Hier sind die Väter (1) – Christian

Noch immer bin ich überrascht. Über die Anzahl der Mails und Kommentare, die mich zu meinem letzten Artikel erreicht haben – und vor allem über die Offenheit und Ehrlichkeit der gefragten Väter. Mir erscheinen die Beschreibungen, die ich auf meine 9 Fragen bekommen habe so wertvoll, dass ich sie nicht im Kommentarstrang sitzen lassen möchte, und ich habe ein paar Mails bekommen, die ich veröffentlichen darf, solange der Absender anonym bleibt. Das mache ich natürlich, und so fehlen in manchen der kommenden Beiträge Wohnorte, Namen und auch das Alter der Kinder, auch wenn das vielleicht erhellend wäre.

Denn ein erster Eindruck ist: Väter älterer Kinder haben teilweise ernüchternde Erfahrungen gemacht, sei es, weil die Beziehung zur Mutter der Kinder beendet ist, sei es, weil sie in einer Zeit  Vater geworden sind, in der sie als männliche Elterngeldbezieher noch Exoten gewesen sind oder weil sie über die lange Strecke des Vaterseins ein anderes Bild vom Kinderhaben bekommen haben als zu Anfang gedacht.
Väter jüngerer Kinder hingegen sehen dem Vatersein (so mein Eindruck, der mag trügen) fröhlich entgegen – das wiederum macht mir sehr viel Hoffnung. Mir ist zwar klar, dass ich hier einen winzigen Ausschnitt einer sehr kleinen Filterblase erlebe, aber warum nicht. Warum nicht drüber reden, dass es eben doch sehr viele Männer und Väter gibt, die sich weitaus mehr Gedanken zu Vereinbarkeit und ihrer Rolle in der Familie und in ihrer Beziehung machen, als man in der recht weiblich dominierten Vereinbarkeitsdebatte zunächst annehmen könnte. Der Feind, der lauert vielleicht tatsächlich gar nicht im eigenen Bett.

 

Den Auftakt heute macht Christian, der mir eine Mail geschickt hat:

(1) Steigen Väter tatsächlich nicht mit ins Eltern-Boot?

Ja, verdammt. Ich habe die ersten drei Tage das Baby alleine gewickelt, war bis auf 6 Stunden nachts jeden einzelnen Tag bei dem Kind und der Mutter (eine der drei Nächte hatten wir sogar ein Familienzimmer). Ich war es, der unser Baby drei Mal von einer Seite des Klinikums zur anderen geschoben hat um es zum Ultraschall und irgendwelchen Untersuchungen zu bringen. Das war ohne Frage auch der Tatsache geschuldet, dass unser Kleines per Kaiserschnitt zur Welt kam und meine Freundin sich einfach kaum um das Baby kümmern konnte. Die ersten Wochen war ich es, der sie in ihrer Quengelphase durch die Wohnung trug bis sie schlief. Das war nervig, keine Frage. Ich habe es dennoch gerne gemacht und will es nicht missen.

Dann war ich 8 Wochen in Elternzeit und ab Oktober gehe ich für 6 Monate in Teilzeit, damit meine Freundin ihr Studium zu Ende bringen kann. Ich denke, ich bin im Elternboot. Aktuell nicht so sehr wie die Mutter, das stimmt schon – aber ich sitze drin und spätestens im Oktober schlägt das Pendel wieder mehr in meine Richtung aus. Wobei ich nur 2 Tage die Woche unser Baby alleine habe, die drei anderen Werktage wird es von Mama betreut.

(2) Lassen Mütter Väter nicht mit einsteigen?

Klar. Mag sein, dass es Mütter gibt, die sich nur über ihre Rolle als Mama definieren – meine Freundin tut das Gott sei Dank nicht. Wir sind beide mehr als „nur“ Eltern und wollen das auch sein. Um diese Freiräume für unsere anderen Rollen zu schaffen, müssen wir beide zwangsläufig mit anpacken.

