Sichtbar sein

Der Ullsteinverlag hat mich vor einiger Zeit um einen Beitrag gebeten für den resonanzboden, und dieser Bitte bin ich nachgekommen. Herkunft und Identität sind meine Themen und die Themen meiner Bücher, vor allem des ersten Buches, das in Romanform die Geschichte meiner serbisch-türkischen Eltern erzählt. Deren Geschichte wiederum ist verbunden mit der politischen des Balkan, und meine Suche nach meinen Wurzeln ist ebenfalls damit verbunden, besonders mit dem Krieg Anfang der Neunziger.

Ich war damals zwischen 18 und 22 Jahren alt, ich habe mich nicht interessiert für das, was dort vorging, ich bin mir nicht sicher, wieviel ich hätte mitbekommen können ohne Internet, ohne Radio und ohne Fernseher, aber ich weiß auch nicht, wie sehr ich danach gesucht hätte, wären mir alle diese Kanäle zur Verfügung gestanden. Mir war der Krieg auf eine Weise zu weit weg, und auf eine andere, beklemmende, zu nah. Aufgewachsen bin ich mit Eltern aus der Kriegskindergeneration, die den Zweiten Weltkrieg am eigenen Leib miterlebt haben und nur wenige Worte darüber hatten, und manchmal viel zu viele, die uns die wenigen Fernsehbilder, die wir zu sehen bekommen hatten, nicht erklären konnten, und wenn, dann sonderbar persönlich betroffen wirkten. Dann, als es wieder Krieg in Europa gab, haben sich diese Ebenen vermischt. Die einen fingen an zu sprechen, und ich bin demonstrativ verstummt.

Als ich anfing, über 1994 und 1995 zu schreiben, wusste ich nicht genau, ob ich das Recht habe, mich Srebrenica zu nähern in einem Text, als jemand, die nicht einmal unmittelbar betroffen ist, die niemanden dort verloren hat und niemanden in der Familie hat, der dort beteiligt war. Ich wusste nicht, ob mir zusteht, meine Suche nach meiner Herkunft zu verknüpfen mit einer so unfassbaren und brutalen Tat. Ich habe es dennoch getan, weil Srebrenica der Auslöser gewesen ist für die Suche nach meiner Familie, und weil mir Srebrenica noch immer Angst macht. Noch mehr angesichts der Bürgerkriege am Rand von Europa, der vielen Menschen, die ihre Heimat verlassen müssen und der Abschottungstendenzen sowohl an den europäischen Außengrenzen als auch in kleineren und mittleren Städten in Deutschland, sichtbar gemacht durch brennende Häuser und hasserfüllte unglaubliche Wortbeiträge in den sozialen Medien.

Hinter allen Auseinandersetzungen stecken Abgrenzungsfragen, Fragen danach, wer hier sein darf, wer hierher gehört, wer wie zu sein hat, um sich zu legitimieren. Inzwischen habe ich den Eindruck, es gibt in manchen Köpfen gar keine Legitimation mehr. Und wenn ein Politiker allen Ernstes schreibt, man müsse die finanziellen Anreize abschaffen, um Flüchtlingsströme zu verhindern, dann kann ich gar kein so großes Loch im Boden finden, um angesichts des Zynismus‘ dieser Aussage darin zu verschwinden.

Dabei ist das vielleicht das Problem: wir sollten nicht verschwinden, wir sollten sichtbar sein. Online, aber auch offline. Einfach hinfahren und uns vor die Häuser stellen, vor die Menschen, die ihr Leben retten wollten, und sicher nicht mit der Hartz4-Tabelle in der Hand entschieden haben, nach Freital zu verreisen.

Also habe ich den Beitrag doch geschrieben, als einen persönlichen, kleinen Beitrag „Zuhören, um zu Erinnern“, nachzulesen ist er im Verlagsblog, von wo er gerne auch weiterverteilt werden darf.

Einige Gedanken zu “Sichtbar sein

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