Heimatforschung

Die letzten Tage hatten zwei Gedankenstränge:
(1) ignorieren, um kein Wasser auf die Mühlen der Falschen zu gießen, weil in deren Denke Aufmerksamkeit, egal welche, die Währung ist.
(2) dagegenhalten – aber womit?

zu 1. Ich weiß es einfach nicht. Ich weiß nicht, ob ich „Sagt nicht, Ihr hättet nichts gewusst“ – Bilder mit ausgestrecktem rechten Arm entsetzt teilen will, damit auch wirklich jede*r sehen kann, was der Mann getan hat?
Wie ist das mit dem „Sehen?“
Man kann „sehen“ und „erkennen“ nicht gleichsetzen, ein deprimierendes Dilemma für alle, die publizieren, was nichts anderes ist als sichtbar machen. Fehlen auf der Gegenseite die Codes, hilft alles publizieren nicht. (Gut, bei dem Bild mit dem Arm fehlen sie sicher nicht). Aber es besteht so viel Gefahr – siehe Trump und die Wahl und die aufmerksamkeitsgeilen Medien, die für Schlagzeilen alles tun (sie erwähnen ja nur, sie berichten ja nur – aha) – dass die Reichweite, die ein Bild bekommt, am Ende völlig fehlinterpretiert wird und zu Anschlussfehlern führt wie „oha, die AfD, die sind ja auf ihre Weise doch Teil der Demokratie, wir können sie nicht länger vom politischen Diskurs ausschließen, laden wir sie auf die Podien ein“ – und dann haben sie Reichweite. Dann.
Das Gegenargument, sie würde auf genau diesen Podien von kompetenten Gesprächspartnern wirkungsvoll zerlegt werden – das zählt leider nicht, weil die Anhänger nur sehen, DASS sie in den Medien sind, aber anders als bei den anderen Parteien ist es schnurzpiepegal, ob der Kandidat / die Kandidatin zerlegt wird, denn gewählt wird sie ohnehin. Kein AfD-Kandidat muss sich bewähren (im Sinne unseres Verständnisses von bewähren), weil es darum überhaupt nicht geht. Sie müssen nur sichtbar werden – und daran will ich mich nicht beteiligen (und tue es mit diesem Text hier doch, setze aber darauf, dass Bilder für die Reichweite der Partei wirkmächtiger sind als ein Blogtext in einer Ecke des Netzes).

Schwieriger wird es mit Punkt 2.
Womit gegenhalten? Kann man, muss man auf irrationale, paranoide und narzisstische Borderline-Argumente reagieren?
Im Privatleben: nein. Niemals. Geht nicht. Man kann lediglich Strategien entwickeln, damit umzugehen. Ignorieren und vollkommen ausblenden ist die eine Strategie, sich immunisieren die andere.
Immunisieren geht über Wissen. Und zwar in beide Richtungen.
Einerseits ist es hilfreich zu wissen, DASS eine solch hermetische Denkweise wie die der Höckes dieser Zeit jeder Rationalität entbehrt und daher auch nicht mit Rationalität ausgehebelt werden kann.
Aber andererseits brauchen wir eine Stärkung und Bestätigung darin, dass die eigene politische und historische Wahrnehmung völlig richtig ist.
Daher ist ein solches Projekt wie das von Christine Koschmieder so wichtig. Sie nennt es bewusst provokativ „Heimatforschung“ und versammelt dort Autoren und Autorinnen, die unter dem Titel „Wo kommen deine Großeltern her?“ erzählen. Von Flucht und Migration, vom Umgang mit Täterinnen und Tätern in der eigenen Familie. Jeder und jede kann mitmachen und sich dabei selber ein Stück der eigenen Geschichte und Herkunft nähern.
Nach meiner Überzeugung geht es nur so.
Sich selbst ganz privat und individuell bewusst  zu werden, auf welche Weise unsere Familien gewachsen sind, auf welche Weise also folgerichtig dieses „Deutschland“ gewachsen ist, und dass es daher niemals in der Geschichte so etwas wie eine rein deutsche Zeit gab, die sich Höcke und Konsorten erträumen, zu der sie so gerne zurückkehren möchten.
Außer in den Plänen und den furchtbaren Taten in den Jahren zwischen 1933 und 1945.

Entlarvender geht es nicht. Ganz ohne Bilder.

5 Gedanken zu “Heimatforschung

  1. Rainer

    Danke für diesen Beitrag. Ich selbst bin angesichts der Nazi-Rede von Höcke immer noch auf 180 und müsste auch dringend dazu bloggen, allein mir fehlt dieser Tage die Zeit. Mittlerweile gibt es diese Rede ja als Transkript auf Pastebin und man kann deutlich die Parallelen zur Goebbels-Rede damals im Sportpalast sehen.

    Dieser Ruf nach Umkehr des „Schuldkultes“ erinnert mich extrem an die Zeit in der Weimarer Republik als man eine Wirtschaftskrise zu bewältigen hatte (haben wir jetzt auch) und man gegen die Reparationszahlungen aufbegehrte und wieder anfing Deutschland zu militarisieren. Höcke macht ganz deutlich einen auf „starker Mann, der den anderen zeigt wo der Hammer hängt“. Und es gibt leider in unserem Land genügend Dumme und leider auch genügend „Aussortierte“ (die nicht zwangsweise dumm sind) die bereit sind, diesem neuen Führer zu folgen.