(3) Ist es die Erwerbsarbeit, die Vätern schwer bis unmöglich macht, Vater zu sein?

Nicht schwerer als es den Frauen gemacht wird, denke ich. Der Unterschied ist eher, dass Männer die besser bezahlten Jobs haben. Das ist nicht zwingend nur der Paygap. Da spielt jede Menge mit rein. Der „klassische“ Studiengang oder Ausbildungsberuf von Frauen befindet sich tendenziell nicht im MINT Bereich, sondern im Sozialen oder der Geisteswissenschaft. Ein Ingenieur verdient schlichtweg mehr als ein studierter Germanist, ein Werkzeugmechaniker mehr als eine Erzieherin. Ob das gerecht ist, darf gerne angezweifelt werden – es ist aber eine andere Frage. Diese Rolle des Mannes ist auch historisch gewachsen und ich halte es für naiv zu glauben, dass sich eine über Generationen aufgebaute gesellschaftlich Realität in wenigen Jahren ändern lässt. Das braucht Zeit und wir sehen, dass es sich in die richtige Richtung bewegt. Gesetze können die Bewegung beschleunigen, aber trotz allem wird es einfach Zeit brauchen bis sich die Meinung „Ach schau an, auch die Frau kann die Familie durchbringen“ durchsetzt. Frauen müssen unbedingt in der Lage dazu sein – das sollte das politische Ziel sein. Aber auch wenn das erreicht ist, wird es einfach Zeit brauchen bis es die Gesellschaft vollständig akzeptiert.

Ich beobachte, dass die Leute sich immer auf das Geschlecht einschießen und blind für das Gesamtbild werden. Es ist oft der Mann, der nicht zu Hause bleibt – ja doch. Aber die Dinge verschieben sich sehr sehr schnell, wenn in einer Beziehung die Frau das meiste Geld verdient. Deswegen habe ich auch diesen „Das ist Quark“-Kommentar geschrieben. Es ist so einfach, wieder ein Feindbild aufzubauen und ich bin es wirklich, wirklich leid diese dummen Sprüche zu hören.

Der Kommentar von alasKAgirl bestätigt zumindest meine Annahme. Leider gibt es heute noch immer so wenig Mädels, die tatsächlich mal besser als ihre Jungs verdienen. Ich gehe jede Wette ein, dass sich ein Ingenieurin/Erzieher-Pärchen viel eher dazu entscheiden wird, dass der Mann zu Hause bleibt. Dagegen weigere ich mich zu glauben, dass es wir Kerle sind, die das alleine entscheiden. Wir leben im 21. Jahrhundert. Jede Frau in meinem Umfeld würde sich lautstark melden, wenn solche Dinge nicht im Tandem, sondern alleine vom Mann entschieden würden. Das Paar entscheidet gemeinsam über das Modell. Wer das anders annimmt, der sieht zu viel Frauentausch.

(4) Wie sehen Väter sich selbst in ihrer Rolle als Vater?

Ich mache mir über meine Rolle als Vater nicht so sonderlich viele Gedanken. Authentisch möchte ich sein und keinesfalls perfekt! Wie ich als Vater werde, hängt nicht zuletzt auch von unserem Kind ab. Wird sie ein Pferdemädchen, dann habe ich daran zu arbeiten, Pferden irgendwas tolles abzugewinnen. Vielleicht schaffe ich das und begleite sie dann selbst auf dem Rücken eines Pferdes im Wald. Vielleicht denke ich nach 2 Jahren aber noch immer, dass Pferde langweilige Tiere sind und fahre sie nur zur Pferdekoppel. Nur um dann mit dem Hund spazieren zu gehen während sie reitet. Keine Ahnung – das wird sich zeigen.

Klar möchte ich vieles mit ihr teilen. So viel wie nur möglich sogar! Aber ich muss auch ich bleiben und trotz aller Anstrengungen wird es Dinge geben, bei denen ich sie nicht direkt unterstützten kann. Das ist aber okay finde ich. Ich bin ich, und ihren ersten Freund muss ich genauso wenig mögen wie Pferde, um ein guter (und ganz besonders IHR und nicht irgendein) Vater zu sein.

