Am (inneren) Meer

Wie das denn bei mir sei, mit dem Verreisen, das werde ich oft im Laden gefragt. Weil wir Reiseführer verkaufen und viele viele Landkarten, Radkarten, Wanderkarten, beschreibbare und andere, GPS-fähige (was auch immer das heißt), und topographische. Es gibt Kunden, die wandern ausschließlich topographisch. Das Kartenbild erinnert mich an meine Kindheit, mit einem Geografielehrervater, der zudem das für Kinder sehr lästige Hobby des Herumwanderns pflegte. Und zwar: richtiges Wandern. Nicht mit dem Bus irgendwohin und dann Rundwege! Nahain!
Rundwege sind für die Sandalenwanderer und Kinderwagenschieber, oder noch schlimmer: für diejenigen, die es wagten, mit Turnschuhen (!) die Sporthalle zu verlassen, ja – überhaupt welche zu besitzen!

Wenn ich Reiseführerkund*innen habe, dann stelle ich immer wieder fest, wo ich schon überall war, und dann fällt mir beim besten Willen nicht mehr ein, warum ich da NOCHMAL hin sollte. Nur das mit dem Meer, das ist schwierig. Ich wäre sehr gern öfter am Meer, aber das ging früher nicht, wegen Geld, dann wegen Kindern, dann wegen Geld und im Augenblick vor allem wegen der Zeit. Was neu ist: ich habe wieder ein klein wenig Lust dazu bekommen. Mich auf den Weg zu machen und Zehen in Strände zu bohren und den Kindern beim Schnorcheln zuzuschauen. Was sicher damit zu tun hat, dass ich nicht nur ein kleines bisschen zurück bin. Im richtigen Leben. Im für mich richtigen Leben, das meins ist und meiner Freude folgt und meinem Lieben und meiner Weise, zu sein. Das mir Menschen vorbeigetragen hat, die über meinen Humor lachen können und mein Essen nicht mögen und denen es vollkommen egal ist, ob die Kinder laut oder leise sind.
Die mich sehen. Mich erkennen und (trotzdem) wollen.

Und darum stehe ich gerade auf einem ziemlich hohen Sprungturm, unter mir das Meer  – ein imaginäres – und mein altes Ich würde gern wissen, wie tief das ist und wie tief das Meer, und wie warm das Wasser. Und mein ganz altes – mein neues also – das sagt: ist doch egal, solange du es dir zutraust. Hast du nicht den alten Bademeister gesehen, der dir am Strand unten die Kette weggemacht hat von der Leiter? Einfach so? War da nicht die alte Dame, die dir gesagt hat, dass sie nicht mehr selber springen könnte, aber deinen Armen ansieht, dass du es kannst? Und die andere, die von deinem Vorhaben hörte und sagte: „Machen. Sowas? Immer machen.“

Also springe ich da wohl runter.
Einfach so.
Weil ich es möchte.

 

(und Reiseführer, die waren aus.)

2 Gedanken zu “Am (inneren) Meer

  1. Wolfram D.

    Danke für den schönen Text. Der spricht mich an. Ich war schon zu lange nicht mehr am Meer. Und vielleicht hatte ich zu lange Schiss vor dem inneren Meer, aus Gründen.

    Der alte Bademeister ist in uns selbst. Wir sollten auf ihn hören.

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