Unschuld – Jonathan Franzen

Enttäuschte Liebe

unschuldcoverJa, der nachfolgende Text beginnt mit einer enttäuschten Liebe. Mit enttäuschten Hoffnungen. Er wird nicht aufdecken könne, ob die Liebe je gerechtfertigt war, er wird also nicht erklären, ob ich es bin, die sich von Anfang an getäuscht hatte. Er wird nur festhalten können, dass es so ist.

Ja, Jonathan Franzen hat mit den Korrekturen seinerzeit exakt in die Mitte des winzigen schwarzen Kreises getroffen, wahrscheinlich sogar, obwohl er blind geworfen hatte. Er hat davor zwei unlesbare Romane geschrieben, die so schwingungsfrei daherkommen, dass sie hervorragend geeignet sind, Bodenunebenheiten in morschen Landhäusern auszufüllen, damit der Abendbrottisch nicht mehr so störend wackelt. In den Korrekturen hat er es geschafft, die lose herabhängenden Motive zu bündeln, sie aufzurollen und schön sortiert durch einen Serviettenring zu schieben, den er in seinem Elternhaus in einer Truhe gefunden hat. Die Korrekturen werden bleiben.

Ja, in Freiheit war das noch immer hübsch. Motive, Figuren, wilde plots, unerfüllte Liebe, Handwerker gegen Intellektuelle, Drogen oder Antidepressiva oder beides, dahinter die Fragen danach, warum man sich an einer Kreuzung im Leben für die eine Abzweigung und nicht für die andere entscheidet, und ob diese Entscheidungen rückgängig gemacht werden können – oder im Nachhinein mit Leben gefüllt, obwohl man 20 Jahre im stand-by gelebt hatte.

Ja, Unschuld habe ich mir am Erstverkaufstag gekauft. Obwohl Freiheit noch nicht lange her war. Obwohl ich wusste, es wird das Internet vorkommen. Obwohl ich wusste, es wird in Deutschland spielen. Obwohl es (auch) eine weibliche Hauptfigur gibt und ich skeptisch bin, was weibliche Hauptfiguren aus der Feder eines Mannes angeht, der sich bisher an weiblichen Figuren mehr abgearbeitet hat als an den männlichen. Ich habe es trotzdem gekauft. Wahrscheinlich, weil ich alle Bücher von Franzen davor gekauft und verschlungen hatte. Bis auf die beiden ersten. Die sind unlesbar. Lassen Sie die Finger davon. (Wie gesagt, es sei denn Sie haben einen Wackeltisch. Oder ein Landhaus. Oder irgendwas, wo sie große Löcher zu stopfen haben, wegen der Zugluft.)

Ja, ich habe Unschuld noch auf dem Heimweg angefangen. Und ja, die weibliche Hauptfigur, also Pip, also Purity, die hat was. Nicht nur, weil sie eine neurotische Mutter hat und nicht weiß, wer ihr Vater ist. Sondern weil sie auf diese typische Franzenweise eine Franzenfigur ist. Schrullig, aber durchaus so wenig schrullig, dass sie gerade noch so als normal durchgehen könnte (viel normaler jedenfalls als Tooly in the rise and fall of great powers). Nett wie man wohl nett sein muss als jemand, die jeden Tag ein Produkt anbieten muss, das sie nicht versteht, auch das ein Franzenmotiv, in schönen kleinen Nebensätzen und ganzen Sätzen und Absätzen erklärt. Im Franzenton. Der unverwechselbar ist.

Aber dann. Aber dann! – Andreas

Auf Seite 114 beginnt etwas, das ich einfach nicht begreifen kann. Es folgt ein Ausflug in die „Republik des schlechten Geschmacks“, und das allein ist schon so schmerzhaft flach, dass ich kaum umblättern will. Andreas Wolf rückt in den Fokus. Ein Mann, der bisher Mails mit Pip getauscht hat, nachdem sie einen Fragebogen für seine Organisation ausgefüllt hat, während in ihrem Zimmer ein Mann mit heruntergelassener Unterhose auf sie gewartet hat, worüber der sich mit einem Freund per Messenger austauscht, im Buch überflüssigerweise auch noch so gesetzt, dass die Stelle, die inhaltlich schon äußerst dünn daherkommt so wirkt, als hätte sie Gregs älterer Bruder kurz vor Drucklegung in dessen Tagebuch geschmuggelt.

Snapshot_20150928

Seite 114. Wir haben das Jahr 1987, wir befinden uns im Keller einer Kirche in Ostberlin, und meine Finger weigern sich schon jetzt, auch nur ein weiteres Wort zu schreiben. Denn: dieser Andreas Wolf ist ein Widerling.  Herr Wolf darf sich nicht nur völlig ungestraft seitenweise über seine sexuellen Vorlieben auslassen, die sich auf sehr junge Mädchen beziehen, die aber besser nicht missbraucht worden sein dürfen, sondern er darf das auch noch – und DAS ist mein Vorwurf! – sprachlich vollkommen jenseits jeder qualitativen Messbarkeit:

„Er nahm sich nur Mädchen, die bei mehr oder weniger klarem Verstand waren und sich ihm freiwillig hingaben.“

Nicht überzeugend?