Um das alles herauszufinden, muss ich Zeit mit meiner Tochter verbringen. Das will ich von ganzem Herzen und ich bin der Meinung, dass ich das auch tue. Nicht in jeder einzelnen Phase, aber es gab und es wird immer wieder Phasen geben, da werde ich mehr als ihre Mutter da sein.

(5) Wo sehen Väter ihren Beitrag zur Familie?

Aktuell tatsächlich gerade als klassischer Ernährer. Meine Freundin ist Studentin und wir leben in M. in unserer 2-Zimmer-Studentenbude. Ganz unglücklich bin ich darüber nicht, denn so ein Baby kann wirklich anstrengend sein. Ich bin bei weitem nicht so geduldig mit ihr wie meine Freundin. Liegt auch daran, dass ich jetzt eben wieder arbeite und 8 Stunden Büro auch nicht spurlos an mir vorbei ziehen. Früher habe ich sie im Tragetuch von 18 bis 22 Uhr herumgetragen und beruhigt. Nach der Arbeit ist das nicht mehr drin, das stimmt.

Ich bekomme also weniger das Grummeln mit, aber auch eben weniger die tollen Momente mit ihr. Sie lächelt morgens ihre Mutter an und nicht mich, wenn sie aus dem 10-Uhr-Schläfchen aufwacht. Mit ihr liegt sie im Bett und brabbelt um die Wette. Das sind Dinge, um die ich meine Freundin wirklich beneide.

(6) Wo sehen sie ihre Beziehung zum Kind?

Puhh, ich denke das habe ich vorher schon beantwortet, oder?

(7) Wie stellen sich Männer Familie vor, wenn sie a) noch keine haben, b) eine haben, und c) ihre eigene sich anders wünschen?

Familie heißt für mich ein Zuhause habe. Ein gemeinsames Abendessen, Urlaub im Strandhaus mit Oma, Opa und allen anderen und solche Geschichten. Das macht für mich Familie aus. Dabei ist es wichtig Zeit zusammen zu verbringen, aber eben auch eigene Wege zu gehen. Mein Kind soll eine wunderbare Beziehung zu seinen Großeltern aufbauen und wie ich damals, gerne bei ihnen übernachten und mit ihnen Abenteuer erleben. Dazu muss es seine eigene Wege gehen – auch mal ohne Papa und Mama. Dasselbe gilt für uns Eltern. Nur wenn ich mich selbst verwirklichen kann, kann ich ein guter Papa sein.

Familie ist das Fundament von dem aus alle starten um sich jeweils selbst zu finden. Ohne sie können wir nicht los laufen und die Welt entdecken – das gilt für Kinder genauso wie für uns Erwachsene, finde ich. Familie ist der Punkt indem alle immer wieder zusammenkommen.

(8) Was tragen Väter dazu bei, dass sich ihre Vorstellungen erfüllen?

Bei mir war es die Wahl des Arbeitgebers. Ich bin in der IT tätig und kann mir meine Arbeitgeber aussuchen. Während der Elternzeit bin ich von einem 40 Stunden Job in einen (besser bezahlten) 35-Stunden Job gewechselt. Jetzt habe ich einen Tag Home-Office (bei Bedarf sogar zwei oder mehr) und flexible Arbeitszeiten.

Leider geht das nicht in allen Bereichen so. Mir ist bewusst, dass ich da in einer Luxussituation bin – gerade weil ich vorher ein Jahr im Consultant-Bereich tätig war. Meiner Meinung nach liegt das auch etwas an den Angestellten. Heute ist es nicht mehr hipp in der Gewerkschaft zu sein. Jetzt, in einem Konzern mit Betriebsräten, sehe ich wieder, was die Gewerkschaften so erkämpft haben. Die allgemeine Ego-Manie heute („Da muss ich was von meinem Einkommen abzwacken? Andere bekommen das vielleicht? Ihhh“) tut den Leuten nicht gut.

