Überwachung praktizieren wir selbst. Jeden Tag.

Als Konsequenz aus den letzten Wochen kann es mehrere Reaktionen geben:

Entweder wir kappen alle unsere digitale Kommunikation, schreiben einander auch keine Briefe mehr, sondern treffen uns einfach zu Weihnachten und Ostern bei der Großmutter (für die Fahrt benutzen wir natürlich nur Straßen, die nicht durch Mautbrücken und andere Überwachungssysteme kontaminiert sind) – und kommunizieren ansonsten durch die Leserbriefspalten und kostenlosen Anzeigenblättchen.

Oder wir drehen den Spieß um und machen unsere Profile unlesbar. Indem wir z.B. facebook-Ehen eingehen, jede Freundschaftsanfrage bestätigen und sowieso das Freundeslimit bis zum Anschlag ausnutzen. Wir laden einfach irgendwelche Fotos hoch und erklären die darauf abgebildeten Kinder zu unseren. Beispielsweise. Anschließend müssen wir unsere „wahren“ Kontakte an Weihnachten treffen, siehe oben.

Das klingt krank? Ist es auch. In etwa so krank wie die Idee, durch die Überwachung aller eine Art „Grundwolke der Normalität“ zu bekommen, um nur noch die abweichenden Muster überprüfen zu müssen.

Noch schlimmer wird es nur dadurch, dass wir alle dafür völlig anfällig sind, und sei es nur zur Unterhaltung. Warum wohl  sitzen wir gebannt vor Serien wie Homeland oder 24? Weil wir erklärte Gegner der Überwachung sind? Ja? Warum sympathisieren wir denn dann mit einer Agentin, die wochenlang einen Verdächtigen illegal rund um die Uhr zuhause beobachtet? Mittels Kameras und Mikrofonen?
Oder warum vergessen wir, zur Toilette zu gehen, wenn Jack mal wieder im Alleingang übelsten Bösewichten auf die Spur kommt? Immer natürlich welchen, die Amerika mindestens mit Atombomben bedrohen? Gibt es diese Sendungen eigentlich wegen oder trotz der NSA?

Atomkriege sind zu hoch gegriffen? Wir haben nicht vor, Bomben zu bauen oder uns hessischen Terroristen anzuschließen? Aber wir haben große Lust, unsere alten Klassenkameraden zu googeln, oder nicht? Oder haben wir noch nie (natürlich nicht!) die Freundeslisten unserer Exfreund*innen durchstöbert, um mal zu schauen, wo die oder der jetzt arbeitet, ob es eine Heirat gab, Kinder, oder eine Bemerkung über uns? Sowas tut man nicht. Und wenn man es doch tut, dann mit dem leicht empörten „der/die hats doch ins Netz geschrieben, das ist öffentlich, da kann ich doch schauen?“ Wir haben noch nie nach einer Trennung gemeinsame Spuren des anderen in den Netzwerken gesucht (oder gemieden)? Wir haben noch nie bei facebook geschaut, was die neue Flamme von gestern abend so für Freunde hat? – Qualitativ ist es bis zur systematischen Erfassung unserer Verbindungsdaten durch die Geheimdienste nur noch ein kleiner Schritt.

Was es uns verbietet, so zu handeln, ist eine Vorstellung von Moral. Nur weil meine neue Bekantschaft womöglich einen facebook-Account hat, ist das noch lange nicht Aufforderung, dort vorbeizuschauen. Für mich ist das bereits das Todesurteil für eine aufrichtige Beziehung. Was kommt als nächstes? Nach dem ersten Sex das Handy zu untersuchen? Wozu? Um „Gewissheit“ zu haben? Sicherheit? Oder nicht doch eher Kontrolle?

Echte Beziehung kann nur stattfinden, wenn ausschließlich das, was innerhalb der Beziehung geschieht, die Basis für die Beziehung ist. Ich muss mich eben drauf einlassen, dass nur das für mich gelten kann, was mein Gegenüber aktiv mit mir teilt. Ob auf der anderen Seite dieselbe Auffassung herrscht, lässt sich erfragen, nicht ergoogeln. Geschenke, die auf dem Studium der facebook-Chronik basieren, sind nichts wert.

Für politische Beziehungen muss dasselbe gelten. Oder wie soll Politik zu einer Partnerschaftlichkeit kommen, wenn vor Verhandlungen längst Abhörergebnisse vorliegen und abgefangene Mails? Oder schlimmer noch, Material eingesetzt wird, mit dem jemand erpresst werden kann? (Wobei das eine neue Baustelle ist, denn warum sollte der Besuch von Pornoseiten oder diskret gelebte Homosexualität noch immer dazu geeignet sein, jemanden in Misskredit zu bringen? An dieser Stelle kann und wird sich die Gesellschaft wandeln müssen, um den Diensten ein großes Machtfeld zu schließen).

