Das steht mir jetzt zu

Als ich im Oktober die ersten #metoo Tweets las, dachte ich sofort an eine Situation, die mir passiert war, und die ich lange nicht vergessen konnte.
Mir ist nichts passiert – nicht dieses Mal – aber sie enthielt eine entscheidende Sekunde, nach der ich seither in jedem #metoo-Bericht suche, und jedes Mal werde ich fündig.
Ich schrieb einen tweet der nicht mehr online ist, weil ich meine tweets automatisch nach 3 Monaten löschen lasse (dies aber nun überdenke) mit dem Wortlaut:

Der nette WG-Gast ohne Anklopfen in Unterwäsche in meinem Zimmer: „Ich hab den ganzen Abend mit dir geredet, das steht mir jetzt zu“ #MeToo

Pia Ziefle (@FrauZiefle)17. Oktober 2017 

Die Sekunde

Es ist nicht der Gast an sich, nicht sein männlich-Sein, nicht das grenzverletzende Zimmerbetreten, nicht die Unterhose.
Es ist ein Gedanke in meinem Kopf. Und dieser Gedanke lautet: „Stimmt ja.“
Er hatte sich den ganzen Abend mit mir unterhalten, wir hatten ein sehr gutes Gespräch geführt, wir hatten gegessen und Bier getrunken, ich war ja Single (was er wusste), und ich hatte ihn umarmt, als wir müde wurden und er in das Gästezimmer der WG verschwand und ich in meins.
Er stand also tatsächlich ganz folgerichtig in meinem Zimmer!

Das wurde ich lange nicht los. Das Gefühl, schuldig zu sein, in so eine Situation zu geraten. Die Situation überhaupt als übergriffig zu verstehen. So viele Frauen berichten von genau demselben Gefühl. Waren sie nicht ins Auto eingestiegen? Hatten sie nicht zugestimmt, noch etwas zu trinken? Hatte ihnen der Abend denn nicht gut gefallen mit diesem Mann?
Immer will ich aufspringen und wütend in den Fernseher steigen, die Zeitung zerreißen, das Internet abschalten – denn verdammt nochmal, wo kommt das her, das andauernde Schuldgefühl? Dieses immer immer verantwortlich gemacht werden für die Untaten des Anderen?

Narrative

Dazu kommen die Narrative der (Fernseh)-Filme und Serien meiner Jugend, aus den 80er und 90er Jahren.
Ich erinnere mich an größtes Unbehagen bei Szenen, in denen der Mann die weibliche Protagonistin noch ein wenig „überzeugen“ musste, weil sie ja nur „Nein sagt, aber Ja meint“. Selbstredend hat das mein Bild geprägt davon, wie Männer und Frauen miteinander umgehen, und das Drehbuch für die Szene oben schrieb sich von ganz allein. Als ich das ZEIT-Dossier über Wedel las dachte ich einmal mehr darüber nach, inwiefern diese Täter sich selbst rechtfertigten und reinzuwaschen versuchten, indem gerade sie fleißig an diesen Narrativen mitschrieben, dieses Mal im Fernsehen oder auf der Bühne oder im Film, vor ein paar Jahren waren es hochdekorierte Pädagogen, die sexuelle Gewalt an Kindern als Konzept vertreten durften.

Der nette WG-Gast oben hat blaue Flecken davongetragen, weil ich in der Situation reflexhaft reagiert hatte und ihn anbrüllte und heftig packte und aus dem Zimmer schob, und ich muss den Impuls unterdrücken, dies nicht aufzuschreiben, weil das ja auch nicht richtig ist: jemanden zu schlagen womöglich.

Die Anderen

Es gibt – ebenfalls wie in so vielen #metoo-Berichten -, einen dritten gemeinsamen Aspekt: den der Menschen, die Bescheid wussten. „Wir hätten dir das vielleicht sagen sollen, dass er so ist“, sagten die anderen nämlich, einige davon Frauen, einige mit einem schiefen, etwas schrillen Lachen in der Stimme.

JA, verdammt nochmal. Das wäre enorm richtig gewesen. Dann hätte ich mich nicht wochenlang plagen müssen mit schlechtem Gewissen wegen ein oder zwei blauen Flecken, und ich hätte jetzt, fast 20 Jahre danach, nicht immer noch ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich daran denke. Weil ich jedes Mal denke, wie eine kaputte Schallplatte, dass er Recht hatte und ihm für seine zeitliche Investition doch eine Gegenleistung zugestanden wäre.
Es ist wie in jeder anderen traumatischen Situation: sie kommt immer wieder, als wäre sie Gegenwart, und immer muss ich ganz aktiv jeden Schritt denken: dass es ihm NICHT zugestanden hat. Nie. Und niemandem.

Heute Abend wird in „hart aber fair“ über #metoo diskutiert, und mein tweet wird unter Umständen dort zitiert werden.

Zum Weiterlesen:

«Die sexuell selbstbestimmte Frau ist eine Fata Morgana»

 

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