Mehr Klarheit

Unter dem etwas provozierenden, aber durchaus sehr ernst gemeinten Titel „Wir müssen mehr schweigen“, habe ich vor ein paar Wochen für den resonanzboden einen Beitrag geschrieben. Mehr Schweigen fordere ich darin in Bezug auf AfD, Pegida und Konsorten, ich fordere es vor allem von den Medien, weil dort nach meinem Gefühl immer häufiger die Grenzen zwischen Berichterstattung und Realitätsschaffung verwischt werden. Ja, man kann berichten, man muss das auch. Aber man muss nicht jede freie Fläche mit AfD-News füllen. Besonders in den online-Ausgaben liegt der Gedanke nahe, dass Redaktionen der Verführung erliegen, mit AfD-Themen garantierte Klicks generieren zu können.

Das Ergebnis dieses Handelns sind Clausnitz, Bautzen und all die anderen Orte, an denen sich Menschen legitimiert fühlen durch die Dauerpräsenz entsprechender Parolen in sämtlichen Medien.

Darum fordere ich mit Nachdruck mehr Schweigen ein – damit wir mehr Platz haben, miteinander zu sprechen. Mit den Leuten in Clausnitz beispielsweise, und mit denen, die auf die Idee kommen, Flüchtlinge busweise in entlegenen Dörfern unterzubringen. Mit denen, die da neu ankommen. Mit denen, die Angst haben. Mit denen, die in den letzten 50 Jahren mehr Umbrüche erlebt haben in diesem Land als andere.

Wir müssen sie alle einbinden, so schwer das werden wird, und so aussichtslos das erscheinen mag. Wir brauchen mehr Bildung, mehr Geschichtsbewusstsein. Mehr Wissen darüber, wie -manche- Dörfer funktionieren. Das wissen viele nicht, die in Städten (im Westen) groß geworden sind und „Dorf“ nur aus dem Tatort kennen. Wir müssen uns darüber unterhalten, wie wenig Veränderungen es über 20 Jahre in einer Dorfgemeinschaft geben kann, wie viel Verstrickungen, wie viel Schwiegen. Und dass es kein Witz ist, wenn Menschen noch in der dritten Generation als Zugezogene gelten – das ist real. Mit realen Auswirkungen auf Neue. Ich schreibe das aus eigener Erfahrung mit dem Symptom „Dorf“, wo Kinder nicht zu Fuß in die Kita gehen durften, weil vor über 15 Jahren einmal ein verdächtiges Auto „mit fremdem Kennzeichen“ am Kindergarten vorbeigefahren ist. Das erfinde ich nicht. 15 Jahre. Ein Auto mit fremdem Kennzeichen. (Vielleicht würden organisierte Deutschlandrundreisen für ganze Dorfgemeinschaften Abhilfe schaffen…).

Behörden müssen sich im Klaren sein darüber, dass es im Dorf nicht nur Leerstand und billigen Wohnraum gibt – wo es keine Infrastruktur gibt und maximal einmal am Tag einen Bus irgendwohin, wo eine Fahrt von 10 Kilometern* in ein anderes Tal zum Einkaufen führt, dort ist in den letzten Jahren mit Sicherheit keine Offenheit gewachsen, da wird jede Veränderung zur Bedrohung. Wenn die Einwohner noch dazu älter sind, dann werden Erinnerungen daran wach, als die letzten Fremden für länger im Dorf waren – und das waren Soldaten. 70 Jahre schrumpfen innerhalb weniger Sekunden auf ein „gestern“ zusammen.

