Mehr Team!

Warum ich die Petition zur Abschaffung der Bundesjugendspiele unterschrieben habe?
Weil Sportunterricht mit allem was dazugehört, noch immer das Mobbingfeld Nummer 1 in der Schule ist, und Sportlehrer*innen auf diesem Auge anscheinend entweder blind, taub, unengagiert oder alles zusammen sind.
Ich fordere über die Petition hinaus, dass gerade Sportlehrer*innen endlich begreifen, dass zu ihrem Unterricht nicht nur gehört, an den richtigen Stellen in die Trillerpfeife zu pusten und die Basketballregeln zu erklären, sondern SOZIALKOMPETENZ.

Warum?
Nirgendwo in der Schule sind Kinder so aufeinander losgelassen wie im Sportunterricht, auf dem Weg dahin und in der Umkleidekabine. Sportunterricht ist DAS Feld, um auch woanders entstandene Spannungen zu entladen.
Kinder schaffen Hackordnungen, ob das Eltern und Lehrerschaft beliebt oder nicht. Sie haben ein exzellentes Gespür dafür, wer von ihnen aus dem Rahmen fällt, und der*die wird gnadenlos weggebissen. Oh, das klingt zu drastisch? Ja?
Wie anders soll man das denn nennen, wenn eine Schülerin über Monate – unbemerkt von der Lehrkraft – von den anderen Mädchen aus der Umkleide ausgeschlossen wird und sich in ihrer Not in der Dusche umziehen muss?
Der Klassiker „als letztes auf der Bank“ kommt zwar kaum noch vor, weil inzwischen Lehrer*innen die Mannschaften bilden, dafür ist er woanders hinverlagert worden: in jede verdammte Gruppe, die im Sportunterricht gebildet werden muss, und sei es nur, um über einen Scheiß-Holzkasten zu springen, wobei natürlich Punkte für die Gruppe gesammelt werden. Wer kommt auf so eine dämliche Idee?
Nur Menschen, die sich nicht vorstellen können, dass es reichlich Kinder gibt, die anderen Kinder ohne zu zögern ein „dich wollen wir nicht in unserer Gruppe haben, du versaust uns den Schnitt“ an den Kopf knallen. Und die sich nicht vorstellen können, dass diese Kinder dem anderen Kind garantiert nicht nur einmal in einer einzelnen Stresssituation, an einem schlechten Tag so begegnet sind, als dieser Satz fiel, sondern viele Male. Vielleicht zuerst subtiler, später direkter, und danach noch deutlicher.

„Das muss man abkönnen, das ist nötig für später“
Nein. Muss man nicht. Das muss niemand abkönnen müssen. Es sei denn, wir wollen weiterhin dieselben eindimensionalen Primaten in Entscheiderpositionen, dieselben Bankencrashs, dieselben politischen Entscheidungen, dieselben Altherrenbünde, dieselben Holzkopfentscheidungen desjenigen, der den längsten hat. Und ebensolche Frauen.
Wir sollten nicht den Fehler machen, von den Gegebenheiten zu diesem Zeitpunkt auf Notwendigkeiten für die Zukunft rückzuschließen ohne zu bedenken, dass wir Entscheidungsfreiheit haben.

Aus genau diesem Grund gelten auch alle anderen ähnlich gestrickten Argumente nicht. Niemand muss „abgehärtet“ werden, niemand „gestählt“, niemand muss „Konkurrenz üben“, niemand „Niederlagen aushalten.“ Oh, Moment, Niederlagen. Doch! Niederlagen sind okay. Niederlagen sind super. Sie sind dazu da, um zu lernen, wie man wieder aufsteht. Aber Sportunterricht in seiner grässlichsten Form, also seinem Normalzustand, macht genau das nicht: er produziert keine Niederlagen, sondern Demütigungen. Das ist ein kleiner, feiner Unterschied.
Er bewertet körperliche Leistungen ganz so, als würde jeder Körper bei genügend Disziplin dieselbe Leistung erbringen können. Vor allem aber bewertet Sportunterricht den Umkehrschluss: keine Leistung? Also auch keine Disziplin gehabt, also versagt.

