Von Agenten. Und Lebkuchenhäuschen.

Natürlich haben es jetzt alle gewusst. Das ist immer so. Verhaftete Verbrecher sind den aufmerksamen Nachbarn plötzlich schon immer verdächtig vorgekommen, und die bleichen Gestalten aus den Tiefen ihrer verschlüsselten Kommunikationskanäle haben uns immer schon gewarnt. „Keine amerikanischen Server!“ hieß es immer, und „wisset, eine eMail ist eine Postkarte, schlimmer noch: eine automatisch erfasste!“, facebook nichts anderes als der zwölfte Kreis der Hölle.

Wer in seiner Jugend bewusstseinserweiternde Naturprodukte erwarb, hat die Paranoia gleich mit Mengenrabatt dazugebucht. Hat notwendigerweise Codewörter vereinbart und auf das Knacken in der Telefonleitung gewartet. Nachdem wir außerdem alle bei amnesty waren, blond/grün/blau/rot gefärbte Haare hatten und den Baader-Meinhof-Komplex rezitieren konnten, mischte sich in dieses „Beobachtetwerden“ sogar ein gewisser Stolz – Hurra, wir sind Bedrohung! Yippieh. Wir wussten ja, dass wir keiner Fliege was zuleide tun würden und garantiert nicht mit den Waffen handeln würden, die wir zuweilen spiegelverkehrt an Wände sprühten. Wir würden nicht einmal unser Abitur in den Sand setzen, so wenig wie unsere Berufsabschlüsse oder unsere Doktorarbeiten.Wir wussten das und waren uns sicher, das jederzeit beweisen zu können.

Gestapo, Stasi, weit weg – entweder historisch oder hinter sowas wie einer Mauer. Es waren die frühen 90er, wir druckten auf Neunnadeldruckern Petitionen an amerikanische Gouverneure, damit sie ihre Todeskanditaten begnadigen, wir hörten Musik mit unseren alten Dual-Plattenspielern, und trafen uns dazu in unseren Kinderzimmern / WG-Zimmern / Wohnküchen, unbeobachtbar von NSA, BND, Mossad oder den Russen. Ganz zu schweigen von Schulleitern oder Erziehungsberechtigten.

Heute ist das anders. Heute gibt es das Netz. Heute sind Kinderzimmer / WG-Zimmer / Wohnküche / Großraumbüro online. Heute flüstern wir nicht mehr in der Raucherecke, wir kopieren nicht mehr heimlich im Sekretariat die Petitionsvordrucke. Heute legen wir vollständige Profile im Netz ab, und alles, was die Privatsphäresettings können ist: uns vor dem Zugriff von Tante Erna zu schützen, vor den Altländern, vor den kleinen Brüdern – aber garantiert nicht vor dem großen. Dem großen Bruder.

Der, anders als wir, niemals aufgehört hat, paranoid zu sein. Und der das Perfideste getan hat, was Menschen tun können: er hat begonnen, uns zu missbrauchen. Er hat unser natürliches Bedürfnis nach Kommunikation genau analysiert und bedient es mit dem Web2.0. Unsere hollywoodgeschulte Wahrnehmung kauft ihm emotionsgeladene Gründergeschichten ab (facebook), unsere unstillbare Lust auf Neues zieht uns magisch in die Fänge der Suchhistorien (Google), unsere Bequemlichkeit (und die vielerorts unfassbar schlechte Infrastruktur) treibt uns in digitale Läden. Wer einmal bei amazon seine Datenauskunft beantragt hat und mit einem fünf Zentimeter dicken Papierstapel konfrontiert war, wird sehr sehr still werden an dieser Stelle. Da steht jeder meiner Einkäufe drin, mit Datum, Uhrzeit und damaliger Wohnadresse. Zwölf Jahre zurück.

Wir sind dem Netz und seinen scheinbar so netten und hippen und nerdigen Protagonisten völlig auf den Leim gegangen. Mehr noch, wir haben uns organisiert in Gruppen, die die „digitale Gesellschaft“ mitgestalten wollten. Wie bekloppt kann man sein? Das lässt sich nicht einmal mehr mit Stockholm erklären, das ist blind, dumm und unglaublich naiv. (Ausgetreten bin ich allerdings aus anderen Gründen).