    Das alles will und kann ich nicht mehr ignorieren, zumal mittlerweile sogar in unserer bisher friedlichen Gegend die Nazis anfangen, Ich persönlich werde also wann immer ich es schaffe dagegenhalten, mit Argumenten, Analysen und Lebenserfahrung.

    Meine Mutter war übrigens eine Heimatvertriebene des 1. Weltkrieges, sie wurde irgendwo in der Pommerschen Bucht geboren und die Familie musste dann hier nach Bayern übersiedeln. Und was sie mir zu Lebzeiten über die Zeit des Hitler-Regimes und des verheerenden Krieges erzählt hat bringt mich dazu, alles zu tun um eine Wiederholung der unseligen Geschichte zu vermeiden.

  2. Toc6

    Die Rede von Höcker hat mich sehr verstört. Ich bin den halben Tag durch den Wind gewesen. Nicht nur die Rede, sondern auch die Reaktion des Publikums. Ich habe mich gefragt: Was kann ich tun? Und so richtig eine Antwort habe ich im Moment (noch) nicht.

    Genereller gesehen denke ich, dass wir hier gerade an eine Grenze stoßen, die nicht im rechten Spektrum liegt. Ich glaube, wir alle haben uns etwas vorgemacht. Und zwar das: Dass wir in einer rationalen Welt leben. Das liegt in einer Gesellschaft nahe, die sich Wissensgesellschaft nennt. Wenn man alles weiß, ist endlich alles gut. Es gibt eine definitive Wahrheit. Wir gehen davon aus, dass wir mit Argumenten Veränderung schaffen können in Köpfen.

    Das mag sogar stimmen. Wir brauchen aber Veränderung in den Herzen der Menschen. Hass, Ablehnung, Angst – Argumente helfen dagegen nicht, denn das sind Gefühle. Wir versuchen beständig, die Gefühle der Menschen wegzudiskutieren. Das wird nicht funktionieren.

    Wir stoßen also an die Grenzen dessen, was mit Rationalität machbar ist. Soweit meine Gedanken dazu.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Das ist sehr interessant, was du schreibst.
      Darüberhinaus sind wir auch davon ausgegangen, dass Dinge klar sind. Logisch.
      Aber wir haben noch dazu in 2 Ländern gelebt und die Generation der 35 bis 45-jährigen hat zwei völlig verschiedene Sozialisationen durchgemacht. Was man nach 25 Jahren Einheit vergessen haben kann. Aber ich glaube, die Konsensbasis ist gerade in dieser Generation äußerst schmal, weil wir uns einander nicht mehr versichert haben, von was wir eigentlich reden – und niemand von uns mehr in der Schule war, wo wir leichter an Wissen oder an Meinungsbildung gekommen wären. Überhaupt dazu, uns damit auseinanderzusetzen.
      Das soll keineswegs heißen, dass es wieder „nur die Ostdeutschen“ sind, aber es ist eine ganz erhebliche Gruppe, die für solche Manipulationsmeister zugänglich ist und formbar und leicht beeindruckbar, weil ein ganz wesentlicher Teil der Aufarbeitung der deutschen Geschichte nicht im selben Konsens wie im Westen stattgefunden haben kann.

    2. Toc6

      Ich kann die „neuen Rechten“ durchaus verstehen, was ihre Kritik am Umgang mit unserer Geschichte angeht, also mit der des dritten Reichs. Aber auch da geht es wieder um ein Gefühl: Schuld. Von denen, die Schuld am dritten Reich tragen, lebt so gut wie keiner mehr. Auch ich will mich nicht schuldig fühlen. Und ich tue es auch nicht.
      Es geht darum, wachsam zu sein, um eine solche Geschichte nicht zu wiederholen und das als Verantwortung annehmen zu können. Der rechte Wunsch, nicht mehr (so viel) über das dritte Reich zu reden, vor allem in der Schule, ist vielleicht auch eher der Wunsch, sich nicht mehr schuldig fühlen zu müssen, für etwas, das man wirklich nicht getan hat. Also wieder eine Gefühlsangelegenheit.

  3. Pia Ziefle Artikel Autor

    Geht es denn nicht in erster Linie um Verständnis der Zusammenhänge?
    Irgendwie begreifen zu können, was für Faktoren beigetragen haben können, dass so etwas passiert ist?
    Damit man dann möglichst verhindern kann, dass so etwas wieder passiert?
    Dazu gehört für mich schon die Frage nach der Schuld. Nicht in erster Linie um die Schuld der Täter direkt in der ersten Reihe, sondern um die Gefühlslage derjenigen, die zuhause saßen und gesehen haben, dass ihre Nachbarn abgeholt werden… und warum DIE nicht reagiert haben, massenweise. Das ist wieder individuell und persönlich – und ich bin sicher, das kann heute auch wieder passieren. Dass man sich zum eigenen Vorteil still verhält und nicht aufsteht. Oder kann es das nicht mehr? Weil wir alle diese Geschichte im Hinterkopf haben? Und all die faschistoiden Dystopien in Kino und Literatur?
    Sind wir individuell wirklich weiter und haben ein anderes Selbstkonzept?
    Wenn ich die Massen auf der Straße sehe bei Pegida und Co beschleicht mich das Gefühl (!), dass diese Menschen eher kein Konzept von konstruktiver Selbstwirksamkeit haben, und daher denjenigen nachlaufen, die ihnen genau das versprechen.

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