Dann lesen Sie es selbst. Lesen Sie den Ton, lesen Sie die unfassbar flachen Sätze, die unglaublich grobmotorischen Vergleiche und Bilder – das ganz und gar Unfranzenhafte dieses Kapitels. Und glauben Sie mir, das geht jetzt so bis Seite 249. Wirklich. In Groschenroman-Diktion wird: ein Mordentschluss gefasst – für Annagret. Ein so wunderschönes Mädchen, ein so wunderschönes, missbrauchtes Mädchen, ein so wunderschönes, missbrauchtes, kluges Mädchen, das ihm seine Geschichte erzählt hat. Worauf Andreas so reagiert:

„Ein anderes Gefühl überkam Andreas, nicht Kummer, sondern Hass. ‚Ich kann ihn umbringen‘, sagte er.“

In der Folge wird ein Mann ermordet (mit einer Schaufel auf einem Grundstück, draußen, auf dem nur wenige Szenen zuvor Polizei aufgetaucht war, weil drinnen Licht gebrannt hatte). Aber draußen kann man einen Mann erschlagen, den „schrecklichsten Laut“ von sich geben (Annagret), einen „entsetzlichen Schrei“ ausstoßen (Annagret), erbrechen (Annagret), nicht erbrechen (Andreas) und sehr viel weinen:

„Ihm selbst war nicht übel. Eher fühlte er sich wie nach dem Samenerguss; unglaublich erschöpft und vor allem unglaublich traurig. Er würde sich nicht erbrechen, aber er fing an zu schluchzen, gab selbst kindliche Geräusche von sich. Er ließ den Spaten fallen, sank auf die Knie und schluchzte. In seinem Kopf war nichts mehr außer Traurigkeit“.

Wo ist Franzen? – Leider immer noch Andreas

Möglicherweise verstehe ich einfach den Humor nicht. Möglicherweise habe ich keinen Zugang zu ironischer Fallhöhe bei solchen Themen, vielleicht habe ich nur einfach kein Verständnis dafür, dass hier ein kleiner Hanswurst agieren darf in seiner ganzen Hanswurstigkeit – aber ich glaube das nicht. Was mir auf diesen 150 Seiten fehlt ist: Franzen.
Jeder Dialog, wirklich jeder, könnte aus einem Setzkasten stammen.
Jede innere Regung von Wolf würde sogar noch von dailysoap-Regisseuren aus dem Buch gestrichen werden.
Kostprobe?

„Sie wandte ihm das Gesicht zu, und durch die Haare sah er den flammenden Blick, den voll entfacht flammenden Blick.“

Franzen taucht erst wieder auf auf Seite 253, zurück in Amerika.

Und dennoch ist das, was jetzt zunächst kommt, erschreckend hölzern. Whistleblower, Wolf irgendwie gegen Assange, minimalistische Thrillerhaftigkeit, ein bisschen Tropen, Feminismus, hybrider Feminismus eines Mannes (Tom), verbitterter Feminismus einer nicht mehr regelmäßig blutenden Frau (Leila), dazwischen Purity in all ihrer Unschuld. In Dialogen durchgepaukte Zeitkritik (zuviel online macht den Journalismus kaputt), das Silicon Valley instrumentalisiert die Tratschsucht von Frauen (ach echt?), und immer noch sucht Pip ihren Vater.
Pip bleibt die Highlight-Figur im Roman, ihre Szenen sind auf der Gegenwartsebene die besten. Wo andere Figuren ihre Themen vertreten und die Schnüre für die Motive hochhalten müssen, bleibt sie glaubwürdig, bis zum Schluss.

Tom

Aber dann, als ich das Buch gerade weglegen will, wegwerfen, verbrennen – oder einen Wackeltisch suchen – da kommt Tom ins Spiel. Und Tom erzählt die Geschichte einer Liebe, zu einer Frau, zu Anabel. (Ja, Franzen hat da irgendwas mit diesen An(n)a – Namen in diesem Buch. Sollen andere draufkommen wollen, was es genau ist … mir ist es definitv zu berechnet).
Tom also erzählt eine Liebesgeschichte, schonungslos, schmerzhaft, bitter. Eine so neurotische Beziehungskonstellation, dass man augenblicklich Beklemmungen bekommt, Stechen in der Lunge und genau jene Atemlosigkeit eintritt, die jede*r kennt, der oder die schon einmal im Leben Kontakt hatte mit extrem intelligenten, aber leider ebenso extrem gestörten Persönlichkeiten. Tom und Anabel sind genau so: statt ihre Begabungen einzusetzen, um etwas daraus zu machen, etwas zu geben, versagen sie kläglichst auf allen Ebenen. Beruflich, mit sich selbst, miteinander. Auf eine so erschreckend präzise beobachtete und erzählte Weise, dass man aufstehen muss um zu schauen, ob Anabel vielleicht gerade im Nebenzimmer ihren Körper filmt und das Geräusch aus dem anderen Stockwerk nicht doch von Toms Schreibmaschine stammt. So nahe kommen sie, so nahe bringt Franzen sie an uns ran, zwei Menschen, vor denen man am besten so schnell wie nur möglich die Flucht ergreift, im realen Leben. Bevor sie einem wochenlang gebratene Zucchini servieren oder man bei Vollmond an nichts anderes mehr als an Sex denken kann, weil das Mondlicht irgendetwas mit Anabels Hormonhaushalt anstellt. Niemals wieder wird man ein Stofftier in die Hand nehmen können, ohne an den kleinen Stier zu denken.