Wollen wir nach PRISM und Tempora wirklich immer noch „Internet für alle“?
Wollen wir Breitband im Kindergarten, um noch lange vor dem geschäftsfähigen Alter die Profile der lieben Kleinen anlegen zu können?
Sollten wir der Telekom nicht eigentlich dankbar sein, dass sie uns vor dem Zugriff der NSA schützt, indem sie letztlich deren Zugriff drosselt?
Wer schenkt seinen Kindern jetzt noch ein Handy?
Wie lange weigern wir uns noch, eins und eins (!) zusammenzuzählen, wenn Leute, die bei facebook chief security officer waren, jetzt bei der NSA arbeiten? Quasi nur in einer anderen Abteilung ein und derselben Organisation (echter Geheimdienst statt Candy-Crush)?

Ja – ich hätte es wissen können, ich habe die Zeichen gesehen, die Warnungen gehört, und dachte – wie früher – das betrifft mich nicht. Ich tue nichts Schlimmes, und für meinen Browserverlauf muss ich mich nicht schämen. Unter den gegebenen Umständen. Was aber, wenn die sich ändern? Was, wenn der große Bruder noch paranoider wird? Was, wenn die unkontrollierbaren Regierungen einfach ihre Terrorismus-Kriterien ändern? Wie sie es die ganzen Jahre über getan haben, damit die Statistik stimmt? Gerate  ich dann plötzlich in Verdacht Terroristin zu sein, weil ich immerhin islamische Wurzeln habe, und demnächst vielleicht einen Dampfkochtopf kaufe, ohne bei chefkoch.de je nach einem Schnellkochtopfgericht gesucht zu haben? Weil ich ein Blog habe? Weil ich bei twitter die „falschen Leute“ nicht geblockt habe? Was dann?

Was hier vielleicht fast halbsatirisch klingt, entspringt in Wahrheit dem Gefühl allertiefster Enttäuschung. Denn ich hätte es ja wirklich wissen können. Wer sonst, als die Hexe, die uns verspeisen will, stellt ein kostenloses Häuschen aus SÜSSIGKEITEN in den Wald? Und jetzt ist uns schlecht davon.

Zuversichtlich bin ich allerdings nicht.

Wir werden eine Weile kotzen, und dann werden wir aufstehen, den Finger in die Luft halten, unsere Knochen zählen und denken: ist doch nicht so schlimm gelaufen. Was wir dabei vergessen: eines Tages werden wir allein in diesem Wald sein, und dann ist keine Gretel mehr da, die die Hexe in den Ofen schiebt. Und dann sind wir wirklich wirklich selber schuld.

Mehr:

Auf faz.net:  grundrechte-im-netz-wacht-auf-es-geht-um-die-menschenwuerde
New York Times: silicon-valley-and-spy-agency-bound-by-strengthening-web
Spiegel online: kommentar-zu-tempora-ein-skandal-von-historischem-ausmass
ZEITonline: internet-spionage-tempora-kommentar
Bei CARTA: ich-habe-nichts-zu-verbergen/
Perlentaucher (21.06.): prism-skandal,_frage_1:_was_wissen_wir?
Perlentaucher (24.06.): prism_2:_was_wusste_angela_merkel?
Johnny auf spreeblick: das-internet-ist-kaputt

tagesschau.de (01.07.): /ausland/prism-internetunternehmen100

 

 

2 Gedanken zu “Von Agenten. Und Lebkuchenhäuschen.

  1. Claudia Troßmann

    Snowden hat der Welt eine Shock-Awe-Strategie verpasst. Ich hoffe, dass sie im Sinne der Menschheit wirkt. Aber ich gebe auch offen zu: Hoffnung ist kein Wissen. Und das bringt mich nämlich zu zukünftigen Szenarien der Dystopie.
    Übertragen stehen wir im Wald und müssen uns entscheiden: Nehmen wir den bequemen Weg, der uns zum Hexenhäuschen führt, oder den fast zugewucherten, kaum noch erkennbaren Pfad?

    Alles Liebe

    Claudia

    Naomi Klein: Die Schock-Strategie

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