Zeraldas Riese

Hier folgt keine weitere #metoo-Geschichte.

Sondern eine Geschichte, die mich als Kind unglaublich beeindruckt hat, die ich geliebt habe, und die ich als Erwachsene mit einer gewissen Fassungslosigkeit wiedergelesen habe.
Es ist „Zeraldas Riese“ von Tomi Ungerer.
Grob zusammengefasst handelt sie von Zeralda, die wahnsinnig gut kochen kann „schon im Alter von sechs Jahren“, sie lebt mit ihrem Vater allein in einem weit abgeschiedenen Wald. Die Mutter ist verstorben, erkennbar an einem Bild neben dem Bett des Vaters, mit schwarzer Banderole drum.
Dort im Wald hat Zeralda natürlich noch nie etwas gehört von einem Riesen, der in der Stadt regelmäßig nach kleinen Kindern sucht, denn die sind seine Leibspeise.
Eines Tages ist der Vater krank, und Zeralda muss an seiner Stelle in die Stadt zum Markt fahren. Unterwegs lauert ihr der recht ausgehungerte Riese auf, der so ausgehungert ist, weil die Menschen ihre Kinder inzwischen erfolgreich vor ihm versteckt halten und er sich „mit Haferschleim, lauwarmem Kohl und kalten Kartoffeln begnügen“ musste. So sad.
Er lauert, er stürzt sich auf Zeralda, er stößt sich den Kopf und wird bewusstlos.
Zeralda – ahnungslos aber voller unschuldiger Empathie – errät ganz richtig, dass der Riese wohl hungrig ist und kocht ihm kurzerhand ein Menü aus den Dingen, die sie bei sich hat.
Der Rest ist schnell erzählt: der Riese liebt ihr Essen, sie kocht wie eine Wahnsinnige (und immer noch voller Unschuld) ausufernde Menüs, für ihn und und alle Menschenfresser aus der Gegend, die alle daraufhin keine Gelüste nach Menschenfleisch mehr haben.
Schließlich rasiert sich der nun „wohlgenährte“ Riese seinen Bart ab, und sie heiraten und bekommen vier kleine Kinder. Womöglich hat er sich auch von irgendwo eine Zahnbürste besorgt, einen Kamm scheint er inzwischen jedenfalls zu besitzen.

Gut, das Vorletzte steht so nicht in der Geschichte, aber der Grundgedanke ist klar geworden?
Erste Frage: warum erzählt der Vater nicht spätestens vor der Abreise von Zeralda von der Gefahr?
Zweite Frage: was will uns die Geschichte sagen? – Dabei bitte bedenken, dass ich den Bogen „Kinder brauchen gruselige Geschichten, um ihre Ängste spüren und kennenlernen zu dürfen“ durchaus kenne – aber bedenkt auch, was die Auf-Lösung ist hier (ich bin gespannt auf die Kommentare).

Ich biete meine weiterführenden Gedanken an: wie viele Geschichten, Filme, Serien kennen wir, die genau dasselbe Narrativ haben?
Grummeliger alter Mann, einsamer Mann, abgestürzter Mann, vom Leben gebeutelter Mann, wiedererweckt und ins Leben zurückgebracht von der unschuldigen wahren Liebe einer Frau? Die Frau als Bekehrerin, als Retterin, als Erlösung?
Weiter: gefährlicher Mann, brutaler Mann, Mafiamann, Verbrecherboss, Drogenringchef – weich wie Butter in der Sonne in der Anwesenheit der Angebeteten?
Drehen wir es um: gefährliche Männer werden weniger gefährlich, sobald sie einer Frau begegnen, die ihnen gibt, was sie brauchen? Weniger gefährlich für die eine Frau in der einen Situation natürlich nur, und auch das nur, solange sie ihm gibt, was er braucht oder will?

Der Riese hat Zeralda tatsächlich nicht gefressen. Er hat ihr sein Schloss angeboten und seinen „Keller voll Gold“. Er sagt: „ich will dir ein Vermögen geben, wenn du nur mit mir kommst und für mich kochst.“ Zeralda ist dann ganz freiwillig mitgekommen und hat ganz nebenbei noch alle anderen Menschenfresser bekehrt.
Ende gut – alles gut? Auf dem Schlussbild ist sie mit ihrem Ehemann zu sehen und den Kindern, ein Baby im Arm. Dasjenige ihrer vier Kinder, das dem Zuschauer den Rücken zuwendet, zeigt uns aber, was es vor den Eltern versteckt hält: Messer und Gabel nämlich. Mit dem Blick auf das kleine rosafarbene Geschwisterchen. Dies nur der Vollständigkeit halber.

