ja schon jetzt als nicht zuverlässig gescored, wenn man keinen Kredit hat, weil ein Handelsunternehmen keine Daten über mein Rückzahlverhalten bekommen kann. Oder man bekommt aus Gründen der Datenarmut und intransparenter Scoringfaktoren keine Kreditkarte).

Oder im Gesundheitswesen: wie lange wird es dauern, bis die Krankenkasse weiß, wieviele Zigaretten zwischen den beiden dann obligatorischen Besuchen beim Hausarzt gekauft worden sind? Die wahrscheinlich nicht der Hund geraucht hat, wovon man ausgehen kann, weil es keine Daten über rauchende Hunde gibt?

Wie lange werden die Kassen die Finger von unseren Laufapps lassen? Wäre es denn nicht sogar im Sinne unseres Gemeinwesens, angepasste Tarife zu haben und Wohlverhalten zu belohnen? Zumal Wohlverhalten durch all die Daten ja nachprüfbar ist? Heute schon? Wie lange werden wir bereit sein, unserem Nachbarn die teuren Medikamente zu finanzieren, obwohl der Grillfleisch aus dem Supermarkt isst, Bier trinkt, zum Zigarettenautomat mit dem Auto fährt und dauernd Sonnenbrand hat, weil er faul in der Hitze rumliegt?

Wie lange werden wir bereit sein, steigende Energiepreise in Kauf zu nehmen, obwohl wir uns dank unserer neuen intelligenten Stromzähler so abstrampeln, energieeffizientere Geräte zu kaufen, also richtig Geld in die Hand zu nehmen, und dann lässt der Nachbar auf der anderen Seite nachts die ganze Zeit seine 100 Watt Lampe brennen? Na?

Daten dienen nicht nur zur Kontrolle der Bevölkerung – Daten entfalten ihre ganz giftige Wirkung erst bei der Selbstkontrolle. Smarte Geräte sind Calvinismus reloaded. Diesmal messbar und nachprüfbar. Wir haben ja die Daten und nicht nur eine Konzeption von einer unsichtbaren höheren Macht namens Gott. Und dann gute Nacht Solidarität und gesellschaftlicher Zusammenhalt.

Fangen wir am Anfang an: hier sind 12 Forderungen, die ich sehr gerne unterzeichnet habe. Bitte nehmt Euch die Zeit und lest das, teilt es weiter, und zeichnet mit. Das ist wichtig für uns alle, für unser Zusammenleben in den nächsten zehn Jahren. Überdenkt den Einsatz Eurer Apps, und denkt darüber nach, was datenbasiertes vermeintliches soziales Wissen im Alltag mit uns macht.

 

Einige Gedanken zu “Das Gift der Selbstkontrolle

  1. Pingback: Gedanken zur DateNSAmmlung

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