Über Scham

Franzen hat einmal gesagt, er hätte lernen müssen, sich seiner Scham zu stellen, ihr nicht mehr auszuweichen, sondern durch sie hindurchzuschreiben. Das ist ihm in der Tom-Geschichte auf so geniale Weise gelungen, dass ich – ich nehme es vorweg – mit allem ausgesöhnt bin, was er davor verbrochen hat. Und danach verbrechen wird, wir sind noch nicht am Ende des Buches! Niemand möchte so sein wie Tom, niemand so wie Anabel, und dennoch gibt es hunderte und Tausende Tom/Anabel-Augenblicke in unserem Beziehungsverhaltensrepertoire. Mindestens sieben solcher Dialoge hat jede*r von uns schon geführt, aber niemals vorher habe ich so exakt beschrieben darüber gelesen. Was unmittelbar damit zu tun hat, was Franzen über „Scham“ gesagt hat, ich finde das Zitat nicht wieder, ich hoffe aber, das was ich oben schrieb, kommt dem nahe.
Was all die Flachheiten über Internetpornografie und heruntergelassene Hosen und DDR-Alltag und Stasiwillkür nicht schaffen, schafft diese Liebesgeschichte: weil Franzen seine Figuren sehr genau kennt, weil er sie aufeinander loslassen kann, und, das ist das Entscheidende – weil er sie liebt und ihre Liebe zueinander spürt und gelten lässt, ungeachtet jeder Kritikwürdigkeit. Es wäre leicht gewesen, Anabel zu verraten. Es wäre leicht gewesen, sie darzustellen als eine Täterin gegenüber Tom, aber Franzen macht das nicht. Es wäre leicht gewesen, Tom als den Trottel in jede von Anabels Schlingen tapsen zu lassen, aber Franzen tut das nicht. Er lässt  jede der Figuren ihren eigenen Anteil zur Konstellation beitragen und er lässt diese Anteile und damit die Verantwortung dafür, bei den jeweiligen Akteuren. Das ist groß – und es ist großartig gemacht.

Penisförmige Aliens – Andreas, die Letzte

Halten wir die Möglichkeit fest, dass ein Diamant (wie die Tom-Geschichte) nur leuchten kann zwischen gruselig grauem Beton, dann mag es sein, dass der gruselig graue Beton in Unschuld gerechtfertigt ist, sogar notwendig. Halten wir weiter fest, dass es unwahrscheinlich klingt, Franzen wäre von penisförmigen Aliens gezwungen worden, Andreas Wolf in die Geschichte aufzunehmen, und seine einzige Rettung wäre gewesen, diese Andreas-Wolf-Geschichte mit auf den Rücken gefesselten Händen auf einer Schreibmaschine zu tippen, bei der jemand vorher die Buchstaben vertauscht hat – und DAS hätte ich akzeptiert! –  dann bleibt nur eine einzige Erklärung, und die ist wahrlich tröstend: er kennt sich nicht aus. Mit der DDR nicht, mit Andreas-Wolf-Sex mit minderjährigen Mädchen nicht, und mit Mord ebenso wenig.

Falls er aber nicht von penisförmigen Aliens, sondern von den Grauen Herren (mit fluidem Buchmarktkalkül in flachen Martinigläsern) überzeugt worden ist, im Jahr der Wiedervereinigungsfeier in Deutschland so ein halbfertiges „Deutschlandding“ zu platzieren (weil die Deutschen ja eh alles lesen, solange der Autor irgendwas auf Deutsch zusammenbuchstabieren kann, das funktionierte bei Kennedy (John) und bei Irving (John) und bei den Jonathans offenbar auch), dann wäre es gut gewesen, er hätte seinen Darling A.W. schon in der Konzeptionsphase nach Hause geschickt. Und die Grauen Herren mit ihren Zigarren gleich dazu.

[Update] Jonathan Franzen und Denis Scheck zusammen im Wald.

Jonathan Franzen – Unschuld
(Partnerlink zu Osiander)

Roman
Deutsch von Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld
Rowohlt, Reinbek (2015), Deutsch, Hardcover
ISBN 9783498021375

 

 

2 Gedanken zu “Unschuld – Jonathan Franzen

  1. Pingback: Sonntagslinks | Papas Wort

  2. Pingback: Weihnachtsbücher! | Pia Ziefle | Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Statistical data collected by Statpress SEOlution (blogcraft).