Das steckt man doch weg, sind doch nur ein paar Stunden

Es sind drei Tage in der Woche. Von fünf. An denen Sportunterricht stattfindet. (Ich hatte schon in den 80ern dreimal Sport, in Bayern). Drei Morgen, an denen ein Kind schon beim Frühstück sicher weiß, dass es den Weg zur Sporthalle vor sich hat, zur Umkleide (die es nicht betreten darf, siehe oben), zum Unterricht, wo es aus Trainingsgrüppchen ausgeschlossen werden wird. Und nein, liebe Leser*innen, das Kind hat nichts dazu beigetragen. Um gemobbt zu werden, muss man nichts beitragen. Das Beispielkind ist nicht einmal unsportlich, falls Sie das gedacht haben. Im Gegenteil. Das Kind besucht an einem Tag mit Sportunterricht, nach 8 Stunden Schule, sehr freiwillig eine außerschulische Sportgruppe. Und da ist es richtig gut plötzlich.

Sportunterricht wirkt außerdem über den Unterricht hinaus. Kinder, die im Sport jemanden ausschließen dürfen, machen das auch auf dem Schulhof, in der Mensa, im Klassenzimmer. Sie übertragen ihre Handlungen einfach (was man „lernen“ nennt, übrigens), und wenn es niemanden gibt, der ihnen Einhalt gebietet, hat das gemobbte Kind einen sehr sehr langen Ritt bis zum Schulabschluss vor sich. Und wir die nächsten hackordnungsgestählten Deppen Expert*innen auf Chefsesseln vor der Nase.

Alternativen

Sportunterricht kann ganz anders sein. Ich habe das erleben dürfen, nach vier Jahren in der bayerischen Drillabteilung. Nach dem Schulwechsel hatten wir einen Sportlehrer, der Engagement benotet hat. Völlig unabhängig von Tabellen und anderen Zahlenkriterien. Wer im Unterricht mitgemacht hat und sich bei der abschließenden Bewertung wenigstens bemüht hat, aber leider ergebnislos, der bekam eine 3, bei gutem individuellen Ergebnis jedoch eine 2. Nur wer nach all den objektiven Kriterien echt was gerissen hat, bekam eine 1. Für bloßes Erscheinen und In-der-Halle-herumschleichen handelte man sich eine 4 ein. Allerdings: wehe man kam zu spät!

Warum geht das nicht überall so?

***

Updates:

(1) ja, ich habe die schlimmem Wörter entschärft, und ja, ich ahne, dass es vielleicht ein oder zwei nette Sportlehrer*innen gibt. Die sollen sich bitte melden ja?
(2) ich war während der beschriebenen Alternativphase jeden Tag im Fußballtor, jeden Tag, und ich war im Leichtathlektikverein, nachdem ich vier bayerische Jahre lang „unsportlich“, „dumm“, „faul“, „unbeholfen“ gewesen war. Und meine Sportlehrkraft in Mathe hatte. Man kann sich die Noten dort vorstellen.
(3) andere Menschen sagen auch was zum Thema: z.B. Kiki
(4) oder auch Volker
(5) oder Ninia LaGrande
(6) oder auch jawl

(7) es gibt ein Handbuch Bundesjugendspiele, aus dem ich mal zitiere und es einfach so stehenlasse (ach nein, doch nicht: ich muss mal ganz kurz hart lachen):
„Die Bundesjugendspiele sprechen durch ihren pädagogischen Ansatz ihre breitensportlich orientierte Ausprägung und ihr differenziertes inhaltliches Angebot in den Bereichen „Wettkampf“, „Wettbewerb“ und „Mehrkampf“ alle Schülerinnen und Schüler entsprechend ihrem individuellen Leistungsvermögen an. Schülerinnen und Schülern mit und ohne Behinderung wird ein auf sie zugeschnittenes Angebot zur gleichberechtigten Teilnahme an den Bundesjugendspielen unterbreitet.“

(8) oder auch Johannes Mirus (der sie gern behalten möchte. Die Bundesjugendspiele)
(9) tolle Idee: eine Talentiade. Sagt Ralph Kuehnl (finde ich super).
(10) Warum die Bundesjugendspiele nicht das Problem sind schreibt Tanja Gabriele Baudson bei scilogs
(11) Der sehr geschätze Kinderdok schreibt von sehr tollen Bundesjugendspielen, es gibt sie also.

