„Du kannst nur Kamerafrau werden“

Als ich klein war gab es nichts Tolleres für mich als Filme. Nicht, dass ich viele gekannt hätte, wir durften nicht so viel Fernsehen, eigentlich fast gar nicht, aber die wenigen Filme die ich gesehen hatte, hatten eine durchschlagende Wirkung auf mich: ich wollte wissen, wie man die macht. Und fand heraus, es gibt so tolle Sachen wie „Regie“, „Kamera“, „Maske“. Okay, Maske war nicht soo das Überzeugendste, vor allem nicht, als ich erfuhr, man müsse dafür „Friseur lernen“, aber ich hätte auch das auf mich genommen, nur um zum Film zu kommen.

Eines Tages also stand ich im Wohnzimmer meiner Eltern und verkündete: „Mama, Papa, ich werde Kameramann.“
Es war ungefähr im Jahr 1985, ich war elf Jahre alt, es gab schon Emanzipation und Frauenbewegung, sogar bei uns auf dem Dorf, es gab den Deutschlandfunk, Erziehungszeitschriften und es gab die deutsche Sprache. Ihr ist es zu verdanken, dass ich ab diesem Tag ungefähr 30 Jahre gebraucht habe, um stolperfrei die weibliche Form einer Berufsbezeichnung zu verwenden. Denn die Antwort auf die Verkündigung („Mama, Papa, ich werde Kameramann“) war: „Kind das geht nicht, du kannst nur Kamerafrau werden.“

Das Problem waren nicht die wohlmeinenden Eltern, die mich scheinbar nur grammatikalisch korrigiert hatten. Es war das Wort „nur“ davor.

Nur – das ist ein Einschränkungswort. „Nur EIN Bonbon jeder!“ Oder: „Nur am Samstag geöffnet.“

„Nur Kamerafrau“, das klang für mich, als wäre für mich nur die Hälfte drin, ein halber Kameramann vielleicht? Oder nur für kurze Filme? Nichts Richtiges jedenfalls, nicht das GANZE. Denn ich war ja ein Mädchen, daran war nichts zu rütteln (so gern ich das gehabt hätte damals), ich würde eine Frau werden. Nur eine Frau.
Dass meine Eltern das damals keineswegs so gemeint haben, spielte keine Rolle. Ich war elf, und ich war am Boden zerstört.

In den späteren Jahren habe ich größte Schwierigkeiten gehabt nachzuvollziehen, warum Mitschüler*innen darauf bestanden, „Schüler und Schülerinnen“ genannt zu werden. Oder was so toll daran sein soll, zu gendern.

Nach dem Abitur ging ich zur Berufsschule, in einen Männerberuf, ich wurde Druckerin. „Drucker“ sagte ich, wenn ich gefragt wurde, und später, nach dem Grundjahr: „Siebdrucker.“ Ich war eine der wenigen Frauen in der Druckerklasse, wir waren alle Drucker. Und ich wollte nicht diejenige sein, die nicht für voll genommen wurde und blieb hartnäckig bei der Berufsbezeichnung, die auch auf allen Formularen stand, im System der Arbeitsagentur, sogar auf meinem Zeugnis. Dass ich eine Frau war, konnte man ja sehen (fast), was ich gelernt hatte aber war „Drucker“. Das Ganze.

Als meine Tochter klein war sagte sie eines Tages, sie wolle Arzt werden. Ich dachte an die Episode meiner Kindheit und fragte: „Warum nicht Ärztin?“ Da sagte das dreijährige Kind zu mir: „Weil das kleiner klingt“. Bei Bote – Botin kann man das vielleicht noch nicht ganz nachvollziehen, aber sobald der Umlaut dazukommt schon: Bauer -Bäuerin. Je mehr solcher Begriffspaare ich fand, umso eher konnte ich nachvollziehen, was sie meinte, es klang sehr nach Baum – Bäumchen.

Und da tat sich was in meinem Kopf. Sollte meine Tochter mit dem Gefühl aufwachsen, dem kleineren zugeordnet zu sein? Denn auch sie ist unbestritten ein Mädchen, auch sie wird unbestritten eines Tages eine Frau sein, sie wird Sprache benutzen (tut sie ja reichlich), und ihre Schwester auch, ebenso ihr Bruder. Wie kann ich dem also begegnen, dass etwas fremd klingt in ihren Ohren? Ich muss es ihr vertraut machen. Dazu muss es erst einmal für mich selbstverständlich werden. Ich habe also angefangen, in offiziellen Texten möglichst zu gendern, und habe den Stern für mich gewählt, weil der schön aussieht. Und wenn es allzu holperig wird, suche ich nach einer anderen Lösung. Ohne Missionierungszwang dabei. Ich vergesse es auch manchmal.

