Hier sind die Väter (2) – Rainer

Dafür liebe ich das Internet: ich kann eine Frage – oder 10 – in den Raum stellen, und aus ganz verschiedenen Ecken und Lebenswelten erreichen mich Antworten dazu. Heute kommt Rainer zu Wort,  er bloggt als „König von Haunstetten“, und ich ich freue mich bei ihm ganz besonders darüber, dass er mir aus seinem ungewöhnlichen Alltag in seiner Familie erzählt hat. Sehr berührt hat mich sein Motto, das mir ganz am Schluss verraten hat.

(1) Steigen Väter tatsächlich nicht mit ins Eltern-Boot?

Ja, wir steigen schon ein. Wenn man bei der Geburt live dabei war, dann gibt es kein „geht mich nix an“ mehr. Es ist Dein Kind, also kümmere Dich darum. Die Frage ist, ob man als Kapitän oder Ruderer im Eltern-Boot sitzt. In meinem Fall bin ich heftig am Rudern, denn meine Kinder sind mittlerweile schon in der Pubertät und das ist eine sehr große Herausforderung an beide Elternteile.

(2) Lassen Mütter Väter nicht mit einsteigen?

Doch, man darf einsteigen, muss es sogar. Nach der Entbindung konnte ich öfter den Satz „Ich habe es 9 Monate im Bauch herumgetragen, jetzt darfst Du es auch mal tragen“ hören. Und schnell wird klar, dass das symbolische Boot kein Ausflugsdampfer auf Kaffeefahrt ist, sondern man sozusagen hart am Wind segelt und alle Hände voll zu tun hat, damit das Boot keinen Schiffbruch erleidet.

(3) Ist es die Erwerbsarbeit, die Vätern schwer bis unmöglich macht, Vater zu sein?

Nein. Erwerbsarbeit ist zeitlich begrenzt und ich kann sie so organisieren, dass man trotzdem Zeit für das Vater-Sein hat. Ich tue mich da natürlich leicht, denn mein Arbeitsplatz ist gerade mal 1 km von zuhause entfernt, ich habe also keine großen Strecken zu „pendeln“ um in die Arbeit oder nach Hause zu kommen. Und bei 35 Wochenstunden hat man sogar noch was vom Tag wenn man heimkommt.

(4) Wie sehen Väter sich selbst in ihrer Rolle als Vater?

Der Mensch, der die Kinder eigentlich viel zu wenig sieht trotz gut organisierter Erwerbsarbeit, und der trotzdem immer für die Kinder da sein will.

(5) Wo sehen Väter ihren Beitrag zur Familie?

Mein Fall ist da sehr speziell. Wir haben 2 Kinder, das erste eine Tochter, die in der Grundschule als hyperaktiv eingestuft wurde, dann aber eher knapp an der Hochbegabung entlangschrammte. Mittlerweile ist sie voll in der Pubertät und macht maximal viel Stress. Unser Sohn kam zwei Jahre später und hat inzwischen eine Diagnose „Autismus“, was ihm einen Behindertenausweis eingebracht hat. Meine Frau hatte 2010 eine Krebsdiagnose. Der Krebs wurde besiegt, aber als Nebeneffekt hat sie nun auch eine 70% Behinderung attestiert bekommen. Daher bin ich jetzt sozusagen das „Mädchen für alles“, Außeneinsätze wie Einkaufen oder mal die Kinder im Krankheitsfall von der Schule holen sind mein Job, ebenso wie die Hausarbeit. Damit hat meine Woche 7 Tage, denn am Wochenende ist immer viel Wäschewaschen und Haus putzen angesagt. Es ist anstrengend, aber wenn man sich gut organisiert, kann man es schaffen.

(6) Wo sehen sie ihre Beziehung zum Kind?