Schau dich doch nur in den Eltern-Blogs um: ich, ich, ich – „Wie vermarkte ich mein Blog?“, „Welchen Namen muss ich wählen damit Werbetreibende auf mich aufmerksam werden?“, „Heute verbloggt: der drölftausendste bezahlte Artikel“. Es geht immer mehr um das eigene Ego und immer weniger um andere. Ich bin 30 und schon 10 Jahre bezahle ich meine 5 Euro an die AWO. Damit bin ich ein Exot. Aber wo man hinsieht: vom DRK bis hin zur Feuerwehr oder dem Sportverein nebenan – immer weniger wollen etwas tun und zahlen schon drei mal nicht. Gesellschaft? Das sind die anderen. Dasselbe gilt für die Politik. Es ist super schwer Gemeinderäte zu finden oder Bundestagskandidaten. Beschweren tun sich alle, aber wehe es verlangt mal jemand, dass die Leute selbst etwas machen und aktiv werden. Unterschriften im Web? Ja gerne. Sich selbst in ein Thema einarbeiten und etwas erschaffen? Nein, danke. AfD statt Habermas – das ist das Motto vieler, leider oft auch gut gebildeter Menschen.

In sofern schlägt sich das auch auf die Jobsituation nieder. Gewerkschaften haben es schwer und die Arbeitsbedingungen verschlechtern sich. Alleine lässt sich schwer gegen Zeitverträge und 40+ Stundenwochen vorgehen. Wer sich seinen Job nicht aussuchen kann, der ist heute leider ausgeliefert. Die Schuld für diese Entwicklung lässt sich aber nicht nur bei der Wirtschaft suchen, finde ich. Es ist auch die Schuld der Gesellschaft, die so etwas toleriert. Sofern der eigene Job toll ist interessiert sich kaum jemand dafür.

Die Spielräume im Vatersein sind damit oft begrenzt. Ich kenne allein zwei Männer aus dem Geburtsvorbereitungskurs, die wollten während ihres Zeitvertrages keine Elternzeit nehmen. Da gehen zwei Monate eines sicheren Jobs mit guter Bezahlung flöten. Übrigens arbeiten beide bei einem der führenden deutschen Autobauer ohne Abgasskandal.

(9) Wie stark empfinden Väter Gestaltungsmöglichkeiten in ihrem (Vater-)Leben – und was trägt positiv dazu bei?

Ein guter Arbeitgeber und leider auch eine hohe Bildung. Wie gesagt, in der IT mit einem guten Abschluss einer „Elite-Uni“ (ich hasse dieses Wort, aber das bewegt die Personaler tatsächlich leider sehr), ist es leicht einen Job zu bekommen. Ich kann mit 35h und einem Tag Home-Office, dem Weihnachts- und Urlaubsgeld, meiner Familie eine sehr solide Grundlage geben. Trotzdem kann ich für die Kids da sein – gerade weil ich auch am Wochenende und von zu Hause arbeiten kann. Das gibt auch ihrer Mutter Freiräume. Sie kann sich ihren Job ohne Blick aufs Geld aussuchen. Bei den Geisteswissenschaftlern ist das leider Luxus.

Wenn sie nach dem Studium dann noch Geld in die Kasse spült, könnte ich sogar reduzieren und wäre auch dazu bereit. Karriere mache ich dann natürlich nicht mehr, aber solange die Arbeit Spaß macht und genug Geld da ist: Wen stört das denn dann noch? Ich muss keine Leute unter mir haben um glücklich zu sein.

(10) Würde die Mutter der Kinder ähnliche Antworten geben?

Ja, ich gehe schwer davon aus. Wir haben über all diese Dinge schon ausführlichst gesprochen. Unsere Entscheidung war, wie eingangs erwähnt, eine gemeinsame.

5 Gedanken zu “Hier sind die Väter (1) – Christian

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