 

10 Gedanken zu “Mehr Team!

  1. Simone

    Pia, das, was du da sagst, unterschreibe ich in jedem Punkt. Und genau deshalb halte ich es für verfehlt, die Petition zu den Bundesjugendspielen zu unterschreiben. Weil ich meine, dass die Schulpolitik da einen ganzen Schritt weiter gehen muss. Die BJS sind nur ein Tropfen auf den heißen Stein, ein Symptom für die Misere. So lange es z. B. in Niedersachsen für jedes Fach außer Sport einen Nachteilsausgleich für Kinder mit Behinderungen gibt, so lange das passiert, was du anprangerst, so lange mag ich mich nicht über BJS aufregen. Die kommen halt einfach noch dazu. Doch sie sind nicht das Problem, wie du ganz richtig sagst. Es ist die Art, wie der Sportunterricht häufig (nicht immer!) gestaltet wird.

  2. Lilian Kura

    DANKE, Pia, Du sprichst mir aus der Seele!
    Zwar war ich immer eher nicht sehr – öhm wie nenne ich es – „leistungsbereit“, wurde aber gottlob dafür nie gemobbt. Ich habe diese grässlichen Mobbereien von Mitschülern allerdings zahlreich miterlebt und gehe deshalb noch weiter: Ich fordere, jegliche Benotung von sportlichen Aktivitäten abzuschaffen.

    Schulsport ist wichtig für die gesundheitliche Prävention, weil viele Kinder sich sonst quasi nie bewegen. Aber er sollte Spaß machen statt Druck und Angst. Wie cool wäre es, wenn Kinder sich an 1 bis 3 Tagen die Woche auf die Sportstunde FREUEN könnten … und zwar ALLE Kinder, weil sie nicht all die Merkwürdigkeiten mitmachen müssten, die sie einfach nicht können, und stattdessen die Wahl hätten!?

    Deshalb: Jawohl, weg mit diesen scheiß Bundesjugendspielen (danke an Christine Finke für die Petition, die ich inbrünstig unterschrieben habe), und weg mit den Noten für Schulsport.

  3. Susi

    oh Danke, was für ein (traurigerweise) treffender Artikel. Mein Kind kann ein trauriges Lied davon singen. Mobbing gehört hart bestraft, es müssen Konzepte her, wie man dieser Unart effektiv begegnet. Die Kosten für die Folgen (Depressionen z.B.) zahlen teilweise schliesslich wir alle mit dem Krankenkassenbeitrag, hauptsächlich aber das „Opfer“, während die gröhlende Menge weiterzieht. Sozialkompetenz wird zwar an Schulen (hier in CH) gerne fett aufs Fähnchen geschrieben, aber gemacht wird definitiv zu wenig.

  4. Kerstin

    Liebe Frau Ziefle, wussten Sie, dass Sportlehrer nicht mehr die Umkleide der Jungs und Sportlehrerinnen nicht mehr die Umkleide der Mädchen betreten dürfen? Auch nicht, wenn es Schüler gibt, die Hilfe (z.B. Beim Schleife binden) benötigen? Und dass auch Hilfestellungen im Sportunterricht vom Dienstherren explizit verboten wurden ? Und dass es eine eigens eingerichtete Stelle gibt, wo man Verstöße dieser Art seitens der Lehrkraft melden kann? Und dass davon rege Gebrauch gemacht wird? Wie soll die Lehrkraft dem Mobbing auf die Spur kommen?
    Dies ist nur ein Aspekt von vielen, sicher, aber ohne Kenntnis aller relevanten Fakten bleibt eine Diskussion ein Austausch von Meinungen, der nicht zielführend sein kann. Das Ziel ist in diesem Fall das Wohl aller Schüler.

