Inhalte versus Accounts – facebook und das Sperren

Christoph Kappes hat drüben bei sich eine ganze Reihe von Gründen angeführt, weshalb facebook nicht zum Löschen gewisser Inhalte gezwungen werden kann, und diese Gründe sind alle für sich sehr einleuchtend. Eigentlich wollte ich in seinen Kommentaren kommentieren, aber leider wurde mein wahrscheinlich viel zu langer Text gefressen.

Daher meine Antwort nun hier:

Lieber Christoph,

ich sehe, was du zusammengetragen hast, und ich sehe – auch diesmal – in der Forderung nach Löschung erhebliche Schwierigkeiten auf uns zukommen, die wir vielleicht gar nicht so wollten.
Aber: ich gehöre zu denen, die von facebook fordern, sich an ihre eigenen Regeln zu halten, und nach wie vor sehe ich darin keinen Denkfehler.
Denn facebook ist sehr wohl ein „Ort“ wie eine Kneipe ein Ort sein kann, und auch in einer Kneipe kann der Wirt gewisse Regeln aufgestellt haben – deren Einhaltung die Gäste fordern können, die vielleicht sogar aufgrund der Regelungen überhaupt erst Gäste geworden sind. Zahlende Gäste, insofern haben sie einen Hebel: sie können wegbleiben und anderswo ihr Geld ausgeben.
Dennoch wird der Wirt seine Fahne nicht nach dem Wind hängen und die Regeln beliebig auslegen, wenn er ein gewisses charakterliches Stehvermögen hat.
Er wird sich aber, in den Augen der Gäste, an seinen Regeln und deren Durchsetzung messen lassen müssen. Wird er den Störenfried hinauswerfen? Wird er ihn ermahnen? Oder wird er weiterhin unbeteiligt seine Gläser reiben, weil die Störenfriede schon so viele Biere hatten?
Der Wirt wird seinen Gästen nicht das Wort verbieten können, und ihre Äußerungen kann er nicht aus den Ohren der anderen Gäste ziehen.
Aber er kann den gesamten Störenfried hinauswerfen.
Das wäre konsequent – daher ist nicht die Löschung der Inhalte einer Person die Antwort, sondern die Sperrung der betreffenden accounts. Schließlich ist facebook keine überlebensnotwendige Sache, nicht einmal eine Dienstleistung, sondern eine Community.
Ich weiß, dass viele mir da einen Denkfehler vorwerfen. Weil ich von „Gemeinschaft“ spreche, wo andere eine Software sehen.
Das trifft vielleicht auf twitter zu – nicht aber, und zwar ganz und gar nicht, auf facebook. Warum?
Weil facebook die Interaktion zwischen Nutzern justiert. Gestaltet. Inhaltlich eingreift. Es zeigt Inhalte an – oder nicht. Es wertet Profile aus und entscheidet letztlich sogar am Nutzer vorbei, was ihn interessieren könnte. Obwohl der Sender der Information davon ausgegangen sein könnte, dass der Empfänger sehr wohl Interesse haben kann an seinem Katzenvideo.
Das ist, als würde der Postbote sagen, „ach, die Frau Meier, die schickt ihre Otto-Pakete eh immer zurüc,k, da stelle ich ihr die ab heute erst gar nicht mehr zu.“
Klingt absurd? Macht facebook aber so.
Und genau darum, weil facebook inhaltlich eingreift in die Beziehungen* und in die Kommunikation seiner user, genau darum verlange ich die Einhaltung der Regeln so vehement.

Ich sehe aber wie du die Notwendigkeit und die Dauer solcher Prozesse, wie du sie gezeichnet hast, daher habe ich einen anderen Weg genommen, indem ich mich verabschiedet habe aus der Gemeinschaft dort. Ich mag nicht mittragen und nicht mitverantworten, dass sich wohl wenig bewegen wird, daher habe ich den dislike-Button gewählt, noch bevor er eingeführt wurde.

 

 

*ein nicht unerheblicher Nachsatz: du hast den Alkoholiker erwähnt, den zu erkennen man lernen kann, anhand von Wortwahl, Uhrzeit, Stimmungsschwankungen. Ich gehe mit dir, und sehe aber nicht nur Alkoholiker, sondern viele viele andere psychische Auffälligkeiten, und habe daher oft genug mit der Bezeichnung gewisser Äußerungen als „politische“ Äußerung, erheblichste Schwierigkeiten. Dennoch brauchen wir, über die konkrete Frage bei facebook hinaus, eine Debatte über den Umgang mit einem Verhalten, das offline vielleicht dazu führen würde, dass jemand sich bedroht fühlt von einer Aggressivität, die nicht einmal ihm selbst gelten muss in diesem Augenblick, offline kann es passieren, dass die Polizei kommt und ein Richter Fremd- oder Selbstgefährdung feststellt und jemanden daher aus dem Verkehr zieht.

Offline haben wir Instrumentarien, DIE können wir aber natürlich (!) keinesfalls einem Unternehmen in die Hand geben, noch können wir verlangen, dass ein Unternehmen solche Instrumente besitzt und einsetzt. Darüber sprechen wir aber ja gar nicht. Wir sprechen nicht von Freiheit, nicht von bürgerlichen Rechten. Wir sprechen von einer Gruppe, die sich aufgrund der Architektur von facebook als Community versteht, verstehen muss.

Einen Nutzer zu sperren, der gegen die Community-Standards einer solchen Plattform verstößt, ist in meinen Augen daher keineswegs vergleichbar. Und daher auch keine falsche Forderung.

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