Ich will nicht wissen, wie viele von uns – hier meine ich „wir Frauen“ – mit so einem Bild aufgewachsen sind. Stillhalten, Talente einbringen, sein Bestes geben – dann tun sie dir nix. Wie viele von uns sind aufgewachsen mit Vätern, Brüdern, Lehrern, Onkeln, Cousins, denen „man lieber nix sagt, sonst…“?
Wie viele Frauen reden noch heute nicht Klartext mit ihren Männern, Söhnen, Brüdern, Vätern, Kollegen, weil sie fürchten – ja was eigentlich? – Zorn? Ärger? Wut? Ich nehme mich da nicht aus, solche Muster sind tief und fest eingebrannt und treten an die Oberfläche, sobald so basale Gefühle wie Angst im Spiel sind.

Was wäre eine gute Lösung gewesen für Zeralda? Sie hätte dem Riesen natürlich ein Essen kochen können, nachdem er vom Felsen gefallen ist. Aber dann hätte sie ihn fragen müssen, was er da zu suchen hatte und dann hätte sie klipp und klar sagen müssen: „So, das geht gar nicht. Wenn du Hunger hast, dann geh einkaufen und koch dir was. Wie jeder normale Mensch. Hier ist ein Kochbuch mit meinen Rezepten. Streng dich an. Leg dich ins Zeug. Aber lass die Finger von mir und allen anderen Kindern dieser Gegend, und zwar für immer. Und von deinem Gold lasse ich mich schon gar nicht blenden oder gar kaufen.“
Dann hätte er sich bewähren können. Dann hätte er nach ein paar Jahren wiederkommen können und dann hätten sie sich verlieben können von mir aus.

 

PS. Der Riese wird in den ersten Sätzen übrigens so beschrieben: Es war einmal ein einsamer Menschenfresser, ein Riese von Gestalt, und wie die meisten Menschenfresser hatte er scharfe Zähne, einen stacheligen Bart, eine große Nase, ein langes Messer, schlechte Laune und einen riesigen Appetit. Am allerliebsten aß er kleine Kinder zum Frühstück.
Möglicherweise sollten wir das Buch doch vorlesen. Und zwar nur bis hier. Und besonders den Absatz mit der schlechten Laune und dem riesigen Appetit (jeglicher Art). Denn genau um solche Männer sollten wir alle, Männer und Frauen, einen ziemlich großen Bogen machen.

2 Gedanken zu “Zeraldas Riese

  1. slowtiger

    Keinerlei Einwände gegen deine Lesart, alles korrekt. Ich möchte aber ein wenig drumherum ergänzen:
    – Ungerer ist 1931 geboren, das Buch 1967 erschienen, da müssen wir jetzt, 50 Jahre später, natürlich alles anders lesen (wer behauptet, es hätte keinerlei Fortschritt gegeben?). 1967 brauchte meine Mutter noch die Einwillligung meines Vaters, um arbeiten zu dürfen!
    – Das Buch, das er evtl stattdessen hätte schreiben können/sollen, hat er möglicherweise schon geschrieben: Allumette, von 1974 – leider kenne ich nur Zusammenfassungen, habs nie in den Händen gehabt.
    – Ungerer hat die deutsche Besatzung als Kind miterlebt, im eigenen Haus. Ich lehne mich mal ausm Fenster und sage Hungriger Riese = deutscher Soldat, und verweise auf Brechts Keunergeschichte „Maßnahmen gegen die Gewalt“, wo Herr Egge zum Schluß erst „Nein“ sagt.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Ich weiß. Ich weiß das.
      Mir ging das auch durch den Kopf, ob wir in einer Riege von Kinderbüchern ein Set an Verhaltensmustern finden, das in gewissem Rahmen notwendig war.
      Notwendig, weil untherapierte kriegstraumatisierte Männer vielleicht tatsächlich besser nicht geärgert werden sollten. Von niemandem.
      Aber wir haben 2017, und wir finden noch immer dieselben Muster: als „männliches“ und „weibliches“ Rollenverhalten.
      Kein Mädchen – und kein Junge – sollte mehr auf Zehenspitzen durch’s Haus schleichen müssen, um nur ja keine Minen auszulösen – um im Bild zu bleiben.
      Keine Frau – und kein Mann – sollte sich bei der Arbeit oder in der Familie in einem Kriegs- oder Nachkriegsgebiet wähnen müssen.
      Und zuletzt: wir haben 2017. Jeder Mann, der an seine Grenzen kommt, kann sich Hilfe holen. Nur sagt ihm keiner, wo diese Grenzen sind.
      Und wir Frauen, wir haben immer noch Schiss, wenn einer nur laut genug brüllt und mit scheinbar längeren Hebeln wedelt.
      (dafür kann Tomi Ungerer nichts, aber den meinte ich auch nicht persönlich).

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