  5. AndiBerlin

    Das ist Blödsinn. Kinder werden auch wo anders gemobbt wenn du sie da nicht gut sind. In der Grundschule wurde über mich, außerhalb des Unterrichts, von einigen aufgrund meiner Mathematik Schwäche gemobbt. Soll deswegen der Mathematik Unterricht gestrichen werden?
    In Sport war ich auch keine Leistungskanone, und bei den Bundesjugendspielen habe ich auch nie eine Ehrenurkunde bekommen, fordere deswegen auch nicht die Abschaffung.
    Diese gerade aufkeimende Diskussion wegen der Bundesjugendspiele finde ich lächerlich. Kinder sollen früh lernen das nicht alles aus Zuckerguss ist. Und wenn man etwas nicht (gut) kann, dann soll man versuchen die Fähigkeiten etwas zu verbessern. Ansporn heißt das zauberwort, nicht jammern.
    Wohlgemerkt, ich kenne die Seite des gemobbten.

  6. Toc6

    Wer als Kind zu sehr gemobbt wird, wird dadurch nicht gestählt, sondern im späteren Leben unsicher und zerbrechlich. Denn auch das ist Lernen: Einzuüben, nichts wert zu sein, bis es richtig sitzt. Und dann verbringt man den Rest seines Lebens damit, sich das irgendwie abzugewöhnen.

    Auch bei mir gipfelte vieles im Sportunterricht. „Demütigung“ ist hier genau das richtige Wort. Im Sportunterricht konnte ich vor allem lernen, ein Versager zu sein. Da wird Tischtennis gespielt und wer verliert rückt eine Platte nach rechts, wer gewinnt eine nach links, oder irgendwie so. Und du hast 80 Minuten (minus Umkleidezeit), um das herauszufinden, was du schon bei Minute Null weißt: Du bist der schlechteste. 90 Minuten lang wird das das in dich hineinzelebriert.

    Und dann gehst du am Wochenende mit Papa ins Gebirge und kletterst eine 400-Meter-Wand hoch und es ist großartig und anstrengend, aber es gelingt ohne größere Probleme. Aber was hat das schon mit Sportunterricht zu tun, vor allem in den 90ern, als Klettern kein Massensport ist, sondern was für Freaks (deutsche Übersetzung von Freak bitte Nachschlagen, ist auch erhellend). Da Mädchen und Jungs bei uns getrennt Unterricht wurden, waren Jungs wie ich, die mit (Fuß)Bällen nix anfangen konnten, noch zusätzlich benachteiligt.

    Ich bin fast froh, dass ich keine Kinder habe. Obwohl ich Kinder mag und meine besten Freunde tolle Kinder haben. Aber was würde ich nur tun, wenn ich mein eigenes Kind in die Schule schicken müsste?

  7. Pia Ziefle Artikel Autor

    Ich danke Euch allen für Eure Kommentare. Als Konsequenz aus all dem Gehörten, und auch anderswo Gelesenen, auch aus den sehr kritischen und zum Teil erschreckend heftigen Stimmen, werde ich die nächsten Tage einen Fragenkatalog zusammenstellen und mich mit den Sportlehrkräften meiner Gegend auseinandersetzen. Ich werde berichten.

  8. Pingback: Beste*r sein. | Pia Ziefle | Autorin

  9. Pingback: Schafft die Bundesjugendspiele ab | König von Haunstetten

  10. Q

    $ ich bin wirklich auf den Fragenkatalog gespannt, ist der schon irgendwo? Ich habe ihn nicht entdeckt. Das Thema hat so viele Facetten, dass ich mir irgendwie noch nicht abschließend eine Meinung gebildet habe.

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