Für meinen Sohn bin ich derjenige, mit dem er draußen was unternehmen kann. Seine große Leidenschaft ist „Straßenbahn fahren“ oder „Rolltreppe fahren“, also bin ich regelmäßig irgendwo in den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs oder in Einkaufscentern. Sein Highlight ist ein Ausflug nach München, da gibt es viel Straßenbahn und viele Kaufhäuser mit vielen Rolltreppen rund um den Stachus. Für meine Tochter war ich mal der tollste Papa, den sie nie verlassen wird und den sie ganz ganz lieb hat. Jetzt ist die Pubertät da, und der Papa wurde vom festen Freund abgelöst. Und sie tut sich sehr schwer, hat Probleme in der Schule und tickt manchmal wegen Nichtigkeiten aus. Aber vielleicht muss dieses Gezicke sein, damit das „finale Abnabeln“ beiden Seiten nicht so weh tut, irgendwann sagt man „Gottseidank ist sie weg“, auch wenn das sehr bitter ist. Aktuell bin ich also zum Sponsor für ihre Freizeitaktivitäten degradiert, früher war wenigstens noch „Spiel was mit mir“ auf dem Programm. Natürlich ist sie aufgrund ihres behinderten Bruders in einer besonderen Situation, in der sie wahrscheinlich oft zu wenig Aufmerksamkeit bekommen, hat weil die beim Bruder war.

(7) Wie stellen sich Männer Familie vor, wenn sie a) noch keine haben, b) eine haben, und c) ihre eigene sich anders wünschen?

a) In den frühen Jahren hatte ich gar keine Vorstellung von Familie haben. Es war ja auch eigentlich gar nicht der Plan, passierte dann aber eben. b) Uff ist das stressig. Warum, siehe oben. c) Veränderungen sind mittlerweile nur noch sehr schwer möglich. Oft fragt man sich „Was habe ich nur falsch gemacht“, aber eigentlich hat man gar nichts falsch gemacht. Und natürlich wünscht man sich, dass die Tochter in der Schule mehr Ehrgeiz und Fleiß entwickelt und dass der Sohn seine Stereotypien zurückfahrt, denn die kosten einfach sehr viel Kraft. Aber wenn man sich innerlich mal zurücklehnt, dann findet man gar nicht so viel, was „anders“ sein müsste.

(8) Was tragen Väter dazu bei, dass sich ihre Vorstellungen erfüllen?

Mit der pubertierende Tochter habe ich arge Diskussionen mit den Kindern um Zukunft, Werte usw. Manchmal bis spät in die Nacht, was mir dann aber ganz egal ist, denn wenn Dein Kind ernsthaft mit Dir diskutieren will, dann sollte es kein Zeitlimit geben. Und für so was schmeiße ich dann auch meinen Tagesplan komplett um. Bei meinem Sohn hoffe ich einfach, dass er seinen Weg findet. Wobei er ja noch sehr einfach glücklich zu machen ist, aber eigentlich sollte er auch irgendwann einen realistischen Plan für seine Zukunft haben, aber Zukunft ist für ihn ein Konzept das noch gar nicht so genau existiert, außer der Termin für das nächste mal Straßenbahnfahren. Also hoffe ich einfach, dass die Hoffnung wirklich zuletzt stirbt.

(9) Wie stark empfinden Väter Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem (Vater-)Leben – und was trägt positiv dazu bei?

Gleitzeit ist gut für Väter. Egal was passiert, wenn meine Kinder mich brauchen weil sie z.B. krank von der Schule abgeholt werden müssen kann ich das machen. Klar, ich muss die Zeit reinarbeiten, aber das ist zu schaffen. Mein Motto ist da immer „Um die Firma kümmern sich Tausende von Mitarbeitern, um meine Kinder kann nur ich mich kümmern.“

(10) Würde die Mutter der Kinder ähnliche Antworten geben?

Möglicherweise. Nix genaues weiß man nicht.

Noch mehr Väter lesen? Hier:

Hier sind die Väter (1) – Christian

Hier sind die Väter (3) – Claus

2 Gedanken zu “Hier sind die Väter (2) – Rainer

  1. Pingback: Wo sind eigentlich die Väter? - Pia Ziefle | Autorin

  2. Petra Plaum

    Solidarische Grüße von einer anderen Pubertistinnenmama. Du weißt schon, dass sie in dem Alter schwierig sein müssen, damit wir sie später überhaupt (aus)ziehen lassen?! Ich bin beeindruckt von dem, was ihr als Familie schon gemeistert habt, und wünsche euch so viel Gesundheit & Glück wie möglich.

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