Der Skandal um die Überwachung wird zu einem extremen Rechtsruck führen, wenn die europäischen Länder den Nationalbegriff wieder entdecken, das wird nicht lange auf sich warten lassen. Selbst ein starkes Europa, das sich den USA widersetzt, würde zu einer Destabilisierung der politischen Balance führen.

Was wir tun können?
Unser eigenes Verhalten ändern. Zufrieden sein mit dem, was der/die Andere uns freiwillig und aktiv gibt. Niemanden mehr googeln. Keine Netzwerke durchforsten auf der Suche nach Mrs. oder Mr. X. Unsere Neugier im Zaum halten. Und unsere facebookaccounts und unsere Netznutzung überdenken. Ernsthaft.  Denn – auch – durch unser privates Verhalten legitimieren wir das Vorgehen der Dienste.

edit: über Smartphones kann ich nichts sagen, weil ich keins habe. Aber ich glaube, man kann sehr gut ohne so ein Überwachungskästchen in der eigenen Handtasche leben.

 

 

6 Gedanken zu “Überwachung praktizieren wir selbst. Jeden Tag.

  1. juna

    Liebe Pia,

    stimme Dir in Deinen Handlungsanweisungen im letzten Abschnitt grundsätzlich zu. Wir sollten durchaus unser eigenes Online-Verhalten überdenken. Aber der Vergleich zwischen dem, was ich als friendly stalking definieren würde (und was sich auf die öffentlich sichtbaren Fakten beschränkt) und der Überwachung von E-mail, Chats und Telefonaten, liegt meiner Meinung nach ein himmelweiter Unterschied. Im Internet schreiben wir viel in diesem etwas diffusen Raum der Massenkommunikation, ich zu weiß Gott-wieviele das lesen werden. Das ist öffentlich. Ein Teil meiner im Netz genutzten Profile ist das auch. Ein weiterer Teil, wie die Fotos von meinen Kindern, ist vorher definierten Freunden vorbehalten und kann nur von diesen eingesehen werden. Mein Chat- und E-mail-Verkehr ist privat. Bis auf… ja, natürlich, die Geheimdienste dieser Welt. Die haben mir aber keine Anfrage an mein Facebook-Profil geschickt. Ich hatte keine Gelegenheit, sie zu meinen google-Kreisen hinzuzufügen, und schon gar nicht habe ich sie eingeladen, meinen ebenso belanglosen wie dennoch hochprivaten Chatverkehr zu durchforsten. Das kann ich bei meinem Ex-Freund ja auch nicht tun, und darüber hinaus: Auch wenn es möglich wäre, ich WÜRDE es nicht tun. Weil ich mich mit dem zufrieden gebe, was die anderen Menschen mir von ihrem Ich virtuell präsentieren wollen. Würde sich die NSA auch darauf beschränken, hätten wir kein Problem.
    Dennoch, wie oben schon gesagt, sicher richtig von Dir darauf hinzuweisen, dass wir (alle) auch das eigene Verhalten überdenken sollten! Grüße!

  2. Pingback: Herr Friedrich, wollen Sie mich verarschen? | ... Kaffee bei mir?

  3. Pingback: Das zweckdienliche Mittel als Surrogat für Sicherheit | Journelle

  4. alex

    [Als Spam markiert von Antispam Bee | Spamgrund: Server IP]
    „Unterhaltungsvoyeurismus“ (Homeland, 24 – nahezu alles im Fernsehen gehört dazu, auch Lindenstraße und die Tagesschau) mit staatlicher Komplettüberwachung in Verbindung zu bringen, ist ähnlich absurd, wie Friedrichs „Supergrundrecht Sicherheit“. Normativ habe gar kein Problem mit Deiner Aufforderung. Aber es gibt einen himmelweiten Unterschied zwischen staatlichem Handeln und den Handlungen von Privatpersonen. Einer von beiden beansprucht nämlich ein legitimes Gewaltmonopol. (Zudem: selbst wenn wir alle von jetzt an niemanden mehr googlen, änderte das irgendetwas an der staatlichen Überwachungspraxis?)

  5. Pingback: Überwachung praktizieren wir selbst. Jeden Tag. — Carta

  6. Pterry

    Das was du für das Verhalten gegenüber Exfreund/in bzw neuer Flamme beschreibst, würde ich als milde Form von Stalking bezeichnen. Und genau das ist es, was auch die Geheimdienste in meinen Augen tun. Und deswegen frage ich mich, ob man sie unter diesem Aspekt verklagen kann 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


Statistical data collected by Statpress SEOlution (blogcraft).