Und wenn die Kinder mich fragen, was ich für einen Beruf gelernt habe, dann sage ich, ohne mit der Wimper zu zucken: „Siebdruckerin.“

Daran musste ich denken, als ich letzthin auf der Suche nach einem Job für mich auf den Seiten der Arbeitsagentur gelandet bin und in der Spalte für Berufsbezeichungen Schlosser/in stand. Wie selbstverständlich das dann ist, sich angesprochen zu fühlen. Und wie nebensächlich, dass das früher mal ein Männerberuf war. Und was für ein toller Zufall, dass Anatol Stefanowitsch neulich über genau dasselbe ebenfalls geschrieben hat.

7 Gedanken zu “„Du kannst nur Kamerafrau werden“

  1. Manon Garcia

    Sehr schön geschrieben, liebe Pia!

    Ich kenne das vom Ingenieur bzw. der Ingenieurin. „Natürlich“ sagte ich immer, ich bin Ingenieur. Wurde ich komisch angeschaut, ergänzte ich „das andere ist so lang“. Außerdem wollte ich mit der männlichen Bezeichnungen jedem und jeder verdeutlichen, dass ich dieses kleinkarierte Denken nicht nötig hätte. Tja, im Nachhinein ist die Frage, wer da kleinkariert dachte. 😀

    Aber wozu werden wir mit jedem Lebensjahr erfahrener und weiser?

    Liebe Grüße
    Manon

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Das kenne ich auch, so zu denken. Ich dachte, auf diese Weise komme ich viel schneller dahin, dass es keine Rolle spielt, ob Mann oder Frau. Und ja, ich bin ganz froh, ein bisschen älter geworden zu sein. Mit der Weisheit, das sehen wir dann noch :)

    2. Manon Garcia

      Außerdem wollte ich auch Karriere machen beim Film. Hatte mich auch beworben, als die Fünf Freunde eine weibliche Hauptrolle zu vergeben hatten. Aus mir nicht erkenntlichen Gründen wurde ich nicht ausgewählt. 😀

      Aber das mit dem weise, na klar! Wir sind doch Frauen! :)

  2. Florian Binder

    „Ich habe also angefangen, in offiziellen Texten möglichst zu gendern, und habe den Stern für mich gewählt, weil der schön aussieht.“
    Haha, sehr schön begründet – mehr Substanz steckt da inhaltlich ja auch nicht hinter…

  3. Croco

    Das mit dem Stern ist hübsch.
    Ich weiß noch, als Angela Merkel zur Regierungschefin anstand und die Journalisten rumeierten und sie Frau Bundeskanzler nannten.
    Sie hat sich dann selbst die Berufsbezeichnung Bundeskanzlerin gegeben.

  4. Alban

    Hallo Pia,

    mir ist es auch wichtig, eine Sprache zu finden und zu gebrauchen, die nicht Vorurteile und ungerechte Strukturen und Gewohnheiten fördert und festigt.

    Bei manchen Wörtern fällt mir aber auf, dass es vielleicht gar nicht die Worte sind, sondern eher unsere Entscheidung für eine bestimmte Bedeutung, die das Wort in unserem Geist hat. Ich weiß nicht, ob meine Empfindungen bei einer sprachwissenschaftlichen Person Bestand hätten.

    „Nur“ heißt ja nicht unbedingt, dass etwas abgewertet oder klein gemacht wird. Es ist erst einmal ein Ausdruck, der gebraucht wird, um eine Ausschließlichkeit anzudeuten. Ich bin nur das, das und nichts anderes. Das Problem istdemnach nicht das „nur“ in der Situation, die du oben schilderst, sondern dass wir das Weibliche abwerten oder/und abgewertet haben über lange Zeiträume hinweg.

    Ob Ärztin kleiner klingt als Arzt, kann ich erst mal nicht sagen, bei Baum und Bäumchen liegt das Kleinmachende wohl an der Endung „chen“. So macht das Kosewort „Kindchen“ das Kind kleiner, und sicherlich niedlicher und mehr der aufmerksamen Zuwendung wert, weil wir Kleinheit ja auch – wenn auch nicht ausschließlich – mit Schönheit und anderem („small is beautiful“) assoziieren.

    Ich sehe den ganzen Ansatz um eine gendergerechte Sprache aber auch kritisch, weil er der Idee der Identität einen Vorrang beimisst. Will ich aber meine Identität als Frau/Mann betonen, wenn ich, doch viel mehr bin? In diesem Sinne ist jede Identität eine arge Begrenzung dessen, was ich tatsächlich bin. Das finde ich sehr bedenklich.

  5. Alban

    Eines habe ich vergessen zu erwähnen, zu der Frage um Baum, Bäumchen: Wie ist es dann mit dem Plural Bäume? Liegt hier dann auch eine klein machende Wirkung vor? Nach meinem Empfinden nicht. Diese Wirkung ist allein der Endung „chen“ zuzuschreiben.

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