Beste*r sein.

Was Kinder lernen sollen, bestimmen wir. Wir sind Teil einer Welt, in die sie erst noch eintreten dürfen. Wir sind die Erwachsenen, wir sind die Gesellschaft. Wir waren selber Kinder, wir haben selber die Schwelle überschritten, wir wissen, auf was es dabei ankommt, oder auf was es dabei angekommen wäre. Daraus leiten wir ab, was Kinder lernen sollen.
Wettbewerb standhalten, beispielsweise. Konkurrenz aushalten, ausstechen, überwinden. Gewinnen wollen. Vorne mit dabei sein. Punkte machen. Urkunden, Abzeichen, Anstecknadeln, Fahrradaufkleber, Pokale, gerahmte Sinnsprüche, Büchergutscheine. Alles für’s Regal, für die Schulvitrine. Oder den Familienschrein.

Disziplin sollen sie haben, Ehrgeiz, Durchhaltevermögen, Biss.
Sie sollen „was wegstecken“ könne, keine Pussys werden.
Abgehärtet sein – vorbereitet auf „das Leben“.

Aus dem Kommentaren der letzten Tage zu Christine Finkes Petition lese ich vor allem eines: viel Schmerz. Von denjenigen, die auf der Seite derer gestanden haben, die es „nicht gepackt“ haben, auf einem der Spielfelder mitzuhalten, und derjenigen, die mit aller Macht behaupten müssen, ihnen hätte das auch nicht geschadet, und was einen nicht umbringt, macht einen hart.
Die nicht anders können als auf jemanden einzuhacken, der vielleicht genau für das steht, was sie sich für sich selber gewünscht hätten: jemanden, der die Verfasstheit seiner Kinder ernst nimmt und in Fürsorge nach einer Lösung sucht.

Für mich ist über die Petition hinaus noch mehr notwendig: über den Leistungsgedanken nachzudenken.

Ich war noch nie eine Freundin von Frühförderung, ich habe noch nie viel davon gehalten, Kinder von A nach B zu kutschieren, damit sie Sport / Musik / Breakdance / Quantenphysik  machen können. Ich bin nach wie vor felsenfest davon überzeugt, dass es keine Zeitfenster für irgendetwas gibt, es sei denn, man möchte Primaballerina im Kinderballett werden, aber wie viele von uns betrifft das?
Zeitfenster sind eine Erfindung von Menschen, die mit Zeitfensterpanik eine Menge Geld verdienen. Sie rangieren für mich im Ansehen auf derselben Stufe wie Kieferorthopäden, das aber nur am Rande. Sie sind böse. Sie träufeln Eltern ein hochwirksames Gift in den Bio-Salat: „du machst dich schuldig“ heißt es, oder „du bist verantwortlich für das Glück deines Kindes“, oder „denk an die Zukunft deines Kindes, seine Berufschancen, seinen Platz in der Gesellschaft“.

In Wahrheit wollen sie nur unser Geld und die Zukunft des Kindes ist ihnen wurster als Wurst.

Dabei sollten wir da mal kurz einen Blick drauf werfen: haben wir die Zukunft unserer Kinder in der Hand? Hatten unsere Eltern unsere Zukunft in der Hand? Ganz ehrlich?
Haben wir die Zukunft unserer Kinder in der Hand, indem wir sie von früh bis spät von einer Schulungsmaßnahme zur anderen fahren, statt uns um den Zustand jener Zukunft zu kümmern, für die die Kinder fitgemacht werden sollen? Einfache Antwort: nein, haben wir nicht.

Wir sollten uns lieber darum kümmern, wie wir leben wollen. Ob wir wirklich davon überzeugt sind, nur an der Spitze von irgendetwas zu sein, verheißt Glück. Ob wir sicher sind, dass nur Anführer*innen abends satt werden, und nur die Besten nachts eine Schlafstatt finden. Sind wir? Dann weiter mit Wettbewerb und Aussieben und Ellbogen und Konkurrenz. Und nicht vergessen: diese Gegebenheiten haben wir selber geschaffen, oder unsere so netten Eltern. Und die noch viel netteren Großeltern. Hat sicher niemandem geschadet. Soll bestimmt alles so bleiben.

Wenn wir daran aber nur den leisesten Zweifel haben, dann sollten wir uns unsere Kinder nochmal ansehen und ihre Talente erkennen. Die sie alle schon längst haben. Jedes Kind für sich. Und dann sollten wir alles daran setzen, dass das Kind in Kontakt kommen kann mit dem, was es mitbringt. Dafür brauchen wir aber Familien, die wertschätzen, was ihr Kind kann und ist, die aufhören, rund um die Uhr zu optimieren, und wir brauchen ein Bildungssystem, das nicht mehr auf Aussieben aus ist, sondern auf Vertrauen, Zuversicht, Erkenntnis und Respekt.

Beim Sportunterricht damit anzufangen, finde ich gar nicht mal so verkehrt.

 

3 Gedanken zu “Beste*r sein.

  1. Anita

    Danke!

    Zitat: „wir brauchen ein Bildungssystem, das nicht mehr auf Aussieben aus ist, sondern auf Vertrauen, Zuversicht, Erkenntnis und Respekt.“

    Dann und nur dann kann auch der „verwegene“ Gedanke der Inklusion auch wirklich in den Köpfen ankommen.

    Ein weiter Gedankensprung……… ich denke nicht!

    Zitat: „Ob wir sicher sind, dass nur Anführer*innen abends satt werden, und nur die Besten nachts eine Schlafstatt finden.“

    Ich bin mir sicher, dass der falsche Ansatz ist.

    Die Hackordnung

    https://de.wikipedia.org/wiki/Rangordnung_%28Biologie%29
    https://de.wikipedia.org/wiki/Hackordnungstheorie

    sollte aus humanitären Gründen wohl wirklich abgeschafft werden!

  2. Johannes Mirus

    Ich finde, das sind gute Gedanken, die du hast. Ich wünschte, es wäre möglich, in einer Welt mit weniger oder gar keinem Wettbewerb zu leben. Aber so ist das leider nicht und wenn wir ehrlich sind, war es allzu oft Wettbewerb, der die Menschheit voran gebracht hat (aber auch zu fürchterlichen Katastrophen führte).

    Ausgerechnet beim sportlichen Wettbewerb mit der Abschaffung zu beginnen, halte ich persönlich für verfehlt, weil ich der festen Meinung bin, dass er der am wenigsten schädliche in der Langzeitsicht ist.

    1. Pia Ziefle Artikel Autor

      Nach meiner Vorstellung haben wir die Sache mit dem Wettbewerb durch. Alle Karten sind freigespielt, alle Questbäume durch – wir haben uns den Editor verdient. Und den müssen wir jetzt füreinander einsetzen, wenn wir noch eine Weile friedlich zusammen leben wollen. Was nur kooperativ gelingen kann. Deswegen bin ich so überzeugt von der Schädlichkeit von Wettbewerb.

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