Wir müssen auch reden über Identität. Wie sie entsteht. Warum es schwarz-weiß-Gruppierungen so leicht fällt, identitätsstiftend zu wirken. „Wir sind das Volk“ kann nur in den Feuilletons als illegitime Übernahme eines Satzes diskutiert werden, in Wahrheit ist es nichts anderes als der Wunsch danach, gesehen zu werden und untereinander verbunden zu sein. Menschen wollen Zugehörigkeit. Sie wollen erkannt werden in ihren Fähigkeiten. Sie wollen sich als wirksam erleben, sie wollen sehen, dass sie gebraucht werden und sich einbringen können. Da müssen wir ansetzen. Wenn es ganze Landstriche gibt, wo nur extremistische Gruppen egal welcher Prägung in diese Bresche springen und Angebote zur Identifikation machen, dann ist in Schule, Kindergarten, Dorfgemeinschaft und in den Familien sehr viel schiefgelaufen. So viel, dass es keine individuellen Lebenswege mehr sind, sondern Demokratieversagen. Und Empathieversagen. UNSER Empathieversagen für Menschen, die reihenweise weder Arbeit noch Perspektive haben. Vor allem das. Womit wir wieder beim Zuhören wären.

In der Konsequenz brauchen wir absolute Klarheit darüber, was wir als Land, als Demokratie anbieten wollen und können für Menschen, die vor Krieg und Verfolgung fliehen, und was wir denen anbieten wollen, die zu uns kommen wollen, um zu arbeiten und hier zu leben. Mit anderen Worten: wir brauchen ein Einwanderungsgesetz, mit klaren Regeln, auf die wir uns alle verständigen können. Sonst sprechen wir immer aneinander vorbei und gießen unfreiwillig Wasser auf die Mühlen der Hetzer, sonst bleibt unsere Haltung zur Migration jeder Art Flickwerk und damit angreifbar und letztlich unglaubwürdig.**

 

Update: Patricia stellt hier ein paar naive Fragen, die ich kein bisschen naiv finde.

 

*die 10 Kilometer scheinen eine Distanz zu sein, die es häufiger gibt 

**unglaubwürdig auch deshalb, weil wir durch die Klassifizierung sicherer Herkunftsländer ein ganz neues Problem schaffen: wir spielen die Flüchtlingsgruppen gegeneinander aus und teilen sie in Kategorien ein, in denen beispielsweise (!) ein junger Syrer problemlos bleiben darf, und ein junger Bosnier keine Bleibechance mehr hat, nur weil er volljährig geworden ist und nach Erwachsenenrecht behandelt wird und nicht mehr hier sein darf. Egal wie engagiert er ist.

5 Gedanken zu “Mehr Klarheit

  1. Friederike

    Volle Unterstützung. Aber ein Einwurf zum Thema „Dorf“ (getreu Radio Eriwan): Im Prinzip ja, ABER: Hier in der schwärzesten Ecke Baden-Württembergs, im ärmsten und strukturschwächsten Landkreis, wo es ländlicher nicht sein könnte, funktioniert das auf den Dörfern. Obwohl die Zahlen mitunter in keinem Vergleich stehen und viele Dörfer wirklich über Gebühr „belastet“ sind. Da wird mitunter erst laut gemault, dann ganz pragmatisch geholfen, wenn die „Assylannde“ da sind. „Wir machen auf den kleinsten Dörfern die besten Erfahrungen“, sagt der Mann vom Landratsamt, und ich glaube das aus eigener Anschauung gerne. Da werden Fahrdienste organisiert und Einkaufsgemeinschaften, und wenn der Ahmed Fußballspielen kann, wird er direkt auf den Fußballplatz gerufen. Ich bin zugegebenermaßen als Berlinerin (und immer noch Fremde hier, nach fünfzehn Jahren) selber verwundert, aber so isses. Worans liegt? Keine Ahnung. Vielleicht weil Landräte und Bürgermeister und Pfarrer sich einsetzen, und deren Wort hier noch was gilt? Ich weiß es nicht. Aber ich bete, daß es so bleibt. Und daß beim Vergleich Stadt/Land immer genau hingeguckt wird.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Danke dir sehr für deinen Kommentar – und je mehr Gegenbeispiele, umso besser!

  2. Pingback: Wer zündet Häuser an? Und warum? | Pia Ziefle | Autorin

  3. Pingback: 4 Jahre Suna | Pia Ziefle | Autorin

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.


Statistical data collected by Statpress SEOlution (blogcraft).