Politisch sein

Politische Überzeugungen fallen nicht von den Bäumen, habe ich vor ein paar Tagen geschrieben, sie entstehen in den Echoräumen der Biografien.

Aber was ist denn eigentlich politisch? Ich ertappe mich dabei zusammenzuzucken, wenn beispielsweise eine Straftat geschieht, und anschließend wird, durch verschiedene Zusammenhänge, eine politische Straftat daraus. Was macht dieses Wort „politisch“ mit der Straftat? Vergrößert sie sie? Verkleinert sie sie gar? Ist es etwas anderes, jemanden aus politischen Gründen anzugreifen als ihm einfach so sein Haus anzuzünden? (Hier könnte sich eine längere Abhandlung finden darüber, wie extrem schwer ich mir tue mit der Vorstellung, es gäbe hier tatsächlich psychisch gesunde Menschen, die aus vollkommen rationalen Gründen zu Hausanzündern werden, bespielsweise aus politischen Gründen).

Wahrscheinlich habe ich eine entscheidende Phase der Deutungen verpasst, oder ich habe keinen Zugang zu jener Welt, aus der diese Begriffe stammen und in der sie vielleicht eine Bedeutung haben, die über die des schlichten Wortes hinausgeht.

Ich spüre nur, dass es mich sehr stört, wenn rassistische Straftaten zu „politischen“ Straftaten werden, denn es entwertet und beschädigt für mich den Begriff auf eine sehr schwer reparable Weise.

„Politisch“ war für mich als ich jung war ein Wort, das mich von jedem weiteren Schritt in diese Richtung abgehalten hat, weil ich mich überfordert gefühlt habe. Wer nämlich einerseits politisch war, las die taz, konnte sie vielmehr auswendig und kannte sich in Nicaragua besser aus als in Neu-Ulm, in dessen Nähe wir lebten.

Wer andererseits politisch war, konnte messerscharf argumentieren, zum Beispiel mein Freund F., der mir, auf einer Kreisverkehrsinsel in Pisa sitzend, die Vorzüge des Euro nahebringen wollte, er hatte sogar Broschüren dabei. Broschüren! Es war Frühjahr 1996 und ich war unterzuckert, streitlustig und wollte ebenso dringend etwas zu Essen finden wie weiterdiskutieren und inhaltlich zurück zu kleineren Verwaltungseinheiten, weil ich sicher war, Menschen würden sich keinen Systemen beugen wollen, die sie nicht mehr überblicken können, einfach, weil sie zu groß gedacht sind. Ich weiß nicht, wer von uns Recht behalten hat, wahrscheinlich ist das Trägheitsmoment auf F.s Seite, und die Menschen nehmen viel mehr hin, weil es einfach so über sie gekommen ist – und ist, wie es ist. (Hier einen Exkurs darüber vorstellen, dass nicht der Euro Griechenland in die Krise gestürzt hat, nicht die bloße Existenz der Währung, sondern die Zockermöglichkeiten, die sich parallel dazu an den Finanzmärkten ergeben haben, einer Freiheit, die einer Marktfreiheit, die sich F. damals vorgestellt hat, wahrscheinlich recht nahe kommt, ob er aber jene Mafiosi mitgedacht hat, bezweifle ich stark.)

Politisch sein bedeutete also auf jeden Fall Arbeit. Sich auskennen. Die politischen Strukturen verstehen können. Zugehörigkeit zu einer Partei oder einer Gruppe sorgfältig abzuwägen. Ich bezweifle, dass diejenigen, die ich im Blick habe, diejenigen, die jene politischen Straftaten begangen haben und begehen, all diese Dinge getan haben.

Insofern muss ich auf meinen eigenen Satz oben zurückblicken und zugeben, ich habe von politischen Überzeugungen gesprochen, um wenigstens irgendeinen Begriff zu finden, den ich einsetzen kann, der nicht besetzt ist oder aggressiv wirkt.

Einen Blick auf jemanden, der in dem von mir gemeinten Sinne politisch ist, hat Buddenbohm geworfen. Drüben bei sich hat er nämlich von Ricardo erzählt, und ich glaube, dass wir wieder mehr solche Zugänge brauchen zur Politik. Weniger Handbuchpolitik, mehr solche Köpfe, – denn der Staat, das sind ja wir.

Einige Gedanken zu “Politisch sein

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